SUBWAY TO SALLY

Unterm Galgen

10.08.1997, 18:25, Text: Autor unbekannt

In Abwandlung einer bekannten Redensart behaupte ich: Das Auge hört mit. Da fällt auf, daß Geigerin Frau Schmidt auf dem Backcoverfoto ein knappes Leibchen - neudeutsch auch Girlie-Shirt - trägt. Das wirft zwei Fragen auf: Darf man sie jetzt duzen? Und geschah der neue Look auf Geheiß des notorischen Schwerenöters Eric? \"Nein, das war ihre eigene Entscheidung\", stellt Gitarrist Ingo Hampf klar. \"Das Foto verdeutlicht aber, daß wir dringend einheitlichere Kleidung brauchen - vor allem auf der Bühne: Der eine trägt Army-Look, der andere Leder-Klamotten und der nächste springt im Jeans&T-Shirt-Outfit über die Bretter. Das kommt nicht so gut.\"
Ritterrüstungen o.

ä. wird es allerdings nicht geben. \"Wir wollen doch nicht zur Karnevalstruppe mutieren! Für meinen Geschmack herrscht bei unseren Konzerten oft eh schon viel zu viel Party-Stimmung, die die Ernsthaftigkeit unserer Musik etwas untergräbt.\" Die Clubs müssen ja nicht gleich zum \"Bannkreis\", so der Titel des neuen Werks, erklärt werden, aber angesichts der deutlich düstereren Grundstimmung der Scheibe ist Fußball-Atmospohäre sicherlich fehl am Platz. Die Potsdamer haben ihrerseits ganz bewußt auf die typischen Mitgröhlpassagen verzichtet. \"Wenngleich es sich nicht um ein Konzeptalbum handelt, so wollten wir doch eine durchgehende Atmosphäre haben. Da bei uns die Texte immer vor der Musik entstehen, und deren Thematik diesmal eher ernster war, hat 'Bannkreis' diesen dunklen Touch.\" Dabei sind SUBWAY TO SALLY noch härter geworden und blasen PANTERA-like Riffs raus, die so heavy sind, daß einem beim Bangen ein Schnauzbart wächst (also Vorsicht, meine Damen!).
Für die angesprochene Tendenz der Texte finden sich zahlreiche Beispiele: Neben unmißverständlichen Titeln wie \"Mephisto\", \"Zu Spät\" oder \"Element Des Verbrechens\" fällt vor allem \"Unterm Galgen\" auf. Die geschilderte Hinrichtung weist nämlich Parallelen zu Konzerten auf, wobei die Musiker das zweifelhafte Vergnügen der Rolle des Verurteilten haben. \"So hab' ich das noch gar nicht gesehen\", kokettiert Co-Sänger und Akustik-Klampfer Bodenski (nicht zu verwechseln mit Dieter Burdenski), von dem wiederum alle Lyrics stammen. \"Inspiriert wurde ich von einem historischen Roman, in dem der Verurteilte vor der Hinrichtung noch ein Lied singt, in dem er alle verflucht, die ihn unter den Galgen gebracht haben.\"
Ähnlich intensiv hat sich Ingo musikalisch in den Abschluß-Track eingearbeitet. \"Syrah\" basiert auf einem Stück aus dem 16. Jahrhundert, zu dem es nur eine altfranzösische Lautentabulatur gibt, die er bislang nicht lesen konnte. \"Deswegen mußte ich mir in der Bibliothek erst mal Material darüber besorgen. Auch wenn's aufwendig war, die Aktion hat sich für mich voll gelohnt, denn als ich den Track zusammen mit Syrah [nomen est omen] eingespielt habe, war ich tief berührt.\" Die junge Gastsängerin, die eigentlich Siggi heißt, haben die Jungs zufällig mal live gesehen. \"Wir waren von ihrer Stimme so begeistert, daß wir sie direkt angequatscht und zu einer unserer Shows eingeladen haben.\"
Bei soviel sorgfältiger Vorarbeit blieb für Rolant Prent (u. a. RAMMSTEIN) nicht viel zu produzieren. Durch seine Vision, wie SUBWAY TO SALLY klingen sollen, trug er dennoch sein Scherflein zum Gelingen von \"Bannkreis\" bei.
And now something completely different: Frontmann Eric Fish, der, sobald sich die holde Weiblichkeit nähert, stets zum Hecht im Karpfenteich wird, behauptet neuerdings, um sein Schürzenjäger-Image abzuschütteln, daß er auf Männer stehe. Bei allen erlaubten Zweifeln hat er ein verdammt gutes Argument in der Hinterhand: \"Ich habe mir ein zweites Loch zugelegt. Kürzlich hatte ich nämlich einen Abszeß am Steiß, der operativ entfernt werden mußte und einen riesigen Krater zurückließ.\"



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aus Intro #47 (September 1997)
 
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