Ween

Spaß vs. Frust: Unentschieden

09.08.1997, 11:52, Text: Autor unbekannt

Hier, in den noch etwas ruhigeren Randbezirken dieses pittoresken rtchens, wohnt Mickey Melchiondo. Es ist eine relativ neue Siedlung größerer Grundstücke, vor denen bevorzugt deutsche Autos stehen und amerikanische Flaggen wehen, eine hügelige Landschaft, ein bürgerliches Paradies. Auch Mickey hat sich in seine Umgebung eingefügt: Vor dem Haus steht ein BMW, Stars&Stripes-Wimpel zeigen den gewundenen Weg zum Eingang. Der Rock'n'Roll, den wir hier bislang vergeblich suchen - er ist zum ersten Mal in dem Gesicht zu ahnen, das uns um 12 Uhr mit verkniffenen Augen die Tür öffnet. Es ist ein knautschiges, unterschwellig spaßbereites Gesicht mit weit auseinander stehenden Augen, einem großen Mund und vielen Locken.

Unter dem Gesicht ist ein T-Shirt, auf dem steht WEEN. Wie, ist dieser wohlsituierte Vorstadtrebell etwa ein Fan der kultisch verehrten Meta-Pop-Band WEEN? Nein - er ist WEEN. Gene Ween, genauer gesagt. Fast, um es zu beweisen, führt er uns durch das beschauliche Heim zu 'seinem' Zimmer, dem Raum, wo ein Computer, ein paar Instrumente und eine Reihe säuberlich aufgehängter WEEN-Poster davon künden, daß hier Popkultur stattfinden könnte, möglicherweise aber auch nur die jedermensch bekannte Jungs-Rebellion gegen elterliche Einrichtungs-Maßgaben. Als wenige Minuten später aber noch Aaron 'Dean Ween' Freeman kommt, der kleinere, dicklichere der falschen Brüder, kann kein Zweifel mehr herrschen - dies müssen sie sein, das berühmteste Duo des eklektischen Underground, das uneheliche Kind von Lennon/McCartney und Eugene Chadbourne. Zumal sie sofort, fast reflexartig, zu ihren akustischen Gitarren greifen, Mickey, um den im Hintergrund laufenden BeBop zu begleiten, und Aaron, um ein paar Evergreens darüberzulegen. Fasziniert von soviel entspannter Selbstverständlichkeit, brauche ich ein paar Minuten, bevor ich mich zaghaft in Erinnerung bringe. Ob es denn wirklich so sei, wie in einem Artikel zu lesen war, daß sie 'The Mollusk', das neue Album, als einen großen Schritt zurück sähen?
M: Nein. Nur in bezug darauf, wie wir diese Platte gemacht haben. Aber das Songwriting ist definitiv weiterentwickelt. Die Stücke haben mehr Parts. Statt zwei haben sie jetzt drei.
? Aber sie wirken trotzdem unfertiger als auf 'Chocolate & Cheese'.M: Ja, da gebe ich dir recht. Das lag an der Aufnahmesituation. ? Nach 'Chocolate & Cheese' sah es so aus, als könntet ihr jetzt richtig groß werden und nur noch opulente Pop-Produktionen machen.
M: Yeah. Yeah. Das wäre cool. Wir haben ein wenig gehofft, daß 'Chocolate & Cheese' so etwas für uns tut. Daß es nicht geklappt hat, hat uns frustriert, und dann haben wir eine Country-Platte gemacht.
? Aber die Platte war doch kein Flop?M: Nein ich mache Witze. Ich erinnere mich noch an die Worte von Andrew Weiss, der zu 'Chocolate & Cheese' gesagt hat: 'Ich möchte, daß das eine Platte wird, die sowohl Skateboard-Kids wie auch Sekretärinnen gut finden.' Er als Produzent hat dieses Ziel gesetzt, und wir hatten nichts dagegen. Und in diesem Sinne hatten wir auch Erfolg. Es ist die Lieblingsplatte meiner Eltern.
? Obwohl einige Texte drauf sind, die Eltern möglichweise nicht so schätzen.M: Ja, aber im Vergleich zu 'The Pod' - ich weiß nicht, wie weit sie es da geschafft haben. Oder als wir unsere erste Platte gemacht haben, die habe ich ihnen auch gegeben, mit den Worten: 'Hey, seht mal, wir haben eine Platte gemacht', und 'You Fucked Up' war der erste Song.
? Gibt es auf der textlichen Ebene den Wunsch, Leute zu provozieren oder wenigstens zu irritieren?
M: Nein. Ich glaube nicht. Wir machen keine Musik, um Leute zu strafen.? Und ihr seid auch nicht auf den 'Parental Advisory'-Sticker aus. M: Niemals. Der ist so häßlich. A: Wir hätten es fast geschafft mit dieser Platte, aber durch 'Blarney Stone' haben wir ihn dann doch bekommen.
? Ist es nicht so, daß ihr, wenn ihr ein besonders poppiges Stück habt, eher kaputte Texte dazu addiert, um die Balance zu halten?
A: Ja, manchmal schon, bei 'Spinal Menengitis' war es so. ? Was denkt eure Plattenfirma eigentlich über die neue Platte?M: Wir wissen es nicht wirklich. Es gibt nur wenig Kontakt. Und wir geben keine Aufnahmen im Vorfeld heraus. Wir haben es geschafft, vier Platten auf 'Elektra' zu haben.
A: Sie bringen sie raus. Das ist es im wesentlichen. ? Ist es eure Absicht, WEEN auf dem Level zu halten, das ihr jetzt erreicht habt?M: Nicht wirklich. Wir hätten nichts gegen größere Shows und mehr Geld und Radioplay. Es ist nicht so, daß wir bewußt unsere Karriere sabotieren. Obwohl mir aufgefallen ist, daß viele von unseren Fans nicht wollen, daß wir größer werden. Ziemlich egoistisch. Sie machen sich echte Sorgen, wenn sie uns einmal auf MTV sehen.
? Wie definiert ihr Progression? Ist die Suche nach komischen Aufnahmesituationen etwas, was euch vorantreibt?
A: Ja, wie bei dieser Platte zum Strand zu gehen und isoliert zu sein war wirklich gut für uns. Und der Ozean im Winter war wunderschön, sehr inspirierend. Ja, andere Situationen sind definitiv gut.
? Und andere Musiker in die Aufnahme einzubinden? M: Das tun wir immer. Es ergibt sich meist dadurch, wer gerade in der Nähe ist. Wenn du hier gesessen hättest, während wir die Platte aufgenommen haben, wärest du wahrscheinlich auch drauf. Aber es beginnt immer mit uns beiden. Und wir sind auf Quantität aus, wir nehmen immer sehr viel auf.
? Könnt ihr euch vorstellen, so wie mit der Country-Platte noch mal tiefer in einzelne Genres einzutauchen?
A: Wir könnten es tun, aber es wäre hart. Wir sind musikalisch viel zu vielschichtig, Mickey interessiert sich zum Beispiel gerade sehr für Jazz-Gitarre, also könnte es durchaus sein, daß die nächste Platte eine Art Jazz-Folk-Album wird. Aber es könnte auch völlig anders sein. Wir können nicht einer Sache treu bleiben. Und daß die Country-Platte so wurde, wie sie ist, liegt nur daran, daß wir unsere Stücke an einem Ort aufgenommen haben, wo es nur Country-Musiker gibt.
? Habt ihr jemals Probleme, euch zu motivieren? M: [überlegt] Ich glaube, ich bin zum ersten Mal in meinem Leben etwas frustriert darüber, daß wir für das, was wir machen, nicht mehr Geld und Respekt bekommen, weil ich all diese beschissenen Bands sehe. Ich habe noch nie so gedacht, aber jetzt werde ich so langsam ein klein wenig bitter.
? Spornt dich das nicht an, es ihnen zu zeigen? Zu zeigen, daß ihr Erfolg haben könnt, wenn ihr wollt?
A: Wir wollen erfolgreich sein, aber auf unsere Art. Leider mußt du in den 90ern buchstäblich ausverkaufen, wenn du nach oben willst. Wir müßten eine Platte wie SILVERCHAIR machen.
M: Das würde auch nicht helfen. Das wäre nur eine noch größere Provokation. ? Aber diese Idee des Beweisens, beweisen, daß ihr eine Country-Platte machen könnt ...M: Viele Leute haben diese Platte so interpretiert, daß wir etwas beweisen wollen. Tatsache ist, daß es jeder machen kann, nur tut es keiner. Ich glaube, wir könnten nicht kämpfen. Wenn wir einen Song wie 'Wavin' My Dick In The Wind' schreiben, hätten wir nicht die Disziplin, ihn nicht auf die Platte zu tun. Wir bleiben uns treu. Wir wollen Spaß haben und hoffen, daß wir damit eine Million Platten verkaufen. Gleichzeitig haben wir noch nie über eine Single nachgedacht.
A: Die meisten Bands würden einen Song, den sie zwar mögen, der aber nicht in das Format 'Pop-Song' paßt, weglassen. Wir nicht.
? Und eure Plattenfirma hat euch auch noch nie darum gebeten?M: Nein. Nur einmal, bei 'Spinal Menengitis', da hat uns jemand gefragt, ob wir das Stück nicht an eine andere Stelle tun könnten, weil es der zweite Song auf der Platte war. Daraufhin haben wir darüber nachgedacht, ob wir ihn nicht ganz an den Anfang packen.
A: Wenn wir jemals berühmt werden sollten, dann nur so, wie wir sind.? Aber ihr seid in einem gewissen Zirkel sehr populär.M: Na ja, die Leute denken sonstwas über uns und wissen nicht wirklich, wer wir sind. Ich habe viele Kritiken gelesen, und diese Leute sind total ignorant, sie haben keine Ahnung. Es ist deutlich, daß sie der Meinung sind, uns zu kennen, aber sie könnten nicht falscher liegen. Immer wieder steht da: 'Diese Typen sind Meister der Parodie.'
A: Sie sehen uns nicht als Band. Es ist völlig respektlos. Für sie sind wir keine Musiker, sondern eher Spinal Tap. Und das ist das Stigma, mit dem wir wahrscheinlich immer zu tun haben werden.
M: Es ist wirklich traurig, denn gleichzeitig ist da draußen ein Haufen Bands, die Millionen Platten verkaufen und in Stadien spielen, und sie haben kein Stück in ihrem Repertoire, das es wert wäre, als Song bezeichnet zu werden.
? Ich glaube, das wesentliche Problem ist, daß ihr Humor habt und die meisten Menschen nicht.
M: Ja, die Leute können damit nicht umgehen. Deswegen hat die Country-Platte auch diese Reaktionen hervorgebracht. Es ist eine echte Rock-Kritiker-Mentalität. Es darf keinen Humor haben.
? Wie wichtig ist New Hope für WEEN? M: Ich glaube, es ist wichtiger, als uns klar ist. Ich habe kaum Orte gesehen, die mir besser gefallen. Eine wirklich komische Umgebung, um aufzuwachsen.
? Warum?M: Es ist klein und sauber, aber die Leute hier sind ziemlich strange. Es ist eine der wenigen öffentlichen Highschools, die nicht von Sport dominiert wird. Bei uns war es nicht so, daß du ein Trottel bist, wenn du nicht im Football-Team bist. Jeder war irgendwie subversiv auf seine Art. Die meisten Familien sind dreimal geschieden, und es gibt viele künstlerische Leute hier. Ein guter Ort, um als frei denkender Mensch aufzuwachsen.
Oder um dem völlig un-amerikanischen Spiel Badminton zu frönen. Dazu bahnen wir uns den Weg an verschiedenen gemütlichen Sofa-Garnituren, dem Kamin samt aufgestelltem Hochzeitsfoto und zahlreichen anderen Insignien des privaten Rückzugs vorbei auf die große Veranda und hinunter in den paradiesischen, leicht hügeligen Garten, wo ein aufgespanntes Netz von häufiger Aktivität kündet. Das dann unter totalem körperlichen Einsatz vollzogene Duell zwischen WEEN und INTRO (Dirk und mir) endet in literweise Schweiß, angenehmer Schlaffheit und einem klaren Unentschieden.



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aus Intro #47 (September 1997)
 
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