COLDCUT

Honey, They Got Rhythm

08.08.1997, 16:44, Text: Autor unbekannt

Jonathan More und Matt Black sitzen in einem gediegenen Kölner Restaurant und nerven die anderen Gäste: \"Wow, gutes Break!\" - \"Und jetzt, achte auf die Snare!\" Zwei dicke Macintosh Powerbooks, Aktivboxen und Kabelsalat stapeln sich auf dem Tisch und lassen endlose, sich ständig morphende Breaks und Beats durch den Raum tönen. Man mag es nicht glauben: Die zwei schrägen Vögel - einer sieht aus wie der Blonde von \"Wayne's World\" im Hawaii-Hemd und der andere wie ein älterer Rockmusiker in Jogginghosen - sind Legenden. Der ehemalige Kunstlehrer Jon, 40, und der 36jährige Ex-Programmierer Matt (der Blonde) zündeten als COLDCUT nicht nur die Karrieren von YAZZ und LISA STANSFIELD, mit Klopfern wie \"Doctorin' The House\", \"The Only Way Is Up\" oder eben \"Say Kids ...\" rockten sie in der House-Steinzeit auch so manchen Tanzboden.

Matt wiegelt den Hinweis auf die Dance-Oldskool ab: \"Zehn Jahre sind zwar eine Ewigkeit in der Tanzmusik, aber nur ein Klacks in der gesamten Musikgeschichte. Außerdem fühle ich mich, als hätten wir gerade erst angefangen.\"
\"Angefangen\" bedeutet für Matt eigentlich 1991, als die beiden ihr eigenes Label \"Ninja Tune\" gründeten. Damals steckten sie tief im Musikbusiness fest, und keine Plattenfirma verstand ihre eigentlichen musikalischen Visionen. \"Das Musikbiz\", sagt Jon heute, \"ist wie eine Poliermaschine, die alle unebenen Sprünge und Ecken wegrubbeln will. Wir bevorzugen aber eine nette, rauhe Patina.\" Diese Vorstellung von Rauheit verwirklichten Matt und Jon, indem sie junge, kreative und offenherzige DJ- und Musikertalente um sich versammelten und diese zu Ninja-Kämpfern für die Funkiness ihres kleinen Indie-Outlets heranzogen. \"Das Label bedeutet endlich Freiheit für uns\", erklärt Matt. \"Wir sind wie Gärtner, die Sämlinge setzen und sie pflegen, um das Musik-Ökosystem zu stabilisieren.\" Und siehe, die Sämlinge wuchsen zu so prächtigen Pflanzen wie DJ FOOD, THE HERBALISER, FUNKI PORCINI oder AMON TOBIN heran.
Gleichzeitig mit \"Ninja Tune\" gründeten COLDCUT die Software-Firma \"Hex Media\", die laut Matt zu einer \"multi-armierten Posse zur Manipulation multipler Klang- und Bild-Quellen\" heranwachsen soll. \"'Hex' hat aber bis heute noch keinen Penny verdient. Es ist unsere Forschungs- und Entwicklungsabteilung.\" Neben Software für Video-Scratching, Liveshow-Visuals und ernsthafte Kunst-Installationen hat das \"Hex\"-Kollektiv jetzt die grandiose \"Playtime\"-Software zur Marktreife gebracht: ein selbständiger, kreativer Beat-Generator mit Live-Mixmöglichkeiten, der auch besagtes Kölner Restaurant beschallt.
J: Wir haben unseren Maschinen beigebracht, wie man funky sein kann, und sie uns. Damit können wir alle Musiker sein. Diese ikonische Verehrung von Superstar-DJs und -Musikern ist eh Schwachsinn.
M: Rockstartum geht ja noch: Star-DJs sind die schlimmsten, da haben viele ja noch nicht mal Charakter oder sexuelle Ausstrahlung. Und die meiste Computer-Musik ist wie Sex mit einer Maschine: ein Fick mit immer der gleichen Geschwindigkeit. Das kann ja ganz großartig sein - aber nach einiger Zeit will man dann doch ein bißchen mehr Variation.
? Wollt ihr mit euren Track-\"Aussagen\" und mit den Spoken Word-Kollaborationen, etwa mit JELLO BIAFRA, denn auch Inhalte in die Tanzmusik zurückbringen?
J: Ja, definitiv. Die meiste Tanzmusik ist so leer, es geht nur um \"in your face\". Das ist zwar eine Zeitlang klasse, aber dann verliert es seinen Geschmack, wie ein Kaugummi am Bettpfosten. Die Leute tanzen heute nur noch zu dem Klang ihrer eigenen Egos.
M: Man braucht beides: Party und Inhalt.? Eure neuen Stücke lassen teilweise richtig muckermäßige Kompliziertheit raushängen. Und noch dazu Euer Provo-Slogan \"Fuck Dance, Let's Art\" - seht ihr da nicht die Gefahr, daß das Ganze zu kopfgesteuerter Frickel-Musik umkippt?
M: Klar, könnte sie, aber wir sind doch immer noch im Funk geerdet. Das hält uns am Boden, vor allem am Tanzboden.
J: Zuviel Kunst bringt nur Kinn-Kneterei und wenig Tanzen, wie zum Beispiel bei SQUAREPUSHER und Konsorten. Glaubst du denn, wir sind zu weit gegangen?
? Na ja, vielleicht ein Schritt noch, dann wärt ihr drin. Tanzbar sind die Tracks jedenfalls nicht.
M: Das kommt dann live. Da wollen wir das Album mittels \"Playtime\" in eine eher Tanzflur-orientierte Version remixen - also mit direkter Resonanz des Publikums im Club.
Allzubald werden Matt und Jon, die sich ob ihrer Bejahrtheit auch \"Oldcut\" zu nennen pflegen, wohl nicht in Kreativitäts-Pension gehen. Matt jedenfalls gibt sich forsch-forscherisch für COLDCUTs und \"Ninja Tunes\" fortschreitende Musik-Wissenschaft: \"Wir kriechen immer noch da draußen im Dunkeln rum, und ab und zu finden wir etwas Interessantes. Da zünden wir dann eine Kerze an und sagen den anderen: 'Come and check this out.'\"



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aus Intro #47 (September 1997)
 
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