MOUSE ON MARS
Jugend Musiziert
05.08.1997, 13:20, Text: Autor unbekannt
- Medienrauschexpress -Andi: \"Früher hab ich so 'ne Kindergitarre gehabt, der Korpus war aus Styropor oder so. Die hab' ich dann an alte Röhrenradios angeschlossen, drei in einer Reihe, weil ich das laut haben wollte. Gab halt ein tierisches Feedback, auch bei den Nachbarn.\"
Also wieder mal: etwas benutzen. Defektes und Intaktes, Hauptsache, es hat seinen eigenen Kopf. Den Fehlerquellen ermutigend zugenickt. Abfallprodukte mutieren zu elektronisch verstärkten Paradieswelten, im Hintergrund das Rauschen und Blubbern der Südsee. Irgendwie auch Schrammelmusik (beliebtester Allgemeinplatz: \"Die haben Indiekids zum Techno gebracht\", dabei haben MOM mit schnödem 4/4-Techno nun wirklich nichts am Hut).
MOUSE ON MARS ist seit der Veröffentlichung ihres Debüts \"Vulvaland\" vor drei Jahren schon ziemlich viel untergeschoben worden.
Denn das sind die beiden Optionen, die Jan und Andi am meisten interessieren. Sich die Freiheit zu nehmen, Musik zu machen, die mehrere Perspektiven und Annäherungsweisen erlaubt, die irgendwie \"falsch\", also gegen die Bedienungsanleitungen, funktioniert, die aber trotzdem nett ist und Spaß machen soll. Und der eigene Kosmos wuchert und wächst an allen Ecken und Ende. Etwa MICROSTORIA, Jans Projekt mit dem OVAL-Mitglied Markus Popp, die inzwischen turnusmäßige Zusammenarbeit mit Laetitia Sadie von STEREOLAB, das Projekt YAMO zusammen mit KRAFTWERKs Wolfgang Flür oder zuletzt der Soundtrack für einen nie zustande gekommenen Film. Viele Anknüpfungspunkte an das umtriebige Köln-Düsseldorfer Duo.
Eine Offenheit, die bei MOUSE ON MARS sowohl musikalisch als auch in ihrem Auftreten als Band programmatisch ist. Der Titel des neuen Albums \"Autoditacker\" zeigt das auch auf. MOUSE ON MARS sind selbstbewußter geworden, verkleiden sich gern auch mal als Popstars, um im nächsten Moment in noch größeres Gewusel abzutauchen. Die Musik als fröhliche Selbstbehauptung.
Jan: \"Der Titel soll halt zeigen, daß wir uns in unserem eigenen Kosmos bewegen. Das Wort ist sowohl ähnlich mit 'Autodiktator' oder 'Autodidakt', und das sind beides Momente unserer Arbeit. Es geht halt darum, daß sich etwas aus sich selbst heraus entwickelt, über sich selbst bestimmt. Das ist wie bei einem wissenschaftlichen Experiment, daß man eben über eine Sache nur eine Aussage machen kann, wenn man einen Bezugspunkt in dem Ablauf einnimmt. Wir wollten nicht so klingen, wie man eben 1997 klingen muß, damit man zwischen Indie und Elektro irgendwie so mitmischen darf. Das Album ist selbstbewußter, etwas zackiger vielleicht. Trotzdem richten wir uns immer nach unseren Sounds. Die bestimmen eigentlich, wie die Musik sich entwickelt. Wir sind nur so was wie die Erziehungsberechtigten unserer Songs.\"
- Eine Muh, eine Mäh -Damit wären wir schon beim zentralen Problem. Denn wer hätte gedacht, daß sich traumatische Kindheitserinnerungen hinter den freundlichen, blinzelnden Klangtierchen von MOM verbergen. Andi wollte nämlich als Kind das Klavierspielen lernen, mußte dann aber mit Blockflöte anfangen, weil sein Vater von dessen Mutter, einer ausgebildeten Opernsängerin, zum Klavierspielen gezwungen wurde. Eine Familientragödie. Dann Andis Flötenunterricht in einem Gemeindehaus in Holzbüttchen, irgendwo bei Düsseldorf: \"Ich mußte da immer zum Küster, bis ich dann irgendwann keine Lust mehr hatte und mir die Gitarre gekauft habe.\"
Jan: \"Ich war auch bei so 'nem Kirchenkurs Blockflötespielen. Die haben mir farbige Punkte an die Löcher gemacht, weil ich mir die Noten nicht merken konnte. Als sie die dann abgemacht haben, habe ich aufgehört.\"
Andi: \"Der klebt sich jetzt noch Punkte auf seine Tasten. Bei unserer Peel-Session hat er die ganze Orgel abgeklebt.\"
Das Blockflötentrauma überwunden, kümmerte sich Andi intensiver um Popmusik. Während also Jan Anfang der Neunziger die Kölner Kassettenszene mit allerhand obskuren 4-Spur-Aufnahmen (natürlich mit Blockflöte und Maultrommel etc.) beglückte, erleichterte Andi in Düsseldorf gerade ein Major-Label um den Vorschuß für die Produktion seiner Band JEAN PARK. Der Grundstock für das eigene Studio: \"Denen war wohl nicht klar, daß sie das Zeug nie verkaufen können. Da hab ich mir gesagt: 'Okay, das wird eben die letzte Platte', und denen gesagt, daß ich die selbst produzieren will, also mein eigenes Equipment brauche.\"
Jan: \"Ich wollte damals zusammen mit meinem Freund F.X.-Randomiz, der einen Hälfte von HOLOSUD, 'ne Platte machen, und wir haben den Andi gefragt, ob er uns das mischen kann. Wurde zwar nichts draus, aber wir haben dann zusammen die Musik für VOX gemacht, die damals zum ersten Mal auf Sendung gingen. Der Sender war in seiner ersten Form leider nicht sehr erfolgreich, was wahrscheinlich daran lag, daß die Moderatoren so schlecht zu unseren Sounds paßten. Die sahen halt schlecht aus, stotterten nur rum und wußten überhaupt nicht, worum's ging. Jetzt kannst du VOX abhaken.\"
Andi: \"Wir haben uns irgendwo kennengelernt, bei irgend so einem Musikwettbewerb, Jugend Musiziert oder so, ich glaub', das heißt jetzt PopKomm. Später haben wir festgestellt, daß wir in unserer Experimentierphase ganz ähnlich mit Musik umgegangen sind. So mit zwei Kassettenrecordern irgendwelche Sachen geloopt, und wir haben beide diese Zeitung, wie heißt die noch [Jan: \"Intro\"], nein, wo's die Spiele drin gab. Yps, wir waren beide begeisterte Yps-Leser.\"
- Haustiermidifizierung -Aus Yps-Lesern werden dann Leute, die ihre Songs z. B. nach japanischen, virtuellen Hosentaschen-Karnickeln einfach \"Das Tamagnochi\" nennen (schreibt sich eigentlich ja \"Tamagotchi\"). Smells like Urzeitkrebse. Und die Sache mit der Erziehung. Man baut die Dinger zwar selbst zusammen, dann krabbeln sie einem aber von allein in der Tasche rum. Der Song jedenfalls schlägt zu Beginn fast schon MICROSTORIA-mäßig Blasen, um nach kurzer Zeit in ein amtliches Mitwipp-Schlagzeug (übrigens live immer von Schlagzeuger Dodo gespielt) überzugehen, das dann wiederum kurz darauf in tiefem Bassblubbern untertaucht. Im Gegensatz zu MICROSTORIA wird aber neben den Geräuschbausteinen immer auch ein loses Rhythmusgerüst mitgeliefert, das den Song transportiert.
Jan: \"MICROSTORIA ist wie so'n Hund, der manchmal nicht weiterlaufen will. Dann zieht man an der Leine, und der legt sich auf den Rücken und so. Das ist halt reine Festplattenmusik. MOUSE ON MARS sind da eher sportlich. Wir spielen uns die Bälle zu, und wir können auch andere auffordern, mit uns ein Spiel zu spielen. Bei MOUSE ON MARS geht es ja auch darum, mit so ganz offensichtlichen Sounds, die schon irgendwo belegt sind, trotzdem was Intelligentes zu machen. Die ganzen Kleinteile sind essentiell für die Songs, denn ohne die wär' da kein Stück mehr.\"
Also etwas wachsen lassen, und das, was dann so munter vor sich hin wuchert, nachher wieder zurechtschneiden. Ableger machen, Zufälle und Fehlerquellen mit einbeziehen. Das ist dann auch irgendwie Dub, also Musik, die unter bestimmten Versuchsanordnungen im Studio entsteht, bei der die Technik gegen den Strich gebürstet wird.
Da paßt es auch ganz gut rein, wenn in einem WDR-Fersehfeature anläßlich der letzten Platte, \"Iaora Tahiti\", Andis kleiner Sohn Nico im Studio mit möglichst vielen, wahlweise defekten Spiel- und Musikinstrumenten rummacht, während der Papa und Jan nebenan die Bandmaschine laufen lassen und die Ergebnisse am Mischpult weiter bearbeiten. Denn außer der Tatsache, daß hier eine schrecklich nette Familie am Werke zu sein scheint, unterstreicht das auch, daß hier die Musik eben nicht \"geschrieben\" wird, sondern einfach \"entsteht\".
Dadurch, daß den Geräuschen und Sounds immer wieder Raum gelassen wird, sich selbst zu gehören (nach JOHN CAGE eine der größten Herausforderungen beim Komponieren), entstehen immer wieder unvorhersagbare Momente, in denen vermeintlich bekannte Versatzstücke in etwas völlig Neues hinüberrutschen. Dann fangen die Maschinen an, selbst zu sprechen.
Andi: \"Wir arbeiten gerne mit vorgegebenen Strukturen, die es halt musikideologisch gibt. Aber wir nehmen auch immer die Fehler, die dabei entstehen, mit rein. Deshalb klingen die Stücke auch häufig so, als ob man da was kennt, dann aber auch wieder nicht.\"
Jan: \"Es ist uns halt wichtig, daß unsere Musik eine gewisse Komplexität hat, ohne kompliziert zu werden. Daß man die von verschiedenen Seiten her verstehen kann. Da gibt's halt Leute, die stehen auf komische Sounds, andere wollen was zum Tanzen, anderen gefallen die lustigen Melodien, wieder andere interessieren sich für die Schichtung und die Struktur der Stücke.\"
Andi: \"Wir machen Sachen eben lieber mit Humor. Andererseits ist MOUSE ON MARS sehr ernst, denn das ist die Musik, die wir machen wollen.\"
Jan: \"Wir nehmen das schon ernst, das ist nicht bloß so 'ne Spielerei. Für viele sind wir nur komische Irre, die da mit irgendwelchen Geräten rummachen und komische Geräusche erzeugen, aber für uns sind das eben keine komischen Geräusche, sondern auch Musik.\"
Andi: \"Wenn wir arbeiten, gibt es ein paar Kontrollpunkte, wo wir vorsichtig werden. Wenn's zu ernst oder wenn's zu angeberisch wird.\"
Jan: \"So 'big sound', Hammer-Brett-Wumms, mögen wir einfach nicht.\"- Rheinische Spezialitäten Jan: \"Im Grunde sind wir eine Crossoverband, die bestimmte Klischees mit einbezieht, aber eben da, wo die brüchig sind, in was anderes übergeht. Du kannst bei uns viele fremde Elemente wiederfinden. Wir wollen nicht zu ambitioniert erscheinen, alles anders und alles besser zu machen. Wir wollen uns aber auch nicht langweilen und Stücke machen, bei denen nach den ersten acht Takten schon der ganze Song klar ist.\"
Und gelangweilt haben sich die beiden bei \"Autoditacker\" auf keinen Fall. Das ist Musik, die so ziemlich alles sein kann. Muntermacher, Musik zum Autofahren, zum Essenkochen und Abspülen, zum Entspannen, sowohl Kopfkino als auch Hintergrundmusik.
Von ihrem letzten Projekt, der Vertonung eines amerikanischen Untergrundfilms nach dem Strickmuster \"Trainspotting\" (Jan: \"So mit Drogen, Jesus, Liebe, irgendwie musicalmäßig ...\"), ist, nachdem der Film selbst gefloppt ist, nur noch die Musik übriggeblieben. Was wiederum an die bei MOUSE ON MARS so beliebte Technik erinnert, das Original irgendwann auszublenden und nur noch den Overdub zu behalten. Im Grunde verhalten sich der nicht mehr vorhandene Film und die Musik dabei so wie viele Stücke, bei denen das anfängliche Motiv nach kurzem ausgeblendet wird und in minutenlange \"Breaks\" mündet.
Andi: \"Die Filmmusik ist sehr gut geworden, weil sie auf die Bilder geschnitten ist. Da ergeben sich ganz verrückte Sprünge, die noch mehr auffallen, wenn man den Film nicht mehr dazu sieht.\"
Das zu überprüfen, wird man wohl bald schon Gelegenheit bekommen. Für den Herbst haben Jan und Andi nach einer Reihe von Konzerten die Veröffentlichung des Soundtracks auf ihrem eigenen neuen Label \"Sonig\" geplant.
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