OBLIVIANS

Popular Favourites

03.08.1997, 17:38, Text: Autor unbekannt

Am frühen Morgen des 22. Januar 1997 saß ein Mann im Zug von New Orleans nach Memphis. Sein Name: Quintron. Ein schweres Paket hing über ihm im Gepäcknetz. Ein Paket mit magischem Inhalt: eine Orgel. Als der Mann Memphis am späten Abend wieder verläßt, ist die legendäre Pophistorie der Metropole im Herzen von Tennessee um ein Kapitel reicher. Eine Jam-Session mit den drei ungleichen Gebrüdern Oblivian hat Gigantisches zutage gefördert. Der gewohnt schlampige Verve der Band wandelte sich auf dem vibrierenden Orgelteppich des Herrn Quintron zum punktgenauen Shuffle in einer Melange aus Soul, Spirituals und Gospelcovers. Die OBLIVIANS spielen mit einem Mal in der ersten Division der Rock-Erneuerer.

Wer also ist dieser ominöse Organist aus New Orleans, der den bluesigen Punkrockern von einst das Mitspracherecht um die vakante Rock'n'Roll-Krone einräumt? Greg erklärt: \"Quintron ist Besitzer eines Nachtclubs. In den Shows tritt seine Freundin als Sängerin und Tänzerin auf. Er sorgt dabei mit seiner sexy Orgel für den Sound.\"
Die OBLIVIANS haben den Kult-Ruf zu Klassiker-Format gewandelt. Dabei hat die Band an der authentischen Umsetzung ihrer Musik seit ihrem Debüt-Album \"Soul Food\" nichts verändert. Nach wie vor gilt: \"Wenn zu lange über Musik nachgedacht wird, verliert sie ihre Originalität. Wie MARVIN GAYE, der für seine Recording-Session immer die relaxteste Atmosphäre erreichen wollte und nur in bequemen Haltungen seine Songs einsang, bevorzugen wir das unmittelbare Aufnahmeverfahren in einer Livesituation, das ist für mich die entspannendste Version, Platten aufzunehmen. Ich würde mich unter Druck fühlen, wenn alles langsam und geplant vonstatten ginge.\" Knappe 15 Stunden hat das Einspielen des neuen Werks gedauert. Es hat nicht nur den dichtesten Sound in der Bandgeschichte. Es demonstriert - ganz nebenbei - auch, daß Gospel keineswegs den klerikalen Charakter einer heiligen Messe besitzen muß, um andächtig zu klingen. Die Traditionals der OBLIVIANS versprühen die Spiritualität des Verschrobenen. Ihr Blues geht fast so tief, als stimmten die großen Soul-Priester AL GREEN oder RUFUS THOMAS höchstpersönlich zum kollektiven Klagegesang an. Wie beurteilt Greg Oblivian die neue Qualität seines musikalischen Horizonts? \"Das erste Album war der Versuch, im Rahmen unserer Möglichkeiten als Anfänger Punkrock und R&B zu verbinden. Der Nachfolger 'Popular Favourites' brachte aus unseren Tour-Erfahrungen in Europa und den Staaten eine toughe Rockscheibe hervor, die tatsächlich klang, als würden Weiße Blues spielen. Nun haben wir auch andere Musikstile miteinfließen lassen und in progressiver Weise verknüpft. Aggressive Bedarftheit haben wir gegen Stilvielfalt getauscht.\" Die Cover-Botschaft von \"Popular Favourites\" erklärt sich folglich aus dem Erreichen einer höheren Ebene: \"Kill a Punk for Rock'n'Roll\", heißt es da. Ist der Rock denn die Endstufe der musikalischen Evolution? \"Rock'n'Roll ist die Mutation von Country, R&B und Blues. Keine dieser Stilrichtungen ist kulturell wegdenkbar. Solange keine Musik besteht, die von diesen Strömungen absolut unbeeinflußt ist, bleibt er das erstrebenswerteste Lebensgefühl.\"
Auf den Wogen dieser Attitüde haben die OBLIVIANS ihr Meisterstück gemacht. In 28 Minuten schlagen sie den Bogen von den Wurzeln in den frühen 50ern zum Rock im apokalyptischen Zeitalter der Pop-Synthetik. Sie sind nicht nur erwachsen geworden, sondern auch die komplette Version einer Rockband mit zwei Gitarren und einem Drumkit. Greg über die Konzentrierung aller Kräfte auf einem Tonträger: \"Ein gutes Album muß solide sein. Die Band muß happy mit der Produktion sein. Es muß gute Songs enthalten, und man muß danach tanzen können. Es werden jede Menge Platten herausgebracht, die einen Single-Hit enthalten und als Rest Fülltitel. Betrug!\"
Die Enkelgeneration von ELVIS, HAYES/PORTER und AL GREEN läßt sich demnach nichts zuschulden kommen. Memphis besitzt einmal mehr Vorbildfunktion für ein Image von Popkultur im Rahmen zukünftiger Spielarten.



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aus Intro #47 (September 1997)
 
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