16 HORSEPOWER
John Wayne is big leggy ...
03.08.1997, 10:17, Text: Autor unbekannt
Am liebsten würde er als lassoschwingender Planwagenfahrer auf Pionierpfaden nach Westen reiten. Doch die Zeiten für solche Abenteuer sind Vergangenheit. Also widmet sich der verknöcherte Musiker mit den tiefen Augenringen einem der letzten Abenteuer der Gegenwart: dem Rock'n'Roll. Als Kind sang er im Kirchenchor, der von einem Cherokee geleitet wurde. \"Die Songs wurden zu meinem größten musikalischen Einfluß\", sagt er, \"durch sie erfuhr ich nicht nur von der Tradition, die mein Leben bestimmt, sondern auch von der Dialektik des Lebens. Von der parallelen Existenz von Gut und Böse. Ich habe gelernt, daß Musik eine simple Wahrheit beinhalten muß.
Die Band, das ist neben Edwards der französische US-Exilant Jean Yves Tola. Während eines kurzen Abstechers nach Los Angeles lernte der Sänger aus Colorado den Pariser über die eigenartige Vorliebenäquivalenz für BOB DYLAN, LEONARD COHEN, NICK CAVE, JOY DIVISION und GUN CLUB kennen. Zusammen bilden sie seit vier Jahren das Gerüst von 16 HORSEPOWER. \"Wir haben vor, uns für jede neue Produktion andere interessante Musiker zu besorgen\", sagt der Franzose, der Edwards 1993 nach Denver folgte.
Über seine stark von Religion geprägte Initiation hegt der introvertierte Sänger in seinen Texten häufig den biblischen Gegensatz von Gott und Teufel. Auch die Erinnerungen an seine Kindheit prägen die Auseinandersetzung mit den religiösen Polen: \"Ich hatte eine verrückte Jugend. Meine Großmutter war eine morbide Frau. Immer schwarz angezogen, war sie als Gattin eines Predigers bei allen Beerdigungen in der Gegend dabei. Sie zeigte mir all die toten Menschen. Während sie mit den Angehörigen sprach, mußte ich mir die Leichen ansehen.\" Eine Erfahrung, die seinen Texten unter anderem den Ruf einbrachte, Teufelswerk zu sein. \"Ich glaube an Gott. Deshalb trifft es mich auch nicht, wenn die Leute denken, wir machten 'Teufelsmusik'.\"
Musikalisch versteht Edwards sich in der Tradition der jahrhundertealten Gospelsongs aus den Appalachen, die bereits in den zwanziger Jahren mit der CARTER FAMILY eine Renaissance erlebten. Aktuelle Einflüsse sieht er bei Klassikern der Straßenmusik: \"Die VIOLENT FEMMES waren so etwas wie unsere Vorläufer.\" Sein Steckenpferd ist Musik, die organisch ist. Der Sound von 16 HORSEPOWER geht ins Extrem. \"Wir suchen unsere Grenzen in ihr\", sagt Drummer Tola. Nicht nur die Schwere der Poesie zieht den Hörer in ihren Bann. Auch der harte Kontrast der Lyrik mit den bittersüßen Swamp-Hillibilly-Melodien trifft ins Herz. Der Arbeitsprozeß an den Songs zeugt von eigenartiger Transzendenz: \"Erst die Musik. Dann nehme ich das Buch, in dem ich alles niederschreibe, was mir so einfällt: Sätze, Wörter, Träume. Ich nehme eine Phrase und lasse die Stimmung auf mich wirken. Daraus setze ich einen Text zusammen und warte ein Jahr, ehe ich ihn verbessere. Erst dann kann ich mein Unterbewußtsein verstehen und mit einer neuen Bewußtseinsform ergänzen.\"
Auf ihrem neuen Album, \"Low Estate\", haben 16 HORSEPOWER die ästhetische Melange von Whiskygeruch, Hufgeklapper und Galgenstrick zur melancholischen Perfektion getrieben. Seit Sergio Leone hat niemand mehr so düstere Sehnsüchte im Westerngenre ausgelöst wie die beiden Stiefelträger aus Colorado. David Eugene Edwards ist kein Mann vieler Worte. Doch seine Augen glitzern kalt, wenn er seiner Vorliebe frönt, morbide Sagen aus dem Landstrich zu erzählen, in dem er aufwuchs. Beispiel: \"Je von Alfred Packer gehört? Er gehörte zu den Pionieren, die von einem Schneesturm in den Rocky Mountains überrascht wurden. Packer aß, während er auf Hilfe wartete, all seine Freunde auf. Als man ihn fand, hatte er bereits angefangen, seine Finger zu verspeisen. Man hat ihn verurteilt ...\"
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