Paradise Lost
düstere sekunden, düstere stunden
28.06.1997, 14:30, Text: Autor unbekannt
“Entschuldige, daß ich heute tot bin.” Diese Worte begleiten seinen eiskalten Handschlag. “Aber wir hatten gestern einen heftigeren Abend in irgendeinem wirren Techno-Club in Zürich. Und nach acht Monaten im Studio ist man dieses Rock’n’Roll-Leben gar nicht mehr gewöhnt.” Also doch nur ein lapidarer Kater! Vorbei die Mythen von den düsteren Untoten, die erst nach Sonnenuntergang aus ihren Höhlen kriechen, um einzigartig melancholische Musik zu machen? Gehören auch sie nur zur “Sex, Drogen und Rockmusik”-Fraktion? Ist ihr neues Album “One Second” doch kein Ausdruck jener verregneten, mythisch beladenen Weiten ihrer Heimat Nordengland? “Nun”, knurrt Nick, “hör dir die Musik an.
Das sagt der Sänger einer Band, die so klingt, als würde sie kollektiv kurz vor dem Selbstmord stehen. Von wegen Party! Die Düsternis wird auch auf “One Second” fortgeführt. Allein die Songtitel deuten schon in diese Richtung: “The Sufferer”, “This Cold Life” oder gar “Take Me Down”. Eingebettet in einen Sound, der noch weniger nach Metal klingt als die vorhergehenden Alben und digitale Spielereien wie Keyboards, Sampler und Computer integriert. Auch wenn sich Nick mit all der Energie, die er an diesem Tag noch aufbringen kann, gegen Vergleiche wehrt, werden spontan Assoziationen zu Bands wie SISTERS OF MERCY, TYPE O NEGATIVE, THE CURE oder gar die neuen DEPECHE MODE geweckt. Noch weniger Metal und noch mehr Atmosphäre. “Ja. Wir haben einerseits diese ganzen neuen Instrumente gekauft, die wir natürlich auch einsetzen wollten. Andererseits konzentrierten wir uns noch stärker auf die Songs und auf intelligente Arrangements. Wir blasen nicht mehr alles mit heavy Gitarren zu, sondern geben den Songs das, was sie verlangen. Wenn jetzt aber überall rumposaunt wird, daß wir Computer benutzt haben, klingt das so, als hätten wir uns in einen Techno-Act verwandelt. Das ist natürlich nicht der Fall. Wir haben die Gitarre ja nicht durch das Keyboard ersetzt. Wir fügen lediglich ein paar neue Klangfarben hinzu.” Wirken sich dabei die neuen technischen Möglichkeiten in prägender Weise auf die Kreativität aus? Wären diese Songs auch auf einem billigen Vierspur-Recorder so zustande gekommen, oder hat die neue Technik ein wenig den Weg bestimmt, den die Band jetzt einschlägt? “Ich denke, daß die Voraussetzungen einen Einfluß auf deine kreative Arbeit haben. Allein schon durch die Tatsache, daß diese ganzen Instrumente und Computer verfügbar sind. Du spielst mit ihnen rum und kommst auf neue Ideen. Aber du darfst darum nicht so großes Aufheben machen. Im Mittelpunkt muß immer noch der Song stehen. Und der diktiert dir, was du mit dem Sound machen sollst.” In diesem feinen Verhältnis zwischen Kreativität und Technik ergänzen sich die beiden Songschreiber von PARADISE LOST gut: “Greg Mackintosh [git] arbeitet sehr klinisch. Er legt viel Wert auf kleinste Details im Arrangement, ist der perfekte Techniker. Ich dagegen spiele kein Instrument. Ich höre auf die Stimmung, auf den Song, analysiere nicht unbedingt die Technik. Wenn der Song für mich nicht hörbar ist, bekommt er ein Veto.” Und tatsächlich steht immer noch das im Vordergrund, was die Band seit jeher ausgezeichnet hat: die melancholische Grundstimmung. Auch wenn das Keyboard einen prominenteren Platz im Gesamtsound erhalten hat, stehen die klanglichen Gimmicks nicht im Vordergrund. Sie ergänzen den Gothrock-Sound eher, dominieren ihn jedoch nicht.
Doch genau hier kann auch Kritik ansetzen. Denn obwohl sich die Band immer weiter aus dem ungeliebten Metal-Genre verabschiedet, bewegt sie sich nicht unbedingt hinein in ein eigenes. So ist der Rückgriff auf Stilmittel der oben bereits erwähnten Bands als eindeutiger Schwachpunkt von “One Second” zu werten. Wozu dieser Rückgriff auf Keyboardteppiche, auf Piano-Sounds, Stakkato-Gitarren und unheilschwangeren Gesang, wenn man sich doch mit all den neuen klanglichen Möglichkeiten beschäftigt? Und noch dazu mit Sank einen Mann hinter dem Mischpult sitzen hat, der schon CLAWFINGER einen modernen Sound für die 90er verpaßte? Angesichts mörderischer Kopfschmerzen kann Kritik Nick heute nicht treffen. “Eigentlich haben wir noch viel mehr Equipment gekauft, als auf der Platte zu hören ist. Aber bei diesem Kram müssen wir erst noch die Gebrauchsanleitung lesen und begreifen. Das Zeug ist dann auf der nächsten Platte zu hören.”
Bis dahin bleibt mit dem am 14.07. erscheinenden “One Second” und der im September beginnenden Tour genug Material, mit dem sich alte und neue Fans die düsteren Stunden vertreiben können.
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