Mary J. Blige

queen of hiphop-soul mit heimweh

28.06.1997, 10:45, Text: Autor unbekannt

Interviewtermin: Ms BLIGE visualisiert das Cover der INTRO-Mai-Ausgabe (wir erinnern uns: LARD-Jello Biafra sitzt lächelnd auf einem Sarg) und fragt aufgekratzt, ob das ein Sarg sei, auf dem dieser Typ da sitze, was der Interviewer lediglich mit einem unschuldigen Schmunzeln beantwortet. Die in Leopardendress und hohen Lederstiefeln aufreizend-gefährlich wirkende MARY zeigt sich daraufhin zutiefst entrüstet („This is sick, this is really sick!“), hält offensichtlich fortan den Interviewer nicht nur für den Hauptverantwortlichen in Sachen INTRO-Covergestaltung, sondern auch für einen schizophrenen Verfechter morbiden Gedankenguts. Entsprechend formal fällt dann auch ihre Antwort auf die Frage zur Einschätzung ihrer musikalischen Entwicklung seit dem Debüt „What’s The 4-1-1“ aus: „Meine Stimme ist in der Zwischenzeit gewachsen, textlich bin ich ein wenig tiefgründiger geworden, und an dem musikalischen Entstehungsprozeß bin ich auch weitaus stärker beteiligt als früher!“ Die Zusammenarbeit mit den R&B-Householdnames R.

KELLY, BABYFACE oder auch JAM & LEWIS auf ihrem aktuellen Album „Share My World“ erfolgte in einem „sehr guten Arbeitsklima“, wohingegen der Frage nach den Ursachen des vollständigen Bruchs mit ihrem langjährigen Produzenten, Freund und Mentor PUFF DADDY eher niedrige Bedeutung beigemessen wird: “Es war einfach so, daß ich mich weiterentwickeln wollte und tun mußte, was zu tun war ...“ In Anbetracht eines mit Dreifach-Platin ausgezeichneten MARY J. BLIGE-Albums („My Life“), ihrem Doppel-Platin-Debüt sowie den exorbitanten aktuellen Billboard-Erfolgen ihres Ziehvaters eine eher unbefriedigende Antwort. „Warum muß ER ein Teil meines Interviews sein? Dies ist ein MARY J. BLIGE-Interview, oder nicht??“
Der daraufhin in gegenseitigem Einvernehmen getroffene Entschluß, wieder über die aktuelle MJB-Produktion zu sprechen, entspannt die Lage etwas und liefert tiefe Einblicke zur Auswahl der Coverversionen auf dem Album: “Diese Songs erinnern mich daran, wie ich klein war und meine Mutter diese Songs gehört hat.“ Ausgeprägter Familiensinn auch in der Frage nach ihren Idolen: “Zum Beispiel die Frauen in meinem Leben. Meine Mutter und meine Schwestern.“ Ihren Titel und das Image als „Queen of HipHop-Soul“ empfindet sie keineswegs als aufgesetzt oder einschränkend: „Dieser Titel spiegelt genau das wider, was mein musikalischer Background ist: Ich bin mit HipHop groß geworden, aber eben auch mit Soul, R&B und allem, was Seele im Gesang hat. Und egal, was auf dem Gebiet des HipHop-Soul gefordert wird, ich kann es bringen! [...] Der Underground ist sehr wichtig für mich im HipHop. HipHop insgesamt ist sehr wichtig für mich, aber das Gesamtwerk ‘Musik’ ist mir noch wichtiger“, erläutert Flygirl MARY dann auch ihre Prioritäten. Die ursprünglich für dieses Album vorgesehenen Kooperationsmodelle mit den Rap-Weirdos REDMAN, OL’ DIRTY BASTARD sowie den HipHop-Producerkoryphäen RZA und ERICK SERMON sollen noch nachgereicht werden: “Viele Sachen mußten außen vor bleiben und werden wahrscheinlich auf verschiedenen Soundtracks erscheinen!“ Die Zukunft des modernen R&B, personifiziert durch D’ANGELO oder ihre Labelkollegen ERYKAH BADU und RAHSAAN PATERSON, verfolgt sie mit größtem Wohlwollen: “Ich mag deren Musik, und sie haben eine völlig andere Tür geöffnet. Nur ‘Real Raw Talent’ wird sich auf Dauer etablieren. [...] Es gab eine Menge Wärme in der Musik der 70er Jahre. Genau das brauchen wir heute wieder!“ fordert die plötzlich spürbar redefreudigere Soulstress.
Der Tatsache, daß etliche Menschen sie weniger für ihre Musik als für ihre einzigartigen Tattoos kennen, begegnet sie mit einer gewissen Gelassenheit und geht dazu über, ausgiebigst deren jeweilige Bedeutung zu erläutern: „Einige meiner Tattoos hab’ ich einfach aus Spaß, aber die meisten haben eine Bedeutung.“ So soll ein japanisches Symbol auf ihrem Handrücken „Stärke repräsentieren“, eine Rose auf dem Bein „einfach Sexyness“, ein Kreuz symbolisiert den gesamten Teil ihrer Familie, welcher bisher verstorben ist, und außer dem ihr eigenen Namen wurde auch ein schwarzer Schmetterling, „der einfach meinen Charakter als starke Frau symbolisiert“, auf ihrer Haut verewigt. Zum Abschluß weiht Ms BLIGE uns noch in ihre Zukunftspläne als Talentscout ein: “Ich arbeite gerade daran, ein eigenes Recordlabel aufzubauen, und suche nach echten Talenten. Ich werde in alle möglichen Bereiche damit vorstoßen!“
Nach Abschalten des Aufnahmegeräts verleiht MARY ihrer Erschöpfung über die nun zu Ende gehende zweiwöchige Promo-Tour Ausdruck und darüber, wie sehr sie ihre Familie vermißt. Von meinen besten Wünschen an ihre Familie begleitet, folgt noch ein abschließendes Händeschütteln - währenddessen unvermittelt ihre Sonnenbrille zu Boden fällt! Ein freundliches „Danke schön!“ und ein offenes Lächeln empfangen mich, als ich ihr das Trademark-hafte Requisit apportiere. Und für diesen kurzen Augenblick durfte ich sie doch noch teilen: die Welt der vom Heimweh geplagten Queen of HipHop-Soul!



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aus Intro #46 (Juli / August 1997)
 
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