The Prodigy

notizen aus dem punkgewerbe

26.06.1997, 15:49, Text: Autor unbekannt
[3 Kommentare]

”We will break America.” Bumm. Sätze wie diesen haut Liam Howlett im Dutzend raus. Die Arme lässig hinter den gebleichten Struppelhaaren verschränkt, wirkt er entspannt bis müde, während er die bescheidenen Zukunftspläne absteckt. ”Ich meine, wenn wir es nicht in dem Moment schaffen, in dem das Album rauskommt, wann dann? Wir haben gute Songs, gute Videos, eine gute Show. Wenn Amerika jetzt nicht bereit ist für THE PRODIGY, well, then fuck ‘em. Dann vergessen wir es einfach. Ich werde verdammt noch mal nicht nächstes Jahr wieder hingehen und darum bitten, daß sie das Album kaufen.” Kein Mann der leisen Töne. Die hat der musikalische Kopf von THE PRODIGY auch nicht mehr nötig, seitdem er mit den Singles ”Firestarter” und ”Breathe” über die Formel stolperte, mit der er die Welt erobern kann.

Das lang erwartete, am 30.06. erscheinende Album ”The Fat Of The Land” hat da nur noch den Charakter von Öl, das in ein Feuer gegossen wird, das schon jetzt die Ausmaße eines Steppenbrandes besitzt. Das Hyperventilieren der Medienlandschaft reicht aus, um die Musik in den Hintergrund treten zu lassen - niemand weiß, wie gut es sein wird, doch jeder will es haben, das Hipster-Album des Jahres.
In die erfolgsverwöhnte Bilanz paßt, daß der hochdotierte Deal für den US-Markt bei MADONNAs Label ”Maverick” ebenso unter Dach und Fach ist wie Auftritte im Rahmen der prestigeträchtigen Lollapalooza-Tour. Sie sind fresh and exciting - und machen doch schon seit sieben Jahren als THE PRODIGY Musik. Sie sind todsichere Chartbreaker - und haben mit ihrem innovativen Stilmix die verkrusteten Grenzen zwischen den Marktsegmenten Dance und Rock zertrümmert. Sie bedienen sich schamlos aus dem Fundus des Horror-Rocktheaters - und tragen dennoch eine Aura der Unberechenbarkeit mit sich herum.
Während andere sich auf das ”Give the people what they want”-Spiel beschränken, haben die vier Briten dem Satz etwas Entscheidendes hinzugefügt: ”Make sure it’s THE PRODIGY that they want.” Oder, um ein anderes schönes Sprichwort aus ihrer Heimat zu bemühen: ”Who breaks the rules, makes the rules.” Dessen ist sich Sänger und Entertainer Maxim sicher: ”Die Kontrolle ist auf unserer Seite. Wir haben etwas Eigenes kreiert und wollen nicht, daß sich da jemand einmischt, nur aufgrund des Levels, das wir mittlerweile erreicht haben.” Und Liam fügt hinzu: ”Natürlich müssen wir uns zu einem gewissen Grad in diesem Business bewegen. Aber wir entscheiden immer noch, welche Shows wir spielen, wie wir aussehen, welche Songs als Singles veröffentlicht werden, welche Songs auf die Platte kommen, wie das Cover aussieht, wie die Videos aussehen. Für mich sind das die entscheidenden Dinge, über die wir Kontrolle haben müssen. Für uns gibt es keinen Kompromiß. Wir sind nicht die SPICE GIRLS.” Warum dann Auftritte in Shows wie MTVs „Fashion Rock“? War es nicht ein Kompromiß mit dem Business, weil eine hohe Einschaltquote sicher ist, wenn die Supermodels über den Laufsteg stolzieren? ”Diese Mode-Geschichte haben wir eigentlich nur gemacht, weil wir die Idee mochten, daß wir die ganze Aufmerksamkeit von den Models ablenken konnten.” Liam erklärt, er rechtfertigt sich nicht. Und Keith war eh nicht begeistert: ”In Wirklichkeit war es ein absolut bepißter Ablauf. Sie haben uns vor der Show gesagt, daß sie uns dringend für die Proben bräuchten. Da mußten wir ihnen leider sagen: ‘Sorry Leute, wir proben nicht.’ Vor der Show hieß es natürlich auch: ‘Du darfst auf keinen Fall in die Nähe der Models kommen. Und der Catwalk ist ohnehin tabu.’ Na ja, das erste, was du dann machst, ist halt, auf den Catwalk zu springen und zwischen den Models rumzuturnen. Und danach bin ich in die Promi-Area gerannt, habe rumgespuckt und auf Johnny Depp gesabbert.”
Womit mal wieder deutlich werden dürfte, was THE PRODIGY haben an dem Mann mit den bunten Borsten und dem etwas zu dick aufgetragenen Lidstrich. Er kann zwar nicht singen, genausowenig, wie er tanzen kann. Er hat sich mittlerweile auch einen Bierbauch zugelegt, aber ihm gelingt die Mischung aus Entertainment und Widerwärtigkeiten, aus Provokation und Personality so gut, daß er einfach everybody’s darling sein muß. Der Punk, den alle mögen, weil er doch so herrlich verrückt ist. So sind sie eben, die 90er. Das Publikum hat derart viel gesehen und erlebt, daß die Schockgrenze unerreichbar hoch gesteckt ist. Für die Punks der ersten Generation war es ein Leichtes, die Gesellschaft zu schocken, indem sie sich sabbernd, fluchend, mit bunten Haaren und zerfetzten Klamotten über die Bühne wälzten. Wenn Keith das heutzutage macht, tut es seinem Status als Identifikationsfigur keinerlei Abbruch. Selbst ekliges Gewürm in Videos ist eher Standardausstattung als Symbol der Provokation.
So beschränken sich THE PRODIGY mit ihrer Punk-Attitüde aufs Business und ihren kleinen, privaten USA-Haß, dem Keith passende Worte verleiht: ”In den USA sagen dir alle Leute immer: ‘Wir hier drüben machen alles ein bißchen anders.’ Womit sie meinen: ‘Entweder ihr macht es so, wie wir es wollen, oder ihr macht es gar nicht.’ Darauf können wir nur sagen: ‘Schön für euch. Macht es, aber dann macht es ohne uns.’ Nimm zum Beispiel die Fotosessions der Hochglanzmagazine. Wir wissen einfach, wie es da abläuft: ‘Ach, Maxim, honey, willst du nicht ein dunkleres Top anziehen? Deins ist mir irgendwie zu ... hell.’ Und wir sagen nur: ‘Leck mich. Wir ziehen deine Sachen nicht an.’ Es gibt einfach zu viele Fotos von Leuten, die vollkommen dämlich aussehen mit ihren Designer-Klamotten, in denen noch die Falten drin sind, weil sie gerade frisch aus dem Koffer kommen.” Und Liam fügt ein aktuelles Kapitel hinzu: ”Dasselbe gilt für die Labels. Wir hatten diese verrückten drei Wochen, in denen uns so ziemlich alle Major-Labels der USA einen Plattenvertrag angeboten haben. Aber ich will meine Zeit nicht mit Leuten vergeuden, die mir ständig erzählen, wieviel Geld sie in die Band investieren und was sie dafür von uns als Gegenleistung erwarten. Wir wollten ein Label finden, das die Band versteht und uns gut promoten kann, aber nicht zu groß ist. ‘Maverick’ schien uns das richtige zu sein. Deshalb haben wir bei ihnen unterschrieben.” Dazu noch mal Keith: ”Wir gehen eben nicht zu den Leuten und sagen: ‘Bitte, bitte nehmt uns. Wir freuen uns tierisch auf die Zusammenarbeit und auf all das Geld, das wir dank eurer Hilfe verdienen werden. Und auf den Hype und unsere erste Fahrt in einem Porsche.’ Wer mit THE PRODIGY zusammenarbeiten will, muß eine langfristige Perspektive entwickeln. We are here to stay.”
So redet jemand, der mit Leib und Seele Punk ist - oder aber eine Position innehat, aus der heraus er es sich leisten kann. Im Idealfall beides. Und die vier wissen einfach, daß für sie der Fall kaum idealer sein könnte. Aber es ist nicht Arroganz, die aus ihren Worten spricht, sondern der Stolz über das, was sie tun. Liams Augen leuchten sogar hinter der Sonnenbrille, wenn er vom neuen Album erzählt. ”Ich halte es für das beste Material, das ich je geschrieben und produziert habe. Ich bin wirklich stolz darauf. ‘Music For The Jilted Generation’ würde ich im nachhinein eher als Konzeptalbum sehen, während die neue Scheibe wesentlich kompakter ist. Du kannst jeden einzelnen Song des neuen Albums rausnehmen - sie sind alle stark genug, um für sich allein zu stehen. Jeder Track hat ein Konzept und einen Flow in sich. Bei ‘Jilted’ waren manche Tracks so stark aufeinander bezogen, daß man sie nicht als einzelne Songs verstehen konnte.” Stimmt also der Eindruck, daß er sich mit dem neuen Material stärker in die traditionelle Richtung des Songaufbaus bewegt und damit gleichzeitig weg vom dance-orientierten Material, in dem Rhythmus und Sound wichtiger sind als eine in sich geschlossene Struktur? ”Genau. Es ist wesentlich mehr Gesang auf dem Album. Schließlich haben wir mit Keith und Maxim gleich zwei Sänger. Als Gäste arbeiteten außerdem der Rapper Kool Keith und Crispian Mills von KULA SHAKER an jeweils einem Song mit. Natürlich war es uns wichtig, den Bezug nicht zu verlieren zu dem, was wir vorher gemacht haben. ‘Funky Shit’ zum Beispiel ist eher so ein Techno-/DJ-Track mit vielen Samples, den wir aber trotzdem schon seit einiger Zeit live spielen. Die Reproduzierbarkeit der Studiotracks auf der Bühne ist uns sehr wichtig, denn das ist das Medium, in dem wir uns hauptsächlich bewegen. Wir sind eine Live-Band.”
Deshalb steht bei ihnen ein Element unangetastet im Mittelpunkt: Energie. Der gegenseitige Austausch von Power zwischen Band und Publikum ist ihr zentrales Anliegen. In diesem Zusammenhang macht Liam ein verblüffendes Geständnis: ”Wenn ich ins Studio gehe, versuche ich immer wieder, denselben Song zu schreiben. Ich habe dieses eine Ding im Kopf. Es ist noch nicht mal ein Song, es ist vielmehr ein Sound, der die tierische Energie festhält, die in der Band steckt. Selbst wenn ich mir vornehme, einen ruhigeren Track zu schreiben, denke ich immer wieder daran, daß er live gespielt werden soll. Die Idee und der Anspruch sind stets dieselben - nur ist das Ergebnis zum Glück immer ein anderes.”
Zu diesem Konzept paßt auch die Art, in der THE PRODIGY ihren Gesang und ihre Texte einsetzen: Sloganartige Sätze erhalten den Vorzug vor ausladenden Geschichten. Auch hierzu hat Liam Erstaunliches zu sagen: ”Hinter dem, was Maxim und Keith machen, steht die Idee, daß es nicht zu kompliziert werden soll. Und das ergänzt sich sehr gut mit der Musik. Denn die kann auf zwei Ebenen operieren: auf einem intelligenten und einem dummen Level. Das dumme Level ist das, was die meisten Leute verstehen. Das, was sie als erstes hören. Und so höre ich auch Musik. Wenn ich eine Platte auflege, dann möchte ich mich erst mal nicht hinsetzen und überlegen, was der Künstler mir damit sagen will. Ich höre ‘I’m the firestarter’, und das ist eine direkte Message, die man sofort versteht. Doch obwohl sie direkt klingen, kann man nicht behaupten, daß unsere Lyrics straight sind. Sie haben alle diesen Umkehrpunkt, den man wahrnehmen und interpretieren kann.” - Darf man also deine Aussage so verstehen, daß ihr das, was du ”dummes Level” genannt hast, bewußt in die Konzeption eurer Musik einbezieht? Denkt ihr darüber nach, wie THE PRODIGY so simpel und plakativ wie möglich klingt, damit auch noch der schmalste Schmalspurdenker auf euch abfahren kann? - ”Um das zu erklären, muß ich ein bißchen weiter ausholen“, rückt Liam das Bild wieder etwas gerade. „An PUBLIC ENEMY zum Beispiel gefällt mir am meisten Chuck D.s Stimme und die Art, wie sie mit den Beats zusammenarbeitet. Ich habe die Musik am Anfang nicht auf einem politischen, intelligenten Level gehört. Die Kontexte und Hintergründe haben mir einfach gefehlt, um den politischen Gehalt seiner Aussagen erfassen zu können. Aber die Energie hat mich umgehauen. Und diese Erfahrung kannst du auf uns übertragen. Wir wollen die Songs nicht mit Texten überfrachten.”
Dennoch kann man vermuten, daß die Band so clever ist, das Kalkül der Massentauglichkeit nicht unberücksichtigt zu lassen. Zumindest bildet THE PRODIGY einen Nenner, auf den sich zur Zeit erstaunlich viele und erstaunlich unterschiedliche Menschen einigen können. Zum Glück bleibt dabei nicht die Qualität und Innovation der Musik auf der Strecke. Hoffen wir, daß dieser Zustand noch ein paar Tage länger anhält, lehnen wir uns zurück und genießen wir das Verstreichen der letzten Stunden vor dem Erscheinen von ”The Fat Of The Land”. Danach kommt ohnehin die Sintflut.



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aus Intro #46 (Juli / August 1997)
 
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  • motorbiber 09.04.2002 | 09:30:50

    "we are here to stay"...?!? Ja, wo sind sie denn? schade, dass langfristige Perspektive mit Spinnweben-Ansetzen verwechselt wird ;o)... Leben die eigentlich noch?

  • Mani Zwo 09.04.2002 | 10:26:05

    Prodigy sind geilomat!

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