Skint Labelporträt

mehr energie!

22.06.1997, 18:49, Text: Autor unbekannt

“We have the technology to create a new boogie.” In dem kleinen Büro im Städtchen Brighton klingelt das Telefon permanent. Veröffentlichungswillige Bedroom-Produzenten müssen sich mit dem Anrufbeantworter rumschlagen, das Fax spuckt laufend Informationen aus, und per Post trudeln ständig neue Demotapes ein. Von diesem Büro aus leitet Damian Harris, früher Journalist unter anderem für das I-D, sein kleines Imperium mit dem Namen „Skint“. Ursprünglich als Unterabteilung des britischen House-Labels „Loaded“ gestartet, überholt der Nachwuchs beim Umsatz inzwischen den großen Bruder. “Ich hatte früher bei ‘Loaded’ mit Platten-Verticken zu tun, also wußte ich, wie das Geschäft läuft”, erzählt der ehemalige Angestellte Damian.

“1995 war die Zeit dann richtig, um etwas Neues aufzuziehen. Wir wollten Sachen rausbringen, die ein bißchen mehr Energie hatten als normaler TripHop und die du ordentlich im Club spielen konntest.” Der Vorhang hob sich also für „Skint“, dem die „Loaded“-Macher eigentlich höchstens drei Releases prophezeiten. Das paßte zum Namen des neuen Kindes, bedeutet “Skint” doch “total abgebrannt”, gleichzeitig ein kleiner Seitenhieb auf den großen Label-Bruder, dessen Name “Loaded” in der englischen Umgangssprache auch für “stinkreich” steht.
Doch schon das erste Release, “Santa Cruz” von FATBOY SLIM, einem alten Kumpel Damians, schlug wie eine Granate in die Tanzböden dieser Welt ein. Im Zuge des dann folgenden Höhenflugs von rockistischen Elektronik-Klängen stieg auch der krachende Acid-Hop von „Skint“ in neue Bekanntheits-Sphären auf. Die “Big Beats” des Labels - eine Genre-Bezeichnung, die Damian zu Recht doof findet - erregen inzwischen auch in den USA Aufmerksamkeit. “Das wird langsam alles ein bißchen albern”, amüsiert sich der Chef. “Die Ami-Labels sind jetzt verrückt nach ‘Electronica’ und schmeißen mit Geld nach allem, was danach riecht. Das ist eine regelrechte Panik.” Der Major-Geldattacke hält er “ein nettes, familiäres Umfeld zum Platten-Veröffentlichen” entgegen, ist sich aber dessen Grenzen bewußt: “Ab einer bestimmten Stufe von Markterschließung können wir natürlich nicht mehr mit den Majors mithalten. Darum würde ich unseren Acts nie verweigern, so ein Angebot anzunehmen. Denn um ganz ehrlich zu sein: BENTLEY RHYTHM ACE, FATBOY SLIM oder HARDKNOX sind alles potentiell richtig große Dinger, die Major-Unterstützung brauchen.” Ein Grund, warum eben diese drei inzwischen bei der Industrie unterschrieben haben. “Es hat mich eine Zeitlang um den Schlaf gebracht, als ‘Wall of Sound’ öffentlich jegliche Major-Kooperation ablehnten. Denn alle guckten auf uns und wollten wissen: ‘Was wird Skint jetzt tun?’ Aber es geht darum, sie zu benutzen, statt dich von ihnen benutzen zu lassen - solange wir der Kern von allem bleiben.”
Heute bekommt Label-Kapitän Damian, der selbst als MIDFIELD GENERAL auf „Skint“ veröffentlicht, “Berge von Tapes mit langweiligem Klischee-TripHop” zugeschickt: “Viele sind fürchterlich, aber bei manchen spürt man das Potential und denkt: ‘Vielleicht ein Jahr braucht er noch.’” Wer schließlich auf seinem Outlet veröffenlicht, entscheidet allein Damians Instinkt: “Die Musik muß irgendwie meine Aufmerksamkeit erregen, wenn ich durch das Demotape spule. Sie darf nicht formelhaft nach einem Genre klingen.” Eben darum beschränkt sich „Skint“ weniger auf ballernde, dröhnende Chemical Beats, als sein Ruf zunächst glauben macht. “Ich vergleiche unser Labelprogramm immer mit dem DJ-Set einer ganzen Nacht: Es gibt interessante, komplizierte Platten zum Aufwärmen, dann etwas tanzbarere Midtempo-Stücke und schließlich den Höhepunkt des Abends, die verrückten Dinger. Ich erwarte von niemandem, daß er alles auf ‘Skint’ mag - dazu sind die Sachen zu verschieden.”
Den großen John Peel hält Damian für den Urvater dieser ganzen rockend-repetitiven Stilsuppe, hat dieser doch erst viele Indie-Hörer mit HipHop und elektronischen Beats in Berührung gebracht: “Vor John Peel steckten wir in unserem Gitarren-Krams fest, dann kam HipHop, dann Acid House, und jetzt kommt alles im großen Mischtopf zusammen.” Den schlonzigen Mega-Stars von den CHEMICAL BROTHERS jedenfalls gönnt er den Erfolg mit dieser Stil-Verquirlung: “Es gibt diese Momente auf unseren Platten, wo wir echt rocken, und sie haben den Weg für solche Art von Musik freigemacht.” Doch trotz des immer größer werdenden Wirbels um dicke Breaks und rockende Beats im Windschatten der großen drei - CHEMICAL BROTHERS, PRODIGY und UNDERWORLD - bleibt Damian mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Tanzfläche: “Wenn der ganze Boom vorbei ist”, plant er, “dann möchte ich mit ‘Skint Records’ als einem Plattenlabel dastehen, das immer noch relevante, besondere Musik veröffentlicht. Ein Label, auf das die Leute achten werden.”



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aus Intro #46 (Juli / August 1997)
 
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