Sugar Ray
stellen wir uns mal ganz dumm
22.06.1997, 16:51, Text: Autor unbekannt
Auch sonst ist er ganz Bilderbuch-Ami-Rockstar: sitzt im abgedunkelten Hotelzimmer und hat ebenso wie Bassist Rodney ununterbrochen eine Sonnenbrille auf der Nase. Andererseits - wer weiß, wie die Nacht war? Lassen wir ihnen also ihre kleinen Spleens. Daß man bei SUGAR RAY mit pc-lastigen Erwartungen nicht weit kommt, zeigte schließlich schon das Cover des 1995er Debüts „Lemonade & Brownies“. Dort räkelte sich eine der „Baywatch“-Darstellerinnen splitternackt auf einem Bärenfell. Mit ihrer Attitüde sind sie jedenfalls auch in ihrer Nachbarschaft in South Los Angeles überaus beliebt. Mark führt aus: „Wir haben alle zusammen ein Haus gemietet, in dem wir schon seit dreieinhalb Jahren wohnen.
Was auch damit zusammenhängen könnte, daß man den hauseigenen Keller zum Proberaum umfunktioniert hat. Da werden die lieben Nachbarn ja geradewegs erleichtert gewesen sein, die Band nach dem Release des Debütalbums fast eineinhalb Jahre auf Tour zu wissen. „Wir haben viel in den Staaten gespielt, waren in Japan und haben drei Europatouren gemacht - zweimal alleine und einmal im Rahmen der SEX PISTOLS-Reunion-Shows im Sommer letzten Jahres. Erst im Herbst konnten wir anfangen, zu Hause an der neuen Platte zu werkeln. Sie hatten also lange genug ihre Ruhe, höhö.“ Jaja, die neue Platte. „Floored“ heißt sie, was „umgehauen“ bedeutet, und ungefähr so waren auch die bisherigen Reaktionen. Sehr viel homogener als auf „Lemonade & Brownies“, scheint man im Hause SUGAR RAY seine eigene Nische gefunden zu haben. Daß diese trotzdem noch recht geräumig bleibt, versteht und erklärt sich aus dem kreuzübernden Musikverständnis der Herrschaften. Rodney ergreift das Wort: „Wir sind von Musik, die nur in eine Richtung geht, alle schnell gelangweilt. Die Stücke der neuen Platte verbinden unsere Punkroots mit den immer noch vorhandenen HipHop-Einflüssen, die aber nicht mehr unbedingt dadurch zutage treten, daß Mark rappt, sondern mehr im Groove, im Songaufbau wirken. Unser DJ Homicide hatte bei ‘Lemonade & Brownies’ nur nachträglich im Studio einige Cuts beigesteuert - auf ‘Floored’ dagegen war er von Anfang an am Songwriting beteiligt.“ Das Besondere an SUGAR RAYs Crossovermusik ist, daß nicht zwingend innerhalb der Songs alles miteinander verwurschtet wird, was sich findet, sondern daß Metalnummer neben Rapsong, Punkkracher neben R&B- und Soulhit funktioniert. Ein wenig erinnert dies an die BEASTIE BOYS, auch wenn deren Ansatz selbstverständlich weitaus unrockiger ist.
Überhaupt, Rock. SUGAR RAY-Videos könnten sich durchaus in Rock’n’Roll-Klischees ergehen, ohne daß es aufgesetzt wirkte. Im offenen Kreuzer über wahrscheinlich die Route 66 zu rasen, vier leichtbekleidete Blondinen auf dem Rücksitz, die Kiste Pils zu Füßen - wenig läßt erkennen, daß das SUGAR RAY-Universum mehr birgt. Muß ja auch gar nicht. Wir machen durch bis morgen früh und singen bumsfallera. Mark hat damit keine Probleme: „Für mich hat SUGAR RAY in erster Linie damit zu tun, Spaß zu haben. Daß ich weder über gesellschaftliche Mißstände singe noch live zwischen den Songs unseren politischen Standpunkt verdeutliche, heißt nicht, daß wir über solche Themen nichts wissen und uns nicht damit beschäftigen. Was wir mit SUGAR RAY verwirklichen wollen, geht aber eben in eine völlig andere Richtung, wir fühlen uns da mehr der alten, fröhlichen Rock-Mentalität verpflichtet. Wir gehen auf die Bühne, haben Spaß, treten Ärsche und feiern danach eine Party. Was soll’s, man ist nur einmal jung.“ Daß SUGAR RAY trotzdem mehr zu bieten haben als DOG EAT DOG, liegt vor allem daran, daß das Songwriting einfach interessanter ist. Das vorbeiflitzende „Speed Home California“ beispielsweise ist raffinierterweise nicht nur verdammt schnell, sondern auch vorbei, bevor es eintönig wird. Diese Fähigkeit, leichte Muse mit Massenappeal einigermaßen unlangweilig zu halten, ist sicherlich ein großer Grund für „Eastwest“, große Hoffnungen auf die LA-Posse zu hegen. Diese Musik ist nicht untergrundtauglich, sie muß an die Öffentlichkeit. Daß dies über die alte Formel „touren, touren, touren“ versucht wird, ist löblich und verdient daher auch Beachtung. Der Fakt, daß SUGAR RAY zwar recht trendy Musik machen, hip aussehen, sich betont jugendlich geben, aber trotzdem nicht gehypt, sondern relativ ausdauernd aufgebaut werden, macht die Sache mehr als nur erträglich. Wenn man nicht mehr erwartet.
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