Tocotronic

die zeit der zeitverfluggeschwindigkeit

08.06.1997, 15:14, Text: Autor unbekannt

Vielleicht sollte ich mich zunächst einmal entschuldigen. Denn an dieser Stelle kommt kein Jan Müller und auch kein Arne Zank zu Wort. Dafür sagt Dirk von Lowtzow mehr, als alle drei zusammen bei anderen Gelegenheiten sagten. Ich weiß ja nicht, ob außer mir noch jemand „Bernd im Bademantel“ angeschaut hat. Dirk von Lowtzow jedenfalls kommt an meinen Tisch und erzählt in leicht badischem Tonfall Wissenswertes zum neuen, vierten, Ende Juli erscheinenden Album von TOCOTRONIC.
„Es Ist Egal, Aber“ wurde nicht in Hamburg aufgenommen. Ein Umstand, der nicht der Rede wert wäre, ginge es hier nicht um TOCOTRONIC. TOCOTRONIC stehen, viel mehr als DIE STERNE oder sogar BLUMFELD, für eine vielgeliebte Phantasie, die ein kluger Mensch einmal „Hamburger Schule“ genannt hat.

Sie stehen deshalb mehr als andere Bands für diesen Begriff, weil sie sich - ganz wie Eltern, die für ihre Kinder nur das Beste wollen und sie deshalb an nicht irgendeiner, sondern an einer ganz bestimmten Schule anmelden - die Hamburger Schule aussuchten. Als soziales Umfeld, als die Plattenfirma (der KOLOSSALEN JUGEND) „L’Age D’Or“. Auch als Etikett.
Die Hamburger Schule gab es schon, als TOCOTRONIC noch von ihrer Zugehörigkeit zu ihr träumten.
Für die Aufnahmen zu „Es Ist Egal, Aber“ sind sie weg aus Hamburg, „nicht weil es da blöd gewesen wäre, sondern weil wir dachten, man muß auch mal was anderes machen, woanders hinfahren“, wie Dirk erklärt. TOCOTRONIC sind für vier Wochen nach Frankreich. An einen Ort im Westen, irgendwo zwischen Rennes und Angers, auf einen Bauernhof. Einen Ex-Bauernhof versteht sich, einen Studio-Bauernhof. „Der liegt tatsächlich, glaube ich, ungefähr da, wo Fuchs und Hase sich ‘Gute Nacht’ sagen“, charakterisiert Dirk diesen Ort. „Das war echt nett da“, meint er und fügt noch an: „Das war einfach mal nötig.“
Nötig waren offenbar auch andere Veränderungen. Nach drei Schallplattenaufnahmen mit Carol von Rautenkranz, der schon lange und mit zunehmendem Erfolg immer mehr ihr A&R-Manager ist, waren sie für „Es Ist Egal, Aber“ auf der Suche nach einem neuen Produzenten. Gefunden haben sie schließlich Hans Platzgumer, den ehemaligen H.P. ZINKER, der seit einiger Zeit Mitglied bei den GOLDENEN ZITRONEN und Solo-Elektro-Projektler ist. Dirk begründet die Entscheidung damit, daß Hans Platzgumer schon seit längerem Interesse gezeigt habe, und „weil wir eben auch diese Streicher wollten.“ Diese Streicher. Tatsächlich gibt es auf der neuen Schallplatte neben einigen außergewöhnlich schnellen Stücken, Stücken, die hart sind, wenn man so will, bei denen der Gesang schon mal auch ziemlich angezerrt ist, ebenso ungewöhnlich popklassikerhaft entspannte Stücke, die ihren Charme den neben Gitarre, Baß und Schlagzeug eingesetzten Streichern verdanken.

? Wußtet ihr denn, daß Hans Platzgumer eine Vorliebe für Streicherarrangements hat?
! Hans und ich hatten uns mal darüber unterhalten. Ich hatte zu ihm gemeint, daß ich das in letzter Zeit so supergern höre, so Sachen mit Streicherarrangements, und daß ich das so gerne mal machen würde. Und dann meinte er, ja, er könne das ja auch. So ist die Idee langsam gereift.
? Berührungsängste hattet ihr demnach keine?
! Wir waren uns dabei schon unsicher, weil das ja auch schnell in die Hose gehen kann. Das kann ja schnell doof klingen oder pathetisch. Es ist jetzt ja aber gut gegangen.
? Pathetisch klingt das gar nicht. Es hat eher so einen angenehmen Sixties-Popappeal.
! Ja, das war auch so Hans’ Ding, daß es eher nach BEATLES oder BEACH BOYS oder so klingen sollte. Also nicht so Bombast-mäßig.

Aufgenommen wurden die Streicherarrangements ebenfalls in Frankreich, mit einem Streichquintett aus einer der nächstgrößeren Städte. Das geschah ganz am Ende der Produktion, als Feines-I-Tüpfelchen-Machen.
Ein schönes Bild: Hans Platzgumer, auf dem Bauernhof, vor einem klassischen Streichquintett, dirigierend. Dirk erzählt:

! Wir haben uns bei den Aufnahmen der Streicher ein bißchen zurückgehalten, weil wir gemerkt haben, daß Hans da schon sehr aufgeregt war. Es war das erste Mal, daß er mit richtigen Streichern zusammengearbeitet hat.
? Das war für ihn also auch etwas Besonderes?
! Das nehme ich schon an.
? Ihr habt ihm bei der Gelegenheit zu einer kleinen Freude verholfen.
! So ein bißchen schon. Hoffentlich!

Wie dem auch sei - diese Veränderung hat sich gelohnt. Dem Sound von TOCOTRONIC tun die Streicher gut. Ich mag jetzt auch TOCOTRONIC als Musik. Und als Text. Denn diesbezüglich gibt es ebenfalls Veränderungen.

? Eine Sache, die man an euren Texten immer sehr gerne mochte, war, daß sie von einem ausgeprägten Stilbewußtsein, von einer ausgeprägten Geschmackssicherheit handelten.
! Vielen Dank.
? Daß ihr offenbar genau wußtet, was richtig und was falsch ist. Was angebracht ist und was nicht angebracht ist. Und das ist ja wirklich etwas sehr Schönes. Darf man dich eigentlich noch duzen?
! Ja natürlich, ich bitte darum.
? Ich meine nur, wie man mit jemandem umgeht, ist ja auch eine Stilfrage. Jedenfalls spielt auf der neuen Platte Geschmackssicherheit auch wieder eine große Rolle. Aber nur einerseits. Sie wird andererseits auch in Frage gestellt.
! Irgendwie hatten wir gedacht, wenn man sich immer so abgrenzt, dann wird das irgendwann auch sehr leicht. Geradezu zu einem leicht durchschaubaren Spiel. Das wollten wir aufheben. Das Stück „Alles Was Ich Will, Ist Nichts Mit Euch Zu Tun Haben“ ist für mich eigentlich das wichtigste neue Stück. Damit will ich sagen: Es ist ganz leicht, immer zu sagen, mit diesem und jenem wolle man nichts zu tun haben. Gleichzeitig muß man sich dann nämlich fragen, was das bewirkt, ob das eigentlich einen Sinn hat. Interessiert es diejenigen Leute, mit denen man nichts zu tun haben will überhaupt? Ist das überhaupt relevant? Ist das überhaupt eine Geste, die in irgendeinem Kontext wichtig ist? Hat das irgend etwas zu sagen? Bewirkt man damit irgend etwas? Und das tut man eben nicht. Für uns waren so Stücke wie das auf der letzten Platte über Kleinkunst auch immer so eine Art Aufschrei. Da geht es ja auch um die eigene Einsamkeit und nicht nur darum, ein Schmählied zu machen. Da geht es schon auch um die eigene Traurigkeit.
? Sehr deutlich wird das ja bei dem neuen Stück „Sie Wollen Uns Erzählen“. Dort gebraucht ihr den Begriff „Leidenschaft“ für ein starkes Gefühl, das man zwar genießen kann, unter dem man aber auch leidet.
! Was das Wort ja auch sagt. Es ist schön, daß du das sagst, weil ich gerade was das Wort Leidenschaft angeht die Befürchtung hatte, es würde vielleicht nur pathetisch verstanden werden.
? Hat denn, abgesehen von eurem Älterwerden und dem damit verbundenen Umstand, daß man dabei eben auch toleranter wird, auch diese leidige Michael Ende-Geschichte mit der Veränderung zu tun?
! Absolut.
? Damals hat die taz anläßlich des Todes von Michael Ende im August 1995 euren Text „Michael Ende, Du Hast Mein Leben Zerstört“ abgedruckt.
! Aus unserer Sicht war das blöd. Das ist genau so ein Beispiel dafür, daß was man ganz ernst und ganz traurig meint dann so als Schenkelklopfer mißverstanden wird. Und gerade in dem Moment war das eben total drastisch. Da stirbt der Mann, und dann hat so eine Zeitung nichts Besseres zu tun als zu denken: Höhö, das paßt ja jetzt super. Also den Tod von dem Mann haben wir nun wirklich nie gewünscht.
? Und ihr habt seine Bücher, wie wir alle, damals wahrscheinlich ja auch genossen.
! Ja eben. Es ging in diesem Stück eben auch nicht darum, ein Haßpamphlet zu verfassen, sondern sich zu erinnern, was einen in der Kindheit eigentlich geprägt hat.
? Ein neues Stück von euch, das ebenfalls anstatt purer Ablehnung eher eine nachdenkliche Offenheit gegenüber dem Etablierten demonstriert, heißt „Ein Abend Im Rotary Club“. Beruht das auf einer wahren Begebenheit?
! Nein, aber ich war so fasziniert von dem Wort und von der Institution an sich, daß ich dachte, es würde sich gut für einen Text eignen.
? Es ist eine Phantasie?
! Mehr oder weniger. Mein Vater ist im Rotary Club.

Uwe Kopf bezeichnete die Musik von TOCOTRONIC letztes Jahr in Tempo als „Bernhardrock“. Er schrieb: „In diesen Texten ist der Haß auf vieles, nicht auf alles, denn Menschen, die alles hassen, sind so schlimm wie Menschen, denen alles gefällt; wer alles haßt, haßt sich selbst in seiner Niedrigkeit, das hat auch der Dichter Thomas Bernhard gesagt, und die Jungs von Tocotronic sind für die Musik in Deutschland, was Thomas Bernhard für die Literatur war und ist.“ Weil Uwe Kopf hier so angenehm differenziert, könnte man TOCOTRONIC trotz ihrer teilweisen Abkehr vom Verteufeln auch weiterhin als Bernhardrocker bezeichnen. In Wirklichkeit hat Thomas Bernhard als das konkrete Vorbild, das er lange Zeit für Dirk von Lowtzow war, jedoch ausgedient. „Irgendwann hat man ja auch alles von Thomas Bernhard gelesen“, sagt Dirk. Im Moment liest er gerne Vladimir Nabokov. Weil der ironische Romane schreibe. Wieder ist der Einfluß nachvollziehbar. Wie Nabokov fügen TOCOTRONIC mit Liebe zum Detail manchmal auch scheinbar Unzusammenhängendes aneinander, brechen abrupt ab. Und wie Nabokov und dessen berühmtester Schüler, Thomas Pynchon, entwickeln auch TOCOTRONIC langsam, aber stetig einen Hang zu einigermaßen absurden Phantasien. Ich meine, wer wünscht sich schon einen Abend im Rotary Club? Wer findet schon gerne bei einem furchtbaren Spaziergang einen Zettel mit der Aufschrift „Das ist der schönste Tag in meinem Leben“ in der Hosentasche?
Diese textliche Veränderung von TOCOTRONIC ist möglicherweise diejenige mit der weitestreichendsten Konsequenz. Sie könnte Fans kosten. Viel zu tun hat sie mit etwas, wofür TOCOTRONIC in dem neuen Stück „Vier Geschichten Von Dir“ den Begriff „Zeitverfluggeschwindigkeit“ gebrauchen. Die Erfahrung von Zeitverfluggeschwindigkeit ist so ziemlich das Gegenteil des Alles-Ablehnens. Abzulehnen ist das Vorrecht der Jugend. Die Erfahrung von Zeitverfluggeschwindigkeit gehört zum Erwachsenenleben. Derart unbedingt sogar, wie Michael Ende in den siebziger Jahren zur Kindheit gehörte. Oder wie die Unübersichtlichkeit und das Chaos ins Schanzenviertel. Das heißt wohl, daß TOCOTRONIC jetzt erwachsen werden. Wenn ich mir Dirk von Lowtzow so anschaue, scheint es ihm ganz gut damit zu gehen.



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aus Intro #46 (Juli / August 1997)
 
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