Tindersticks

klassik für die bourgeoisie

08.06.1997, 13:48, Text: Autor unbekannt

\"Ich setze mich nicht mit aktueller Popmusik auseinander. Wie soll man etwas zu Dingen sagen, die so uninspiriert sind wie Brit-Pop\", entgegnet Staples den Kollegen im Königreich, denen seit Jahr und Tag nichts Besseres als eine schnöde KINKS- oder BEATLES-Kopie einfällt. Als Freund anspruchsvoller Chansons und pompöser Arrangements ist ihm ein deftiger Bratakkord zuwider. Seine TINDERSTICKS sind aus dem Songkorsett herausgewachsen. Schon nach ihrem zweiten Album gelang es den sechs Londonern bravourös, ihre Songs mit einem Streichorchester zu inszenieren und damit aus dem Rockkontext, der sie trotz deutlicher Genrediskrepanzen beheimatete, in ein klassisches Umfeld überzusetzen.

\"Wir wollten sehen, wie es ist, aus den verqualmten Rockklubs in die Konzertsäle zu kommen.\" Diesen Event toppte die Band mit fünf konträren Themenabenden am London Institute of Contemporary Arts vor einem sachverständigen Publikum. Ein Versuch, ihre Songs aus den verschiedenen Blickwinkeln ihrer Musikalität zu zeigen. Staples: \"Wir wollen live nicht irgend etwas Ultimatives machen. Ein Konzert ist ein Experiment, das auf den Grundsound aufbaut. Auf der Basis von sechs Musikern soll etwas Interessantes entstehen. Als nächstes werden wird versuchen, während des Konzertes die Instrumente zu tauschen.\"
Der Song ist nicht mehr festgelegt auf ein bestimmtes Schema, sondern klanglich in jeder Richtung dehnbar. Der coole Bar-Appeal, der sich trotz stetigem Updating des Sounds wie ein roter Faden durch die drei Longplayer der TINDERSTICKS zieht, ist für die sechs Mitglieder nur ein Interpretationsansatz. Eine Basis, die mit jeder neuen Erfahrung ihrer Vervollständigung zum perfekten Klangbild näherkommt. Steckt ein Masterplan hinter der mannigfaltigen Annäherung an Musik? \"Es gibt keinen Plan, nur die Schnittmenge aus den Ambitionen von sechs unterschiedlichen Personen. Wir diskutieren nicht über Konzepte. Die Ideen entstehen spontan über Improvisation\", so Gitarrist Neil Fraser. Der Sänger ergänzt, woher die Magie innerhalb dieser Zusammenarbeit rührt: \"Früher spielte ich in Bands, die in Studios gingen, um sich produzieren zu lassen. Jetzt weiß ich, daß ich selbst der Schlüssel zu meiner Musik bin. Niemand weiß mehr über unsere Musik als wir. Also liegt es in unserer Hand, aus ihr das Optimale herauszuholen.\" Daß sich diese Haltung auch zum intermediären Austausch anbietet, bewiesen die TINDERSTICKS sowohl mit ihrem Soundtrack für den französischen Künstlerfilm \"Nénnette Et Boni\" als auch durch die erotisierende Kollaboration mit Isabella Rossellini, die mit Stuart Staples für die kommende Single \"A Marriage Made In Heaven\" ein Duett singt.
Die TINDERSTICKS machen sich also bereit für die großen Bühnen. In diesem Sinne: Vorhang!



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aus Intro #46 (Juli / August 1997)
 
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