Primal Scream
fluchtpunkt paranoia
02.06.1997, 17:53, Text: Autor unbekannt
Bobby Gillespie ist einer dieser Menschen, die scheinbar nicht altern. Abgesehen davon, daß seine Haare mal ein wenig länger, mal ein wenig kürzer wurden, sieht er heute noch genauso aus wie damals, als er noch den Drumschemel bei THE JESUS & MARY CHAIN besetzte. Seitdem gingen viel Zeit, eine Reihe großartiger PRIMAL SCREAM-Alben, verschiedene Stil- und Dutzende Besetzungswechsel ins Land. Geblieben ist Gillespies leicht ungesunder Teenagerteint. Es scheint, als würde der Mann seine Haut bleichen, seine Pickel züchten und seine Haare gewissenhaft mit Bratfett behandeln. An der Eingangstüre der Bäckerei, bei der ich zu Schulzeiten immer mein Negerkußbrötchen zu kaufen pflegte, pappte damals ein Aufkleber mit einem pausbäckigen, verzuckerten Berliner, der via Sprechblase stolz verkündete: \"Ich habe in Biskin gebadet.\" Während ich dem Mann so gegenübersitze, schießt mir der Spruch immer wieder durch den Kopf.
Egal, ob es sich dabei nun um das durch Memphis- und Motown-Soul geprägte Vorgänger-Album, bei dem alle naselang HUNTER & RONSON und vor allem JOHNNY THUNDERS und die HEARTBREAKERS um die Ecke lugten, oder den geschichtsträchtigen Tanzbodenkiller „Screamadelica“ handelt, dessen übersteuerte Gitarrenflächen er gerne auf - man höre und staune - JOY DIVISION zurückführt und dessen Dancefloor-Tauglichkeit er grundsätzlich aus denselben Quellen schöpfen sieht wie sein neuestes Ouevre \"Vanishing Point\": den Reggae und Dub-infizierten Werken britischer Punkrocker wie THE CLASH oder THE RUTS.
! Punkrock war für mich die wohl einschneidendste aller Erfahrungen, diese rauhe Energie, diese Angst und Unruhe, ... diese Reduziertheit, die die Seele in der Musik so komprimiert, daß sie einen fast erschlägt, das ist etwas, was ich Ende der Achtziger auch in den Tracks von Leuten wie 808 STATE und RENEGADE SOUNDWAVE wiedergefunden habe, von daher besteht auch, was die Rave-Einflüsse betrifft, eine direkte Verbindung zu meinen ‘76er Wurzeln.
? Das, was du als Angst und Unruhe bezeichnest, diese Paranoia, ist ja auch etwas, was sich wie ein roter Faden durch dein neues Album zieht. Haben von daher der Titel des Albums (\"Vanishing Point\") und der ersten Single-Auskopplung (\"Kowalski\") Schlüsselfunktionen?
! Sicherlich. Der Film erhält ja seinen ganzen düsteren Drive durch die Paranioa des Mannes. Dieses atemlose Hin- und Herhecheln zwischen Hoffnung und totaler Verzweiflung macht meiner Meinung nach auch die Stimmungspalette der Platte aus.
? Da wechseln Stücke wie das düstere, manische \"Kowalski\" mit fast schon entspannten Dub-Tracks, es gibt sogar Muzak-Einflüsse ..., das klingt dann geradezu laid back. Hat diese Gefühlsachterbahnfahrt Konzept?
! Nein, ganz bestimmt nicht. Das ergab sich unter anderem durch die neue Bandbesetzung, Mani z. B. (Gary Mounsfield, Ex-STONE ROSES-Bassist) war sehr stark in den Songwritingprozeß integriert, ... was sich mit Sicherheit auch auf die Basslastigkeit vieler Songs ausgewirkt hat. Wir haben viele der Stücke erst im Studio, ziemlich spontan, entwickelt, da kommen und gehen die unterschiedlichsten Gefühlslagen ohnehin Hand in Hand. Warum solltest du nicht deiner Zufriedenheit, deiner Euphorie über einen gerade geschriebenen, völlig kaputten und depressiven Song Ausdruck verleihen, indem du deine momentane Seelenlage sofort kompositorisch umsetzt? Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, das geht dann ganz schnell. Die Reaktionen auf \"Kowalski\" haben uns selbst überrascht. Ich meine, das ist doch Musik für Wahnsinnige, Kettensägenmusik! Am Anfang haben zwar einige Leute gesagt: „Was, das soll die Single sein? Habt ihr nicht mehr alle Tassen im Schrank?“ Aber das Stück wurde sofort von einer ganzen Reihe von Sendern gespielt, bei einigen sogar auf heavy rotation. Wir waren selbst wie vor den Kopf geschlagen. Natürlich hatten wir das gehofft, aber ernsthaft gerechnet haben wir damit nicht. Ian McGee [\"Creation\"-Labelboss] hat fast einen Nervenzusammenbruch bekommen, als er den Track zum ersten Mal hörte.
? Kommen wir noch mal auf die Basslastigkeit vieler Tracks zurück, daran haben ja die verarbeiteten Dub-Elemente einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Für viele Leute war das wahrscheinlich das erwartete Überraschungmoment, aber auch der Stein des Anstoßes, so nach dem Motto: erst macht der psychedelisches Feedback-Gitarren-Gedengel, dann Rave, schließlich Rhythm & Blues und jetzt Dub.
! Ich war immer schon ein großer Reggae- und Dub-Fan. Ich liebe diese Musik schon sehr lange. Weißt du, ich habe eine ziemlich große Plattensammlung, und einen nicht geringen Teil davon machen mittlerweile LEE PERRY, SCIENTIST, \"Studio One\"-Platten, aber auch neuere Sachen wie z. B. eine ganze Reihe \"On U-Sound\"-Produktionen aus.
? ADRIAN SHERWOOD soll das Album ja noch mal remixen, ist das richtig?
! Ja, wahrscheinlich aber doch nur acht der Songs, weil die Remixe voraussichtlich um einiges länger werden als die Originale. Adrian wird uns auch, wann immer er Zeit hat, live abmischen. Darauf freue ich mich schon jetzt. Das wird so unglaublich deep und brutal werden. Ich denke, angemessener kann man das Album live gar nicht umsetzen. Er wird einen richtig üblen, gefährlichen Sound fahren.
? Ihr habt euch ja mit der Harmonica-Legende AUGUSTUS PABLO eine echte Dub-Reggae-Ikone ins Studio geholt. Warum habt ihr nicht mit noch mehr Musikern aus dem Genre gearbeitet, die Steppers z. B. mit FLABBA HOLT eingespielt?
! Die Stücke sind, wie gesagt, recht frei im Studio entstanden, ich glaube nicht, daß es richtig gewesen wäre, sie noch einmal mit anderen Musikern einzuspielen. Was die Kooperation mit PABLO betrifft, war das etwas anderes. Für „Star“ haben wir uns ja auch die MEMPHIS HORNS geholt - so ein Sahnehäubchen. Als der Track fertig war, wußte ich einfach, er brauchte noch eine Harmonica, und zwar eine, wie nur PABLO sie spielen kann. Ich hätte nicht gedacht, daß er wirklich kommt. Aber er kam, und es war großartig, der Mann ruht dermaßen in sich selbst und hat diese Ausgeglichenheit während der Arbeit an alle anderen abgegeben, es war wie eine Kur. Er ist so ruhig und gleichzeitig so unglaublich intensiv. Fantastisch. Natürlich wäre es großartig gewesen, mit Musikern wie FLABBA oder z. B. SLY STONE zu arbeiten, aber dahinter steckte ja kein Konzept. Es war nicht so, daß wir gesagt haben: „Hey, laß uns mal einen guten Reggae-Song machen und AUGUSTUS PABLO holen.“ Ich bin noch nie mit einem Konzept an ein Album herangegangen. Außerdem ist \"Vanishing Point\" viel zu sehr ein Bandalbum, als daß ich das hätte machen können.
? Inwieweit war ANDREW WEATHERALL diesmal in die Produktion integriert?
! Oh, eigentlich gar nicht. Wir haben das Album komplett selbst produziert, ANDREW hat ausschließlich engineert. Außerdem hat er ein Paar Instrumente gespielt. Er ist für einige Gitarrenparts verantwortlich, verschiedene Percussion-Sachen, und er hat sich um die Streicher gekümmert. Es war uns sehr wichtig, alles komplett selbst unter Kontrolle zu behalten, einmal in die Aufnahmen vertieft, haben wir ziemlich schnell recht konkrete Vorstellungen entwickelt, wie alles klingen sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand Außenstehendes das hätte adäquat umsetzen können. Nun ja, vielleicht, wenn wir ihn gezwungen hätten, sich einige Dutzend Mal hintereinander „Vanishing Point“ anzuschauen.
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