Yo La Tengo

eine öffentliche ehe

29.04.1997, 16:49, Text: Autor unbekannt

Und wirklich, als Georgia Hubley, fast schüchtern, das Hotelzimmer betritt, bin ich im ersten Moment wie geblendet von den lichtschluckenden Qualitäten ihres Musiklehrerinnen-Ensembles: braune Schaftstiefel, ein dunkelblau/dunkelgrün karierter Rock (die Länge nannte man früher mal „midi“), cremefarbener Rollkragenpulli und eine Weste (?) - fast kommt es mir vor, als würde ich das eher vermuten oder mir ausdenken, als mich tatsächlich daran zu erinnern!
Nichts weiter als das Outfit eines aus anhaltender Ruhe kreative Kräfte schöpfenden, egoistischen Verharrens im Privaten jenseits von Sturheit und Arroganz, das. Ira Kaplan: \"Klar, daß in unserem Alltag keine wirkliche Trennung zwischen unserem Privatleben als Ehepaar und Eine-Rockband-Sein stattfindet wie bei vielen anderen Paaren, die nur einen an sich sehr kleinen Teil der Zeit miteinander verbringen.

Wir sind zusammen auf der Bühne und im Studio, und wir sitzen zusammen in unserer Küche.\" Ein Konzept, das keins ist also; Gleichmut, nicht Kalkül: \"Ich wollte in einer Band sein, weil ich in einer Band sein wollte. Da wir uns nie für außergewöhnliche Leute gehalten haben, gingen wir am Anfang einfach davon aus, daß unsere Musik auch anderen gefallen müßte. Inzwischen können wir sogar davon leben! Wenn jemand seine Musik den größten Erfolgsaussichten anzupassen versucht, wird sich der unter Umständen in größten Schwierigkeiten wiederfinden, wenn das nicht funktioniert - einfach wieder dahin zurück, wo man mal angefangen hat, kann man nicht, nachdem man sich selbst betrogen hat!\"
Auf „I Can Hear The Heart Beating As One“, der neuen Platte, die getrost als ihr Opus Magnum bezeichnet werden darf (Hallo Lubos!), bringen YLT zu schon gewissenlos zu nennender Vollendung, was über die Jahre an Stilen und Mitteln einfloß und von ihnen ausging. Auch zum seit den Tagen von „New Wave Hot Dogs“ ('87) und „President Yo La Tengo“ ('89) immer wieder gern genommenen Verweis auf die enge musikalische Verwandtschaft zu VELVET UNDERGROUND, speziell auch den Schlagzeugerinnen beider Bands, gibt es natürlich wieder Gelegenheit. Georgia zuckt die Schultern: \"Ich sehe Maureen Tucker nun mal ähnlich, und es gibt gewisse Ähnlichkeiten zwischen meinem und ihrem Schlagzeugstil.\" Ira, unvermittelt: \"Und bei beiden Bands zwischen den extrem an Drogen interessierten Männern dieses einzelne Mädchen, das total clean war!\" (Gelächter). Georgia: \"Ich denke, den Leuten ist letzten Endes gar nicht klar, was sie da eigentlich sagen! VU sind so [ringt nach Worten] ... groß, so unglaublich.\" Ira: \"Ihr Schatten reicht bis heute, sie haben wirklich die Zeiten überdauert!\" Georgia nickt: \"Und dann uns mit einer solchen Größe zu vergleichen ist irgendwie - irreal!\"
Nichtsdestotrotz waren YLT jüngst im Film \"I Shot Andy Warhol\" als (na klar!) VELVET UNDERGROUND zu sehen (\"Großartige Bauten, als wäre man wirklich in der 'Factory'!\"), und JOHN CALE war auch da: \"Ja, ganz kurz; er hat sich wahrscheinlich kaputtgelacht, als er uns gesehen hat!\" Einem anderen Gerücht zufolge ist er so schnell wieder verschwunden, weil ihm der Auftritt so realistisch vorkam, daß er's nicht aushielt. \"Oh!\" Georgia lacht. \"Damit könnte ich leben!\"
Im folgenden entspinnt sich eine angeregte Plauderei über europäisches und amerikanisches Independent-Kino, über „Nico / Icon“, die großartige und bewegende filmische NICO-Biographie, und die in ärmlichen Verhältnissen lebende (deutsche) Regisseurin, die bei der US-Premiere ihres Films dann schließlich LOU REED begegnete, was, wie man hört, ihre Freunde in größere Aufregung versetzte als sie selbst. Hier beginnt Ira, auf seinem Stuhl herumzuzappeln - natürlich gibt es auch eine YO LA TENGO-Variante von „Wie ich einmal LOU REED traf“: \"Das war auf der Party nach einer der beiden 'Songs For Drella'-Shows von LOU und JOHN CALE. Ein Freund hatte uns da reingebracht, und wir hingen die ganze Zeit irgendwo am Rand herum, bis schließlich LENNY KAYE auftauchte, um mal schnell 'Hi!' zu sagen. Auf einmal war LOU REED da, um ihm die Hand zu schütteln - und so standen wir plötzlich mitten im Zentrum des Geschehens! Die Leute kamen angerannt und standen um uns herum, LOU machte einen Witz, LENNY lachte, sah uns an, und dann lachten wir alle, LENNY, LOU und wir. War toll!\"



Artikel kommentieren
aus Intro #44 (Mai 1997)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

Gruppen


Festival Theaterformen 2009

Festival Theaterformen 2009

Informationen zum Festival Theaterformen in Hannover 2009 - mit vielen Parties und Konzerten

» Mehr Gruppen