Supergrass
zeitreise, philosophisch!
29.04.1997, 12:31, Text: Autor unbekannt
Szene 2: Der Londoner Taxifahrer, welcher mich zum Interviewtermin mit SUPERGRASS bringt, referiert, nachdem ich ihm beim Thema Fußball - samt seiner These, Deutschland hole 1998 niemals den Weltcup - wohl zu wenig widersprochen hatte, kurz über die englische Musikszene und die gerade angesagtesten Bands, Tendenzen und Menschen. Schnell werden Begriffe wie Geheimformeln ausgetauscht und schwirren durch das bequeme Beförderungsmittel. Übertragen in bundesdeutsche Taxen nähme eine solche Unterhaltung einen anderen Verlauf. Beim Wort „Elektro“ fände die Fahrt ihr Ziel im Baumarkt, bei „Alternative“ referierte der deutsche Taxifahrer darüber, daß Joschka Fischer fast so dick sei wie Helmut Kohl, und bei JIMI TENOR erzählte er wahrscheinlich von JOSE CARRERAS.
Szene 3: 2007 - Steven Spielberg hat es endlich geschafft. Er verwirklicht sich einen seiner letzten Träume und startet die Aufnahmen zu einer Fernsehserie mit den drei SUPERGRASS’ in der Hauptrolle. Die Fernsehserie sieht sich in einer Tradition mit Serien wie „Twilight Zone“.
Drei Szenen - eine Richtung. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Band, die gerade ihr zweites Album veröffentlicht und damit für großes Aufsehen gesorgt hat. Im „Face“ wurde die erste Singleauskopplung der neuen Platte „In It For The Money“ innerhalb einer BLUR-Kritik angekündigt. Man solle erst mal auf „Richard III“ warten, dies im Zusammenhang der Tendenz zum Harten im Britpop. Will meinen, BLUR haben den Weg eingeschlagen, den SUPERGRASS konsequent zu Ende gehen. Man zerstört und zerschlägt, was man zu Teilen selbst, aber besonders die britische Presse samt ihren „weeklys“ aufgebaut hat. „Britpop“ degeneriert im Kontext der Neuveröffentlichung(en) zur bald sicher zermalmten Nußschale auf dem Ozean. Obwohl SUPERGRASS sich während des Interviews zwar augenzwinkernd, aber doch in die dritte Liga der britischen Musikszene - nicht des Britpops - einordnen, sind sie sich der Qualität ihrer Songs bewußt. Zurückgelehnt läßt man meinen Verweis auf den ihrerseits verhaßten PAUL WELLER über sich ergehen und schreitet zeitlich weiter zurück und über den großen Ozean, nicht in besagter Nußschale, sondern mittels einer sperrigen, britischen Kanalfähre: J.J. CALE, von Gaz mit einem angehängten „i“ verniedlicht, IGGY POP, schon wieder Amerika, als Referenz für die schwitzig-rockende, völlig unbritische Hymne „Richard III“, und gar die STONES - und nicht die BEATLES - halten her im allseits beliebt-verhaßten Schubladenspiel.
Keinesfalls versucht man auf „In It For The Money“, sich britischer Identität oder dem Erstling „I Should Coco“ zugeschriebener Qualitäten zu verweigern. Die flegelhafte Leichtigkeit des zweimillionenmal verkauften Debüts wird gepaart mit sich in den Vordergrund drängenden, aggressiv-verquasten, amerikanischen Gitarrenklängen, die den Eindruck des „Erwachsenseins“ vermitteln sollen und tun. Man ist der Comic-Identität entwachsen, bemüht schon lang nicht mehr die fiktive Person Theodore Supergrass und ist fast schon zu alt(klug), um weiterhin glaubhaft Calvin Klein-Produkte bewerben zu können. Hastig und rastlos durchläuft man auf „In It For The Money“ dreißig Jahre englische Popmusiktradition und konserviert große Momente zu endlos erscheinender Haltbarkeit. Auf „Tonight“ thematisiert man Ähnliches wie PULP auf „Disco 2000“ - nur singen SUPERGRASS nicht glamourös über Gefühle, die in einer Nacht beginnen und in selbiger enden, sondern über anhaltende Emotionen, will meinen die Liebe. Wenn Philosophie tatsächlich ihre Zeit in Gedanken faßt, sind SUPERGRASS Philosophen - allerdings archäologisch vorgehende Philosophen, die Dinge auch mal einfach passieren lassen. Vielleicht nehmen sie irgendwann ein Dance-Album auf, immerhin halten sie es für möglich, und vielleicht verwirklichen sie einst Szene 3. \"Es könnte sicher sehr interessant sein, eine Fernsehserie zu produzieren. Allerdings haben wir momentan keine Zeit. Spielberg soll in zehn Jahren mal wieder anfragen. Außerdem sind wir bestimmt nicht daran interessiert, eine Neuauflage der MONKEES zu spielen. Eher schon etwas Obskures in Richtung ‘Twilight Zone'. Oder 'Happy Days' mit dem dreifachen Fonz.\"
SUPERGRASS nehmen Fahrt auf, und oben beschriebene geschwindigkeitsbedingte kontinuierliche Grauheit endet auch bei unseren Helden in einem wunderbar tiefen Blau. Spätestens, „When The Sun Hits The Sky“. Die Zukunft scheint in einem wundervollen, stolzen Licht.
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