Pigeonhead

TAFKAPs schmuddelige Kinder

22.04.1997, 13:45, Text: Autor unbekannt

Baseball-Cap, Flanellhemd und Zottelbart - wer die beiden sympathischen Hünen im unverfälschten Naturburschen-Credibility-Look sieht, dürfte kaum auf den Gedanken kommen, daß das unter der Bezeichnung PIGEONHED firmierende Duo mit „The Full Sentence“ in diesen Tagen bereits zum zweiten Mal ein höchst ungewöhnliches, wenngleich auch ungemein faszinierendes Fullength-Werk zwischen puren, schmachtenden Soul-Balladen, exzentrischem Electro-Pop und unterschwelliger Gitarrenstrenge veröffentlicht, welches gegenüber dem legendären Vorgänger noch mit einem deutlichen Plus an Struktur, Geschlossenheit und atmosphärischer Dichte aufzuwarten vermag.

Ein bis zur Unkenntlichkeit mutierter Bastard aus MARVIN GAYE, ALICE IN CHAINS und dieser ganz spezifischen New Wave-Tristesse, an die man sich hin und wieder ganz gerne zurückerinnert ...
“PIGEONHED ist sicherlich als eine Art Ventil, eine Art Gegenpol zu dem anderen, mehr gitarrenorientierten Kram zu sehen, mit dem wir sonst größtenteils zu tun haben. Sowohl Shawn als auch ich genießen bei diesem Projekt die Freiheit, uns nicht auf irgendwelche Rollen festlegen lassen zu müssen, sondern jeder übernimmt den Part, auf den er gerade Lust hat. Shawn z. B. ist ein hervorragender Schlagzeuger und spielt vermutlich mehr Instrumente als ich“, gesteht der Soundtüftler und zeitweilige PELL MELL- bzw. HALO BENDERS-Gitarrist Fisk seinem Kollegen fast bewundernd zu, um gleich darauf noch einmal deutliche Prioritäten zu setzen: “Natürlich betrachten wir die ganze Sache mit PIGEONHED nicht als Fulltime-Job, sondern lediglich als eine Art Tummelplatz, den wir benutzen, um völlig unabhängig mit den uns vorschwebenden Sounds und Ideen herumexperimentieren zu können. Wir stehen dabei nicht unter Zeitdruck, sondern gönnen uns die Freiheit, so lange an den Stücken herumzufeilen, bis wir endgültig mit dem Ergebnis zufrieden sind.“ - Eine Zeitspanne von nahezu vier Jahren zwischen ihrem Erstling und dem aktuellen Release scheinen diese Haltung mehr oder weniger zu untermauern: „Während unseres Studioaufenthaltes galten unsere Belange sicherlich in erster Linie PIGEONHED - allerdings genießt dieses Projekt keinerlei Vorrang gegenüber unseren anderen Verpflichtungen, und davon gibt es sowohl bei Shawn als auch bei mir genug.“
Auf die Frage, ob Seattle noch immer ein guter Fleck für Bands jeglicher Couleur sei, erwidert Fisk optimistisch: “Auf jeden Fall! Schließlich kommt eine Menge großartiger Künstler von dort. Es regnet ziemlich häufig, also ist man wohl eher gezwungen, zu Hause zu bleiben und rumzujammen. Vielleicht ist das ja der Grund für dieses ausgesprochen große Potential an hervorragenden Musikern ...“ Trotz der Tatsache, daß sich das nicht ganz alltägliche Duo auf seinem aktuellen Release erneut mit einer prominenten Riege einheimischer Studiogäste wie z. B. Kim Thayil (SOUNDGARDEN), Jerry Cantrell (ALICE IN CHAINS) oder Carrie Akre (HAMMERBOX / GOODNESS) umgab, dürften die prägenden Einflüsse des typischen PIGEONHED-Sounds in einer ganz anderen Ecke zu suchen sein, und so verwundert es kaum, daß bei erneuter Nachfrage Titel à la „Super Fly“, “Sign O The Times“ oder „Atomic Dog“ fast schon wie selbstverständlich aus den beiden herauspurzeln. Die unvermeidbare Vernunftehe zwischen Soul, Funk und Rock as we knew it? Knarziger, tongewordener Elektrosmog im surrealistisch groovenden Gewand? Angesichts derartiger Prognosen bekundet das Duo Smith und Fisk noch einmal seine Solidarität gegenüber der guten alten Klampfe: „Dieser ganze Quatsch, von wegen Gitarrenmusik sei tot, ist doch lediglich eine Erfindung der Medien. Es wird immer irgendwelche Kids geben, die sich mit einer Gitarre in ihrem Zimmer verbarrikadieren, den Verstärker aufdrehen und ihre Eltern in den Wahnsinn treiben ...!“ Wobei sich noch die Frage stellt, in welcher Umgebung PIGEONHEDs verklärt-soulfullen Klänge am besten zur Geltung kommen. Dazu Shawn Smith: „Well ..., I guess it works pretty good in a car. If I only had one ...“ Na, dann fahr’ doch schon mal den Wagen vor, Harry!



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aus Intro #44 (Mai 1997)
 
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