Depeche Mode

zeitheiler

21.04.1997, 15:07, Text: Autor unbekannt
[5 Kommentare]

Einschnitt

Construction Time Again
In die Stille ausgereizter und -gestellter digitaler wie halbdigitaler Synthesizer bricht die Einsatzbereitschaft des Samplers. Mit dem ‘83er \"Construction Time Again\" kommt das Publikum in den Genuß innovativer Popmusik, in ihrer Experimentierfreude fast schon avantgadistischer Struktur. DEPECHE MODE samplen wüst in der Gegend herum, benutzen Topfdeckel (\"The Landscape Is Crying\"), Stöhnen und Schleifen als Percussion (\"Pipeline\"), nie dagewesene Möglichkeiten vervollständigen das Bild eines gestärkten Quartetts mit dem Talent, noch so trivial erscheinende Themen in einen typischen, wenn auch immer besonderen Sound einzufassen.

Das Klanguniversum von Martin L. Gore, dem Hauptkomponisten der Band, in Verbindung mit Dave Gahans - jetzt muß wohl das Wörtchen herhalten - unverwechselbarer Stimme wird zu einem Trademark britischer Popmusik.

Ausschnitt

Folgt auf die Vision auch nicht zwangsläufig die Stagnation, so kranken D.M. doch bald am Syndrom des Selbstplagiats, was sich zwar in Hits niederschlägt (\"People Are People\", \"Stripped\"), aber die Innovation und Aufbruchstimmung vom Beginn ihrer Karriere deutlich vermissen läßt. \"Some Great Reward\" und \"Black Celebration\" sind deshalb keine schlechten Platten, bieten aber nicht den geeigneten Stoff, um im Kontext dieses Artikels explizit erwähnt werden zu müssen. Der meiner Meinung nach beste DEPECHE MODE-Song der 80er Jahre, \"Shake The Disease\", erscheint ohnehin nur als Single und auf einer der unzähligen wie unnötigen Maxis, die mit jedem neuen Album der Band veröffentlicht werden.

Abschnitt

Music For The Masses

1987 erscheint das letzte bemerkenswerte Album, wartet \"Music For The Masses\" doch neben ausgefeilter Produktion und akribischem Sampling und zahllosen Details mit den bis dato besten Kompositionen und Arrangements Martin Gores auf. Über die Jahre ist ein immer gegenwärtiges dunkles Element in die Musik DEPECHE MODEs eingetreten, um sich dort festzusetzen. Auf \"Music For The Masses\" wird diese Stimmung auf den Punkt gebracht und wesentlich mehr als noch auf \"Black Celebration\" zur Zeremonie suggeriert. Ärgerlicherweise wird das Album nach dem eher zweitrangigen (CAMEO-Rip-off) \"Strange Love\" und dem reichlich übertriebenen Image-Geplänkel bewertet. DEPECHE MODE betreten an der Schwelle zu den 90ern das üble Terrain der Selbstdarstellung mit Mode-Foto-Sessions, Imagewechseln und lustloser musikalischer Reproduktion über was-weiß-ich-wieviele, auf jeden Fall zu viele Platten. Ich bemerke noch nette Schlager, bemerke Martin Gores Reaktion auf Seattle im niedlichen \"Personal Jesus\", verliere die Band jedoch zunehmend aus den Augen. \"Violator\" gähnt, \"Songs Of Faith And Devotion\" schläft, der Titel wird zur puren Ironie.

Schnitt

Ultra
Martin Gore trinkt Mineralwasser. Wach, etwas nervös und leise redend erklärt er mir den Verlauf der Arbeit an \"Ultra\", dem reifsten Album von DEPECHE MODE, soweit ich es beurteilen kann, soll und möchte. \"Es war spannend, in der neuen Besetzung [Gahan, Fletcher, Gore] in Tim Simenons Studio zu gehen und dort mit ihm zu arbeiten. Wir wußten nicht, wie es funktionieren würde, weil eigentlich immer Allan Wilder der Musiker der Band gewesen war. Beruhigenderweise arbeitet Tim immer mit einem festen Studiomusiker zusammen, also waren fünf Leute an der Produktion beteiligt.\"
Neue Elemente in der Musik, zeitgemäße Rhythmik, um nicht zu sagen Dance-Attitudes, erkären sich von selbst, stehen sie doch neben Sounds, die aus der Musik der Band nicht wegzudenken sind. Zippelt hier und da auch ein kaputter Breakbeat durch Arrangements wie \"Life Thieves\", bleibt die Musik dennoch auf dem Nährboden wunderbarer Ideen Gores stehen und wirkt in keinem Moment entwurzelt. \"Nach der letzten Tour mußten wir uns voneinander entfernen, sahen uns mehrere Monate gar nicht. In dieser Zeit wurde klar, daß Alan die Band verlassen würde. Ich hatte begonnen, die ersten Songs vorzuproduzieren, innerhalb von drei Monaten standen viele Ideen ...\" Dem Bild des Eigenbrötlers möchte er eigentlich gar nichts entgegnen, schießt es mir durch den Kopf, während sich unser Gespräch einem unweigerlichen Einschnitt nähert. Um den drogenbedingten Ausfall Dave Gahans machen wir (wie auch ich hier) einen großen Bogen.
\"Wir könnten in Nashville eine Platte aufnehmen, sie würde immer noch nach uns klingen.\" Tatsächlich kann sich die Band heute Gastmusikern mit Pedal Steel Guitar öffnen (\"Bottom Line\"), ohne an Authentizität im Sound oder im Arrangementverlauf einzubüßen. Im selben Kontext zu sehen ist die direkte musikalische Umgebung. \"Es gibt derzeit viele gute Bands im Dance-Bereich, in dem wir uns meiner Meinung nach mit diese Platte auch bewegen. UNDERWORLD und ONE INCH PUNCH haben uns remixt und interessante Dinge geschaffen. Es ist auch wohltuend, wenn sich solche Bands heute auf uns berufen.\"
Dem Publikum die Band mit dem rüden \"Barrel Of A Gun\" ins Gedächtnis zurückzuholen war eine gute Idee. \"Ja, das war es, denn es ist das extremste Stück des Albums, ein Startschuß, wie eine Erinnerung mit einem Hammer.\" Im weiteren Verlauf von \"Ultra\" dominieren leise Töne. Nach dem Hammer kommt die Dunkelheit? \"Ich denke, es hat immer ein dunkles Element in unserer Musik gegeben. Wir nennen das realistisch. Wir wollten immer realistische Musik machen, und in der Realität gibt es eben nicht so viele schöne Dinge. Neben aller Melancholie, die sicher da ist, lebt ‘Ultra’ aber meiner Meinung nach von seiner gelassenen Tanzbarkeit.\" Dem wäre zu entgegnen, daß Popmusik nie per se für den Tanzboden taugt.
Ist die Bandidentität nach über 15 Jahren und nunmehr als Trio neben der musikalischen überhaupt noch auszumachen? \"Als Vince nach ‘Speak & Spell’ ausgestiegen war, standen wir wesentlich unsicherer da, weil er den Großteil der Songs geschrieben hatte. Bis wir den Sampler als fünftes Bandmitglied entdeckt hatten, wußten wir nicht genau, wie wir es anfangen sollten, unsere Musik zu verwirklichen. Als Alan ausstieg, waren wir eine kurze Zeit über den Fortbestand von DEPECHE MODE uneinig, aber das war's. Musikalisch ist die Arbeitsteilung heute sowieso weniger eindeutig. Bei diesem Album verschwanden die Grenzen ohnehin noch mehr, da wir mit dem Produzenten und dem Studiomusiker im Team arbeiteten. Mit dem Gedanken der Band habe ich persönlich keine Probleme.\" - Stellt sich mir nur noch die Frage, welche wichtige Aufgabe Andrew Fletcher heute noch bekleidet, aber wer will schon den Teufel an die Wand malen, er will es mir schließlich auch nicht sagen ...

Ton läuft

Eine Läuterung im Verlauf der Schaffenspause hat nicht nur hinsichtlich Dave Gahans Gesundheit stattgefunden: \"Ultra\" kann durchaus vergrätzte Anhänger der ersten Stunde - wie in meinem Fall - zurückholen (siehe Rezension im Hörtest \"Populär\"). Frage ich dieser Tage Bekannte, was sie zu DEPECHE MODE zu sagen haben, ist der Großteil auf \"Ultra\" gespannt. Ich sage dann immer \"Recht so!\" und meine es.



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aus Intro #44 (Mai 1997)
 
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  • hurtjunk 07.10.2005 | 09:55:50

    "The Landscape Is Crying"? Wohl eher "the landscape is changing". Manchmal frage ich mich ehrlich wer die Artikel schreibt. Genau wie bei Farin Urlaub als Label "Hot Action Rec." angegeben ist. Die Platte kam bei "Völker hört die Tonträger" raus. Na ja, ansonsten macht ihr ja ein schönes Mag.

  • hurtjunk 07.10.2005 | 09:55:50

    "The Landscape Is Crying"? Wohl eher "the landscape is changing". Manchmal frage ich mich ehrlich wer die Artikel schreibt. Genau wie bei Farin Urlaub als Label "Hot Action Rec." angegeben ist. Die Platte kam bei "Völker hört die Tonträger" raus. Na ja, ansonsten macht ihr ja ein schönes Mag.

  • schunkel 07.10.2005 | 10:35:57

    Naja, Beiträge die mit Naja anfangen wissen´s immer besser, interessieren aber echt nich so richtig.

  • schunkel 07.10.2005 | 10:35:57

    Naja, Beiträge die mit Naja anfangen wissen´s immer besser, interessieren aber echt nich so richtig.

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