Shudder To Think
die kraft in der krise
19.04.1997, 19:54, Text: Autor unbekannt
Und trotzdem - oder gerade deswegen - hat er zur Zeit ein Bedürfnis: ”Am liebsten würde ich sofort eine neue Platte aufnehmen. Da sind noch so viele Ideen, so viele musikalische Ansätze, die es neu zu entdecken gilt.” Aber davor haben die Götter das eherne Gesetz gestellt, daß einer Platte eine ausgiebige Tournee zu folgen hat. Die hat die Band vor wenigen Wochen in den USA begonnen. Am Schlagzeug sitzt Kevin March, hauptamtlich bei den DAMBUILDERS, der schon - bis auf eine Ausnahme - ”50,000 B.C.” eingespielt hat. Er ersetzt Adam Wade, dessen Trennung von der Band Craig so beschreibt: ”Es war wie in einer Beziehung, in der man sich zwar liebt, aber irgendwie auch weiß, daß es nicht für immer ist.
Wer das neue Album hört und es beispielsweise mit dem Vorgänger ”Pony Express Record” vergleicht, wird auch auf anderen Ebenen radikale Wandlungen feststellen. Vom avantgardistischen Rocksound hat man sich in eine Richtung bewegt, die Craig als ”eher traditionelles Songwriting” beschreibt. Klare Strukturen, Eingängigkeit, deutlich weniger Aggressivität machen einen Sound aus, der für ihre Verhältnisse fast poppig klingt. ”Mit und nach ‘Pony Express Record’ liefen wir Gefahr, uns in irgendeiner Weise selbst in unserer Musik einzusperren, indem wir uns immer stärker in die Richtung der schwierigen Kunst-Band bewegten. Das ist natürlich ein Teil von dem, was wir sind - aber es ist nicht alles. Ein wesentlicher Aspekt unserer Identität ist, das Unerwartete zu tun. Und mit Sicherheit hat niemand ein derart zugängliches Werk von uns erwartet. Was meiner Ansicht nach all unsere unterschiedlichen Klangformen zusammenhält, ist in der Hauptsache die Qualität des Songwritings.”
Die stimmt auf jeden Fall auf ”50,000 B.C.”. Unabhängig davon, ob STT sich auf Traditionen beziehen oder die Entwicklung der Rockmusik in neue Dimensionen voranbringen. Trotzdem kann man sie förmlich hören, die Kommerz-Anklage. ”Mit Vorwürfen bezüglich Ausverkauf kann ich gut leben. Denn ich hoffe, daß Leute ihre Vorurteile überwinden können, um einen freien Zugang zu den Songs zu bekommen. Ich denke, sie sind wunderschön. Deshalb ist es mir auch egal, ob sie im Vergleich zu unseren alten Alben traditioneller klingen. Wir hatten einen ganzen Sack voll Gewohnheiten und Tricks, was unser Spielen und Songwriting anging. In einer Phase von ganz bewußtem ‘Entprogrammieren’ reduzierten wir uns so weit wie möglich. Zum Beispiel gab es von vielen neuen Songs zunächst wesentlich komplexere Versionen. Aber die haben uns nicht bewegt. Die haben uns nicht angemacht, nicht zum Lächeln gebracht. So entstand gemeinsam die Entscheidung, bodenständigere und gefühlvollere Musik zu machen. Dabei war das Spielen noch das geringste Problem. Wir mußten hauptsächlich unsere eigenen Vorurteile darüber überwinden, was SHUDDER TO THINK ist. Unsere Angst vor einer kreativen Regression. Die Angst davor, keine Ideen mehr zu haben und natürlich auch die Angst vor dem Vorwurf des Ausverkaufs.”
Diese Veränderung fiel zusammen mit einem sehr einschneidenden Erlebnis für Craig. Genau in der Zeit, als die Band mit dem Songschreiben begann, erhielt er die Diagnose, Krebs zu haben. Eine unendlich schwere, schmerzhafte und deprimierende Zeit begann. Verständlich, daß sich all die Gefühle dieser Zeit in der Musik spiegeln. Einerseits in vielen Anspielungen auf das Thema Krankheit, andererseits aber auch in lebensbejahenden Worten und Bildern. ”Musikalisch gesehen denke ich, daß die ganze Platte wesentlich positiver, melodischer, einfacher, direkter ist als alle anderen vorher. Und das war genau, was wir als Band brauchten, um durch das furchtbare Jahr zu kommen. Nathan [Larson, Gitarre] und Stuart [Hill, Bass] haben mir sehr geholfen. Sie sind ein Teil meiner Familie, und wir haben uns auf wundervolle Art umeinander gekümmert.” Craig redet sehr offen, sehr gefühlvoll und ohne Scheu. ”Das Reden hilft mir dabei, wieder gesund zu werden und gesund zu bleiben. Ich muß mich ausdrücken, muß mein Leben ausdrücken und die Tatsache, daß ich immer noch am Leben bin. Es ist auf keinen Fall etwas, weswegen man beschämt sein müßte. Noch nicht einmal ängstlich sollte man davor sein. Man muß sich diesen Dingen stellen, ihnen ins Gesicht sehen. Und ein Teil der Konfrontation ist, darüber zu reden, darüber zu singen und Musik zu machen, die aus dieser Phase stammt. Angesichts der Tatsache, daß wir in einer Gesellschaft leben, die Alter, Krankheit und Tod tabuisiert, könnte es außerdem anderen Leuten helfen, ein natürlicheres Verhältnis zu ihren Ängsten zu bekommen, indem ich meine eben zum Thema mache.” Und so erzählt er über die sechsmonatige Chemotherapie, nach deren Ende er aller Erschöpfung zum Trotz unbedingt mit den Aufnahmen anfangen wollte. ”Diese Aufnahmen waren sehr schwer. Das einzige, was ich tun wollte, war, irgendwo hinzugehen und für sechs Monate im Bett zu liegen. Aber ich dachte, es sei wichtig für mich, für uns, diese Platte einzuspielen. Zu der Zeit, als ich den Gesang aufnahm, machte ich eine Bestrahlungs-Therapie, und das war wirklich schwierig, weil sie meine Brust und meinen Hals bestrahlten, wodurch alles wund wurde. Ich konnte kaum etwas essen, mein Doktor war davon überzeugt, daß ich nicht würde singen können. Doch es hat geklappt, und ich sehe das als Geschenk, denn es gab keinen vernünftigen Grund dafür, warum es hätte funktionieren können.”
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