Can

Can-Zeichen D Teil 5

17.04.1997, 18:10, Text: Autor unbekannt

Es muß Anfang der Achtziger gewesen sein, als eins der CAN-Mitglieder - ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, welches - in einem Radio-Interview sagte, mit CAN sei es wie mit einem Baum, der habe einen Stamm und verästele sich oben. Gingen die Äste aber erst einmal auseinander, so würden sie nie wieder im Wipfel zusammenwachsen. Dabei sei die Gruppe eigentlich nie wirklich auseinandergegangen. Man habe einfach nur aufgehört, unter einem bestimmten Logo zu musizieren. Zu den '86er Sessions konnte man sich also ganz locker, ohne jeglichen Vorbehalt treffen, wie sich Jaki Liebezeit erinnert. 'Wir haben uns nicht mehr als Gruppe gesehen, sondern es war so ein freiwilliges Zusammentreffen und zwangloses Spielen im Studio, ohne Absichten oder Hoffnungen.

Und was die Presse daraus machte, stimmte einfach nicht. In gewissem Sinne sind wir immer noch eine Gruppe, nur daß wir eben diesen Namen abgelegt haben. Wir sind immer wieder gemeinsam im Studio. Mit Schmidt und Karoli arbeite ich immer noch zusammen, auch mit Holger, wenn auch in letzter Zeit weniger. Aber ich habe auf sämtlichen Czukay-, Schmidt- und Karoli-Solo-Platten gespielt. Unser menschliches Verhältnis ist heute vielleicht viel besser. Es fehlt einfach der Druck.'
Das Erstaunlichste war jedoch nicht, daß die vier Stamm-Mitglieder von CAN wieder zusammenkamen, sondern daß der Sänger der Urformation, Malcolm Mooney, wieder an Bord war. Der Grund dafür war ganz einfach. 'Der Damo wollte nicht mehr', erzählt Liebezeit. 'Er hatte ein ganz anderes Leben begonnen. Er arbeitete für eine japanische Firma, bei der er noch immer ist, heiratete und hatte zwei Kinder. Das war ihm einfach genug.'
Und Mooney war glücklich. Er hatte sich ohnehin schon selbst mit dem Gedanken an eine Reunion der Gründungsband von CAN befaßt. Immerhin lag eine Odyssee hinter dem Sänger. 'Ich kehrte am Silvester-Tag 1969 nach Amerika zurück. Ich dachte nicht mehr viel über CAN nach. Höchstens insofern, als daß ich andauernd Post bekam: Wir sind hier, wir sind dort, wir sind am Flughafen und so weiter. Aber ich wußte nicht, ob ich in der Lage sein würde, noch einmal mitzumachen. Ich glaube, ich hatte damals von der Fülle der Arbeit genug. Es war ein guter Zeitpunkt, um eine Pause einzulegen. Über lange Zeit hatte ich dann keine Ahnung mehr, was mit CAN passierte. Irgendwann entdeckte ich in einem Plattenladen eine CAN-Platte, auf der ich mein Bild fand. Es war ein eigentümliches Gefühl, daß dieses Album ohne mein Wissen herausgekommen war. Ich ging zur Schule, studierte Kunst und machte meinen Masters Degree in Malerei. Ich arbeitete viel in der Kunstabteilung einer Textil-Design-Firma und als Lehrer und machte stets ein bißchen Musik. Vor allem Jazz in New York. Und ich sah eine Menge Musik. Vor allem aber heiratete ich. 1986 schrieb ich Hildegard, und sie schrieb mir. Es war ein transatlantisches Crossing. Wir beide waren der Meinung, wir sollten dieses Reunion-Album machen, das dann 'Rite Time' hieß. Das war ein schönes Wiedersehen. Am Ende der Aufnahmen hörte ich auf zu trinken und ließ mich völlig neu inspirieren. Wir hatten einen sehr fruchtbaren Monat in Nizza.'
Hinter Malcolm Mooney lag eine viel längere Zeit seit seinem letzten CAN-Event als hinter den anderen Musikern. Hatte er nach 17 Jahren noch das gleiche Gefühl für die und mit der Gruppe, der er nach eigenem Dafürhalten nicht zuletzt deshalb den Rücken gekehrt hatte, weil er sie Ende der Sechziger als Vier-Mann-Band mit genuin europäischen Wurzeln sah? 'Gute Frage. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich nichts anderes, als daß ich es tun müßte. Wir wollten einfach sehen, was wir zurückgelassen hatten und in welche Richtung wir uns bewegen konnten. Insofern hatten wir keinerlei vorgefertigte Ideen über CAN oder die fünf Mitglieder. Sofern ich mich erinnere, hatte ich damals recht interessante Text-Ideen. Vor allem für den letzten Track der CD. Auch diese CD war vollständig improvisiert. Mit Ausnahme von 'Below This Level'. Das war ein Text, der von 1975 stammte. 'Like A New Child' war für Michael geschrieben, weil er zu diesem Zeitpunkt gerade Vater wurde.'
'Rite Time' ist sicher kein typisches CAN-Album. Man spürt die entspannte Grundstimmung in der Musik, und doch ist es gerade die Spannung, die kreative Reibung, an der es den teilweise leicht angejazzten Stücken mangelt. 'Wir hatten einfach viel Spaß miteinander', schätzt Liebezeit dieses Ferienunternehmen ein. 'Die Platte ist nicht so richtig gut geworden, denke ich. Kein Wunder. Der ursprüngliche Geist, der Spirit, war entwichen. Der Geist aus der Dose war weg. Der Enthusiasmus, die Begeisterung, die optimale Zusammenarbeit waren uns entglitten.'
Im Gegensatz zu allen vorherigen Platten brauchte 'Rite Time' drei lange Jahre, bis sie veröffentlicht wurde. Als das Album 1989 auf die Ladentische kam, war die CAN-Reunion schon wieder Geschichte. Nicht zuletzt aus diesem Grund wurden alle Spekulationen über ein Fortbestehen von CAN von vornherein aus dem Weg geräumt. Noch einmal acht Jahre sollte es dauern, bis die vier sich an die Arbeit eines Remix-Albums wagten. Diesmal legten sie ihre Original-Bänder aber in die Hände anderer Musiker und DJs. Davon wird zu gegebener Zeit zu erzählen sein.



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aus Intro #44 (Mai 1997)
 
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