Die Krupps

die idee ist gut ...

15.04.1997, 21:56, Text: Autor unbekannt

\"So eine harte Platte haben wir noch nie gemacht. Obwohl vom Blues-Lick zum Spoken Word-Stück, von der Metal-Gitarre bis zum recycleten Sample, vom Flüstern bis zum Schreien alles drauf ist, ist die durchgängige Tendenz zum Harten offensichtlich. Und obwohl ich noch keinen Abstand zu der Platte habe - immerhin habe ich das Material ungefähr 5000mal gehört - bin ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis.\" Aufgeräumt in Bild und Ton, sitzt mir Jürgen Engler gegenüber, und ob der geschilderten Zufriedenheit verfällt er gern in einen erleichtert wirkenden, sympathischen Plauderton. \"Eine weitere Tendenz der Platte ist der Gedanke an einen Umbruch ..., daß sich was verändern muß.

Die letzte Platte war eher introvertiert, 'Paradise Now' ist extrem extrovertiert, was mir persönlich besser liegt. Ich hab schließlich früher in einer Punkband gespielt. Im Gegensatz dazu ist es allerdings nicht diese plakative Wut, sondern eher eine subtile Art, sein Mißfallen zu dokumentieren.\" Also eine subtile Extrovertiertheit. Nicht der einzige schwer vereinbare, aber doch funktionierende Gegensatz auf „Paradise Now“. Die sich populistisch anbiedernden brachialen Gitarrenklänge kommunizieren mit fast aleatorisch wirkenden Samples. Die fiependen und knarzenden Elektro-Sounds klingen wie ein Stromfluß vor dem Kollabieren, dem sogenannten Kurzschluß, bilden aber oft die Einleitung für auf den Punkt geklotzte Gitarrenklänge. Das Ergebnis könnte man als Hirnmusik für den Bauch bezeichnen. Oder aber Bauchmusik fürs Hirn? \"In den Köpfen der Leute fehlt heutzutage Offenheit und Akzeptanz. Viele Leute leben davon, andere Menschen manipulieren oder unterdrücken zu wollen. Wenn man versucht, den anderen Weg zu gehen, sich öffnet, dem anderen positiv gegenübersteht, nicht versucht zu manipulieren, dann braucht man keine Herrschaft. Und auf der neuen Platte stelle ich meine Vision von einer schönen Ordnung ohne Herrschaft vor. Dieses alte, anarchistische Gedankengut ist auf dieser Platte ganz massiv breitgetreten. Ich weiß, daß es nicht möglich ist, aber es wäre sehr schön.\"
Vielleicht zu schön, um wahr zu sein ... Aber wen will man mit diesen \"Utopien\" noch hinter dem Verstärker hervorlocken? \"Ich glaube, daß unsere Fans auf die Texte achten. Wir hatten eigentlich schon immer den leicht intellektuellen Fan. Keine stumpfen Abrocker, mehr so das Gymnasiastenlager. Aber das ist ja gleichzeitig auch das Problem. Ich will bestimmt nicht predigen, aber wenn ich vor Leuten predige, die es eh wissen ...\"
(Schulterzucken). Wohl ein Trugschluß, denn es sind eher Gymnasiastenkinder, die lernen, ihre Ellbogen zu benutzen. Aber an dieser Stelle keine Gesellschaftskritik von mir, sondern von Herrn Engler. \"Wenn ich wie meine Labelkollegen, die BACKSTREET BOYS, für kleine Mädchen sänge, erreichte ich dort mit anarchistischen Parolen wahrscheinlich mehr.\" Na, winkt da schüchtern ein KRUPPS-Remix für die erfolgreichste aller Boygroups um die Ecke? Daß man auch Tanzbares produzieren kann, beweisen die KRUPPS jedenfalls mit ihrer Version von ARTHUR BROWNs „Fire“. Drum'n’Bass für rockende Gymnasiasten und die Stimme des Originalkünstlers machen das Stück zum KRUPPS-untypischen, aber auch besten Song auf „Paradise Now“. \"Ich habe das Stück in meiner Kindheit geliebt. Diese Verschrobenheit, die disharmonischen Akkorde, sein abgedrehter Gesang und der ganze Kult und Mythos um ARTHUR BROWN mitsamt seiner abgedrehten Bühnenpräsenz. Diese Show, sich mit brennender Feuerkrone ans Kreuz nageln zu lassen ... - faszinierend!\"
Ebenso wie ARTHUR BROWN, der gerade sein Comeback plant und eine Platte mit illustren Gästen - PETER GABRIEL, LENE LOVICH und zwei ehemaligen BIG COUNTRY-Musikern - aufnimmt, gehört das Arbeiten mit ehemaligen Krautrockgrößen zu den Projekten Jürgen Englers. \"Als nächstes arbeite ich wieder an meinem Projekt mit alten Krautrockjungs. Das ist praktisch ein Krautrock-AllStars-Projekt. Mit Leuten von GOGO, CLUSTER und CAN. Für mich ist das eine Besinnung auf die Wurzeln deutscher Musikkultur. Krautrock war das Eigenständigste, was Deutschland je hervorgebracht hat. In Tokio stehen GOGO neben JETHRO TULL im Wachsfigurenkabinett, und hier sind die Leute fast vergessen. Aber das ist das typische Problem: Die deutsche Band gilt hier nichts!\" Na, wer will schon wirklich neben JETHRO TULL stehen. Etwa die KRUPPS?



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aus Intro #44 (Mai 1997)
 
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