Goethes Erben
keine schachnovelle
14.04.1997, 16:44, Text: Autor unbekannt
Als ein bißchen prätentiös und nicht ganz von dieser Welt galten sie den einen, den anderen als die Herolde einer im Niemandsland deutscher Musikbewegungen angesiedelten \"Neuen deutschen Todeskunst\". GOETHES ERBEN sahen sich nie als Teil einer solchen \"Regung\", die Intention lag für einen Menschen wie Oswald Henke, Kopf der Musiktheaterformation, stets im Einklang zwischen Musik und szenischer Umsetzung der textlichen Inhalte. Mit \"Schach Ist Nicht Das Leben\", dem mittlerweile zehnten Tonträger, kleidet sich die neu-alte Formation in ein reichlich verändertes Gewand: Ganz im Gegensatz zu früheren Produktionen, die ein wenig anämisch und instrumental ausgeblutet klangen, hat man zusammen mit dem Schweinehälften-Chefklopfer der EINSTÜRZENDEn NEUBAUTEN, F.M.
Die Geschichte des Stücks, in „Kindlers Literatur Lexikon“ werden wir sie vergeblich suchen: \"Es war einmal eine Welt ohne Farben, nur Schwarz und Weiß existierten. Vom eintönigen Leben gelangweilt, beschließt ein Bewohner, sich auf die Suche nach den verlorenen Farben zu begeben. Dabei begegnet er auch verlorenen Gefühlen, findet Vertrauen, Freundschaft, entdeckt die Lust wieder und erkennt den Wert der Liebe - bis ihm seine Suche auch unangenehme Gefühle offenbart: kalte und grelle Farben, Haß und Enttäuschungen. Mit all diesen Farben konfrontiert, kehrt er zunächst in totaler Desillusion zurück in seine farblose Welt. Um endlich festzustellen, daß alles, was er im Leben gewonnen hat, für ihn ein 'Gewinn für die Vergangenheit' ist; und um zu erkennen, daß wenigstens die Phantasie bunt ist. So setzt er sich die 'Phantasiekrone' auf und trägt die Farben des Regenbogens zurück in die schwarz-weiße Welt. Der Schlüssel der Geschichte ist also die Phantasie.“ Schach stehe laut Henke in diesem Kontext für die Gegensätze, es gäbe nur ein Gegeneinander, kein Miteinander. Nur Schwarz und Weiß. - Ein Märchen? Ein neuer Heldenmythos? Und weshalb auch nicht?! Sucht doch die Theaterwelt schon seit Jahren nach \"dem\" Mythos für das beginnende 21. Jahrhundert, nach einer intuitiven - was auch nichts anderes heißt als phantasieerfüllten - Erklärung der Lebenssuche in der unsäglich oft beschrieenen Informationsgesellschaft.
Doch wer soll das sehen wollen? Die Kultur- bzw. Theaterszene in Deutschland ist sehr eng und engherzig. Wer von ihren Exponenten wird darob nicht dünkelhaft die Nase rümpfen und statt dessen verweisen auf die 200. freie Vertonung der \"Troerinnen\" des Euripides; das Publikum im musikalischen Underground indes zeigt sich überfordert oder auch nur gelangweilt. Wer also soll \"Schach\" sehen wollen? „Ich denke, daß es tatsächlich ein Publikum gibt für solch ein Musiktheater“, kontert der König im Reich der Phantasie. „Auch wenn unsere einzelnen Inszenierungen unterschiedlich gut angekommen sind, ist doch eine hohe Akzeptanz zu spüren.\"
Dennoch besteht zweifellos die Gefahr, daß sich GOETHES ERBEN, von ihrem früheren Publikum aus mannigfachen Gründen abgeschnitten - nicht zuletzt, weil unterdessen zu wenig des Gothic-Lebensgefühls transportiert wird -, in einem Niemandsland zwischen den Kulturszenen wiederfinden. Aller Schönheiten des \"Schach\"-Albums sowie der Tatsache, daß die Präsentation der \"Schach\"-Tour im letzten Jahr frenetische Zustimmung erntete, zum Trotz: die in kultureller Tollwut tobenden Feuilletons im Lande werden die Bayreuther weiterhin ignorieren, solange man sich nicht doch noch der \"Troerinnen\" annimmt. Und da das kaum geschehen wird, scheint eine lange Suche nach der kulturellen Heimat bevorzustehen. Und auf dieser Suche gelten keine Phantasiekronen. Hier wird Schach gespielt.
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