Goethes Erben

keine schachnovelle

14.04.1997, 16:44, Text: Autor unbekannt

Als ein bißchen prätentiös und nicht ganz von dieser Welt galten sie den einen, den anderen als die Herolde einer im Niemandsland deutscher Musikbewegun­gen angesiedelten \"Neuen deutschen Todeskunst\". GOETHES ERBEN sahen sich nie als Teil einer solchen \"Regung\", die Intention lag für einen Men­schen wie Oswald Henke, Kopf der Musik­theater­formation, stets im Einklang zwischen Musik und szenischer Umsetzung der textlichen Inhalte. Mit \"Schach Ist Nicht Das Leben\", dem mittlerweile zehnten Tonträger, kleidet sich die neu-alte Formation in ein reichlich ver­ändertes Gewand: Ganz im Gegensatz zu früheren Produktio­nen, die ein wenig anämisch und instrumental ausgeblu­tet klangen, hat man zusammen mit dem Schweinehälften-Chefklopfer der EIN­STÜRZENDEn NEUBAUTEN, F.M.

Einheit, ein allgegenwärtig bestechendes Album er­arbeitet (das zugegebenermaßen hier und da noch ein wenig nach 70er Avant-Kraut riecht). „Wir haben ‘Schach’ zuerst als Musik­thea­terstück auf die Bühne gebracht und anschließend aufge­nommen. Diesen Weg wollen wir auch zukünftig beschreiten.\"
Die Geschichte des Stücks, in „Kindlers Literatur Lexikon“ werden wir sie vergeblich suchen: \"Es war einmal eine Welt ohne Farben, nur Schwarz und Weiß existierten. Vom eintönigen Leben gelangweilt, beschließt ein Bewohner, sich auf die Suche nach den verlorenen Farben zu begeben. Dabei begegnet er auch verlorenen Gefühlen, findet Vertrauen, Freundschaft, entdeckt die Lust wieder und erkennt den Wert der Liebe - bis ihm seine Suche auch unangenehme Gefühle offenbart: kalte und grelle Farben, Haß und Enttäuschungen. Mit all diesen Farben konfrontiert, kehrt er zunächst in totaler Des­illusion zurück in seine farblose Welt. Um endlich festzustellen, daß alles, was er im Leben gewonnen hat, für ihn ein 'Gewinn für die Vergangen­heit' ist; und um zu erkennen, daß wenigstens die Phantasie bunt ist. So setzt er sich die 'Phantasiekrone' auf und trägt die Farben des Regenbogens zurück in die schwarz-weiße Welt. Der Schlüssel der Geschichte ist also die Phantasie.“ Schach stehe laut Henke in diesem Kontext für die Gegensätze, es gäbe nur ein Gegenein­ander, kein Mitein­ander. Nur Schwarz und Weiß. - Ein Märchen? Ein neuer Heldenmythos? Und weshalb auch nicht?! Sucht doch die Theaterwelt schon seit Jahren nach \"dem\" Mythos für das beginnende 21. Jahrhundert, nach einer intuitiven - was auch nichts anderes heißt als phantasieerfüllten - Erklärung der Lebenssuche in der unsäglich oft beschrieenen Informationsgesellschaft.
Doch wer soll das sehen wollen? Die Kultur- bzw. Theaterszene in Deutschland ist sehr eng und engherzig. Wer von ihren Exponenten wird darob nicht dünkelhaft die Nase rümpfen und statt dessen verweisen auf die 200. freie Vertonung­ der \"Troerinnen\" des Euripides; das Publi­kum im musikali­schen Under­ground indes zeigt sich über­fordert oder auch nur gelang­weilt. Wer also soll \"Schach\" sehen wollen? „Ich denke, daß es tatsächlich ein Publikum gibt für solch ein Musik­theater“, kontert der König im Reich der Phantasie. „Auch wenn unsere einzelnen Inszenierungen unter­schiedlich gut angekommen sind, ist doch eine hohe Akzeptanz zu spüren.\"
Dennoch besteht zweifellos die Gefahr, daß sich GOETHES ERBEN, von ihrem früheren Publikum aus mannigfachen Gründen abgeschnitten - nicht zuletzt, weil unterdessen zu wenig des Gothic-Lebensgefühls transportiert wird -, in einem Niemandsland zwischen den Kulturszenen wiederfinden. Aller Schönheiten des \"Schach\"-Albums sowie der Tatsache, daß die Präsentation der \"Schach\"-Tour im letzten Jahr frenetische Zustimmung erntete, zum Trotz: die in kultureller Tollwut tobenden Feuilletons im Lande werden die Bayreuther weiterhin ignorie­ren, solange man sich nicht doch noch der \"Troerinnen\" annimmt. Und da das kaum geschehen wird, scheint eine lange Suche nach der kulturellen Heimat bevorzustehen. Und auf dieser Suche gelten keine Phantasiekro­nen. Hier wird Schach gespielt.



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aus Intro #44 (Mai 1997)
 
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