Carter U.S.M.

who the f*** is dave?

05.04.1997, 10:58, Text: Autor unbekannt

Jim Bob erklärt: “Dave ist keine reale Person. Obwohl ich manchmal denke, daß viel von meinen Gedanken in dieser Figur steckt.” Oha. Immerhin stirbt Dave im Titelsong. Todessehnsucht? “Nein, das nun nicht. Aber vieles dreht sich um das Motiv der Flucht. Ich fühle mich z. B. zu Hause eigentlich am wohlsten, wenn ich mit meiner Familie zusammen bin und fernsehen kann. Das ist schon eine Form von Flucht.” Fruitbat bezieht das Motiv mehr auf Inneres: “Für mich geht es oft nur darum, meinen eigenen Gedanken zu entkommen. Es gibt so viele Leute, die nichts hinterfragen. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre nicht in dieser Band und müßte mir nicht ständig überlegen, wie es nun weitergehen soll.

Und dann überlege ich, wie es wäre, einen stinklangweiligen Job zu haben, bei dem man nicht nachdenken muß. Aber das hält zum Glück nie lang an. Ich hab’ nämlich schon mal in einem Büro gearbeitet.” Ungewohnte Töne von zwei Musikern, die sich seit der Gründung von Carter USM 1987 eigentlich immer um die Aufrechterhaltung eines gerüttelt Maß an Anarchie in der britischen Musikwelt bemüht haben. Zwei Querköpfe, denen die Erwartungen ihrer Umwelt stets egal gewesen sind, die nach dem Nummer-Eins-Erfolg von “1992 The Love Album” mit “Posthistoric Monsters” bewußt ein sperriges Werk hinterherschoben. Und genau das hat ihrer Plattenfirma auf lange Sicht nicht gefallen. “Sie wollten eine Top 20 Band aus uns machen, mit allem, was dazugehört. Inklusive Auftritten im Kinderfernsehen”, erzählt Fruitbat, der bei einer solchen Show ziemlich heftig mit einem Moderator aneinandergeriet. “Aber wir sind nicht besonders gut darin, Idioten aus uns zu machen. Am Ende haßten wir sie, und sie haßten uns. Deshalb haben wir uns nach langwierigem Hin und Her getrennt. Bis wir eine neue Firma gefunden hatten, waren schließlich zwei Jahre vergangen.”
Seitdem ist das ehemalige Duo auf eine sechsköpfige Band angewachsen, die live nicht mehr wie früher auf Drumloops und Sequenzer zurückgreift. Auch die Songs auf “A World Without Dave” klingen anders. Von Reminiszenzen an die PET SHOP BOYS oder FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD über Gitarrenrocker bis hin zu Breitwand-Pop, der Erinnerungen an ANDREW LLOYD WEBBER weckt, greifen CARTER ein breites Spektrum ab. Gerade der süße britische Pop der 80er Jahre scheint es ihnen angetan zu haben. Doch so ganz in Harmonie und Bürgerlichkeit verfallen sie dann doch nicht, als Gegenpol gibt es ja immer noch die zynischen Texte von Jim Bob, die dem post-thatcheristischen England in gewohnter Manier ans Bein pinkeln. Ihnen entstammt auch das kleine Wort zum Abschied: “Now in the chapel there’s a preacher / With a porno star’s moustache / He’s gonna send my soul to Jesus / With a song by Johnny Cash.”



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aus Intro #44 (Mai 1997)
 
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