Can
Can-Zeichen D Teil 4
10.03.1997, 11:17, Text: Autor unbekannt
Jaki Liebezeit ist gewohnt, nach vorn zu schauen. Seine Erinnerungen an die letzten Jahre von CAN sind daher eher verschwommener Natur, auch zu den einzelnen Alben kann er kaum Auskunft geben. 'Diese 16-Spur-Maschine hat mehr Unheil angerichtet, als daß sie uns geholfen hätte. Irgendwie hat sie das Gruppendenken zerstört. Bis dahin waren wir gezwungen, unsere Ideen als Gruppe zu entwickeln. Wir hatten eine Overdub-Möglichkeit mit zwei Spuren. Das heißt, wir konnten hin und wieder noch eine Spur draufpacken. Ein bißchen Gesang oder so. Das heißt, wir mußten immer zusammen spielen. Später kam jeder Musiker einzeln ins Studio, machte seine Spur, während die anderen zu Hause blieben, was der Gruppe eigentlich gar nicht geholfen hat.
Es gibt wohl niemanden, weder inner- noch außerhalb der Band, der diesem Statement nicht zustimmen würde. Doch stellt sich die Frage, warum dann nicht zur alten Arbeitsweise zurückgekehrt wurde. Doch dazu, so Liebezeit, sei es einfach zu spät gewesen. Man konnte das Rad nicht mehr zurückdrehen und empfand das Problem zum damaligen Zeitpunkt auch nicht als dermaßen gravierend. 'Wir hatten das als Verbesserung empfunden, was es ja rein technisch auch war. Nur eben nicht künstlerisch, vom Herstellungsvorgang aus betrachtet. Die Gruppenspontaneität litt darunter und wurde durch Einzelarbeiten ersetzt.'
Trotzdem klang 'Flow Motion' 1976 viel entspannter und übersichtlicher als sein Vorgänger 'Landed'. Auf der Platte befinden sich ein Reggae-Stück, ein Walzer, mehrere Funk-Nummern und rituelle Trance-Sachen. Ein entspanntes World-Beat-Album, eine Galerie kleiner, übersichtlicher Songs. Doch Jaki Liebezeit hat seine Zweifel. 'Natürlich waren wir in der Mitte der Siebziger Einflüssen ausgesetzt. Disco kam auf, und wir hatten ein paar Disco-Stücke im Programm. Aber all das hat der Gruppe nicht geholfen. Die letzten Alben waren einfach nicht mehr nötig.'
Erstaunlich war, daß CAN, obwohl sich Mitte der siebziger Jahre bereits die deutsche Sprache im Rock etabliert hatte, weiterhin englisch sangen. Sänger Michael Karoli dazu: 'Ich glaube nicht, daß man die Rhythmen, die wir spielten, mit deutschen Texten singen kann. Sonst hätten wir es vielleicht getan. Außerdem wollten wir nie etwas Verbales ausdrücken. Zumindest trifft das auf mich zu. Wenn ich das will, dann schreibe ich ein Buch. Ich selbst bin zum Beispiel überhaupt kein Poet. Es kommt mir nur auf den Klang der Worte an, und ich glaube, den anderen geht es genauso. Wir sind nie auf die Idee gekommen, deutsch zu singen.'
Mit dem Titelsong 'Flow Motion' kehrte die Band sogar zum Minimalismus früher Alben zurück. Ein Zeichen? Wohl eher eine letzte Besinnung vor einem noch radikaleren Wechsel. Auf 'Saw Delight' präsentierten sich CAN nämlich plötzlich zu sechst. Holger Czukay hatte den Baß aus der Hand gelegt, um sich elektronischen Instrumenten zu widmen, dafür war Roscoe Gee von TRAFFIC gekommen und hatte den afrikanischen Percussionisten Reebop mitgebracht. Liebezeits Urteil fällt vernichtend aus. 'Das Album ist eine einzige Katastrophe. Das hat niemandem von uns mehr gefallen. Es wurde mit 24-Spur-System aufgenommen und erst Wochen später abgemischt. Die ursprüngliche Idee war dann beim Mischen nicht mehr vorhanden. Fünf Leute konnten einfach nicht am Mischpult stehen. Das machten dann zwei, und der ursprüngliche Gedanke ging verloren. Meiner Meinung nach ist die Platte überhaupt nicht mehr gut.'
Aufgrund seiner fließenden rhythmischen Struktur, die sich alle anderen Elemente der Musik bedingungslos unterordnete, ist 'Saw Delight' das einzige CAN-Album, das man nebenbei hören kann, was zwar nicht Programm war, von den Musikern aber bewußt in Kauf genommen wurde. Michael Karoli hat eine moderatere Sicht auf 'Saw Delight' als der Schlagzeuger. 'Ich glaube, jeder in der Band hat aus anderen Gründen Musik gemacht. Das ist auch sehr wichtig. Wobei ich gar nicht definieren kann, aus welchen Gründen jeder einzelne Musik gemacht hat. Mich persönlich hat daran immer fasziniert, was gegen den Willen des Zuhörers beim Hören bewirkt wird. Und daran wollte ich arbeiten. Für mich wäre es durchaus interessant, eine Musik gegen Durchfall zu machen. Musik als Medizin. Daher auch meine Faszination für die Musik von Reebop. Das ist ja Medizin-Musik. 'Saw Delight' ist ein Zwitter. Du sagst, man kann es auch hören, während man etwas anderes macht. Das liegt daran, daß weite Strecken nur Rhythmus sind. Und wenn man Rhythmus hört, kann man etwas anderes machen. Wäre dieser Weg konsequent weiter beschritten worden, wäre wahrscheinlich eine Art richtiger Tanzmusik daraus geworden. Zu Tanzmusik kann man ja alles machen, nicht nur tanzen. Eine Musik, die nicht nur erzählt, sondern etwas bewirkt. Zum Beispiel, daß du kotzen mußt, die Nase frei wird oder die Haare zu Berge stehen.'
Für keins der CAN-Mitglieder war der Besetzungswechsel auf 'Saw Delight' so folgenschwer wie für Jaki Liebezeit, wurde ihm doch plötzlich ein zweiter Trommler an die Seite gestellt. Er nahm es jedoch, zumindest was seinen eigenen Part betraf, von der positiven Seite. 'Das war prima für mich, weil er einfach ein hervorragender Percussionist war. Es gibt kaum Leute wie Reebop. Leider ist er vor 15 Jahren gestorben. Er war einer der größten Conga-Spieler, die es je gab. Man kann ihn auf 'Sympathy For The Devil' von den ROLLING STONES hören. Irgendwie war das schon gut, daß Reebop und Roscoe zur Band stießen. Nur die Gruppenideologie wurde durchbrochen, weil die das nicht kapierten. Bis dahin war es wenig üblich, daß eine Gruppe immer als Gruppe auftrat. Meistens ist das ja so, daß einer den Text macht und einer die Musik, wie bei Lennon/McCartney oder Jagger/Richards, und der Rest der Kapelle ist eigentlich austauschbar. Musiker, die gelegentlich rausgeschmissen werden. Bei uns war niemand ersetzbar. Wir paßten immer auf, daß niemand zum Boß oder die Nummer 1 wurde.' Und doch wußte jeder, daß es mit CAN nicht mehr lange weitergehen würde. Der erste, der die Segel strich, war Holger Czukay. Er hatte ohnehin schon längere Zeit an Solo-Projekten gearbeitet. Mit seinem Ausstieg setzte der Schlußakkord ein. 'Can“ war CANs Aschiedsalbum. In Liebezeits Bewußtsein existiert es nicht einmal. 'Die Platte ist schon völlig aus meinem Gedächtnis gestrichen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie nicht doch nur eine Zusammenstellung von Stücken ist. Es gibt ja so viele Platten mit neuen Zusammenstellungen. Ich frage mich, ob die Aufnahmen zu diesem Album nicht aus älteren Zeiten stammen.'
Nein, das Album wurde tatsächlich 1978 am Stück aufgenommen. Mit einer Ausnahme, dem Song 'Aspectable', einer damals schon ein Jahr alten Auftragskomposition für die Titelmusik der ZDF-Kultursendung „Aspekte“. Ein Stück, das CAN immerhin einen festen Platz im Ohr vieler sicherte, die von der Band selbst keine Ahnung hatten. Im Gegensatz dazu gab es aber auch Titel wie 'Can-Can', eine Adaption JACQUES OFFENBACHs, deren Qualität weit hinter allem zurückblieb, was es bis dahin von CAN gab. Liebezeit: 'Eine Pflichtübung. Erst einmal wegen des Namens. Und zweitens, weil OFFENBACH Kölner war. Eine Pflichtübung, die aber nicht so recht gelungen ist.'
Daß Holger Czukay kein aktives Band-Mitglied mehr war, hieß nicht, daß er mit dem Album nichts mehr zu tun gehabt hätte. Immerhin zeichnete er noch als Editor verantwortlich. Michael Karoli vergleicht seine Funktion für dieses Album mit der aus der CAN-Anfangszeit. 'Damals fingen wir an, am fertigen Produkt zu samplen. Holger, der ja von uns der virtuoseste Bandschneider war, für mich in dieser Hinsicht auch der absolute Lehrer - alles, was ich auf diesem Gebiet kann, habe ich von Holger abgeguckt -, wurde von uns zum Schneiden an die fertigen Bänder gelassen. Wie zu 'Tago Mago'-Zeiten. Wir haben ja immer zu mehreren geschnitten. Als 'Tago Mago' geschnitten wurde, waren zumindest immer Irmin und ich dabei. Jaki nicht so oft, weil ihn das nicht so sehr interessierte. Wir kehrten also zu einem Arbeitsvorgang zurück, der für die frühen Platten immer wesentlich war. Nämlich, daß Holger geschnitten hat. Wir haben wieder gesagt: ‘Hängen wir das mal so zusammen und gucken.’ Wie man eben Bänder editiert. Das ist eine absolut musikalische Tätigkeit. Ein rein musikalischer Vorgang.'
Nach 'Can' ging jeder der vier Musiker seines eigenen Weges. Acht lange Jahre sollte es dauern, bis sie wieder gemeinsam ein Studio betraten. Doch dazu mehr im fünften Teil von CAN-Zeichen D.
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