Blur
the great escape
22.01.1997, 17:32, Text: Autor unbekannt
1990, Rave rules, Manchester ist seit einskommafünf bis zwo Jahren die britische Welthauptstadt des Rock und der Commonwealth ein neuer hinsichtlich einer nur scheinbar neuen, aber anregenden Popmusik, die locker polyrhythmische Dance-Grooves mit feinster englischer Pop-Melodei und hin und wieder (und wieder und wieder) prima selbstgebastelten Drogen vielversprechendster Bezeichnungen paart. Schon zu diesem Zeitpunkt ist diese vielfach als Bewegung mißverstandene Welle weitgehend unbemerkt im Sand versickert - Shaun Ryder, Sänger der HAPPY MONDAYS, läßt sich's Heroin abgewöhnen, die STONE ROSES, von Fans und Presse zu Tode gepostert, entschwinden, der Rest (FLOWERED UP??) - obskur.
Es herrscht verwirrte Stille im Land, als 1991 ein junges, freundlich blickendes Coverfräulein mit Badekappe zum Kauf einer Platte ermuntern soll, deren Titel und musikalischer Inhalt ebenso wie der Name der Band als Dokument solcher Zeiten nachgerade perfekt zu sein scheint - aber auch nichts mehr.
Verdientermaßen, das alles. Was für manchen manchmal wie Hype aussah, ist in sich substantiell, essentiell in bzw. für Tradition und Moderne der britischen Populär-Musiken des 20. Jahrhunderts, dichterisch-abstrahierender Ausdruck eines beobachteten oder selbsterlebten, prosaisch-unwillkommenen Lebensgefühls, dabei stilfest, eitel und selbstsüchtig wie ein unkastrierter Kater. \"Parklife\" ist der kreative Höhepunkt in BLURs Bemühen um eine neue, relevante, englische Popmusik. Die Band rafft zusammen, was an musikalischen Stil- und Transportmitteln greifbar ist, klettert Seil, springt Trampolin und serviert Corned Beef zu Darjeeling und importiertem Champagner und bezeichnet das Ganze ebenso treffend wie understating als die \"Comedy-Version von 'Modern Life Is Rubbish'\" (Damon Albarn). Der '95er Nachfolger, \"The Great Escape\", zweifellos brillant und dennoch mehr als alles andere die formale Vollendung von BLURs popmusikalischem Konzept, wird nahezu zeitgleich mit dem zweiten Album einer überaus erfolgreichen britischen Angeber-Combo mit dem überheblichen Namen OASIS veröffentlicht, die fortan in den Medien Krieg gegen BLUR führt - häßliche Worte, die unsere vier Helden hier auch nicht unerwidert ließen. Schwämme drüber, wir wissen schon. Weshalb diese beiden Bands, die an der Basis sicherlich die gleiche Musik machen, aber doch auf so unterschiedliche Weise an sie herangehen (\"They're a Rock'n'Roll-Band, we're Art School!\" Alex James), so oft im gleichen Atemzug genannt und miteinander verglichen wurden / werden, können sich auch BLUR nicht so recht erklären: \"Wir waren einfach die zwei größten Bands - oder die größten Egos! Wir haben eigentlich nicht damit gerechnet, daß so viele Leute sich für zwei Bands interessieren würden, die einander bekämpfen! Aber als Marketing-Kampagne gesehen sicher die beste des letzten Jahres!\"
Daß keiner der Parteien recht zu entlocken ist, ob es denn definitiv eine solche war oder nicht, ist zweitrangig. Interessanter an solchen Zuständen ist, daß sie Brit-Pop schon heute auf dem besten Wege zeigen, vom gleichen Schicksal ereilt zu werden wie (als eins von vielen möglichen Beispielen) die Neue Deutsche Welle - nach kurzer Zeit des schöpferischen und qualitativ sensationellen Aus-den-Nähten-Platzens wenden sich die inspirierten Initiatoren entweder ab oder werden aus der Spur gedrängt, während die nachrückende Masse derer, die auf den fahrenden Zug gesprungen sind, den kreativen, innovativen Geist zu Hundefutter verarbeitet und einem (ebenfalls nachgerückten) treuherzigen Publikum in Dosen verkauft.
So gesehen folgerichtig hören BLUR auf, wenn's am schönsten ist, und tun mit ihrem neuen Album den logischen Schritt weg davon: \"Es nützt einem nichts, übervorsichtig mit seiner Band umzugehen, man muß einfach tun, was Sinn zu machen scheint. Es wäre ein leichtes für uns gewesen, einfach noch ein Brit-Pop-Album nachzuschieben, aber was soll's?! Die neue Platte ist wie ein Neuanfang für uns, und deshalb hat sie auch keinen Titel. Hast du das Cover gesehen? Ganz in Gold - insgeheim hoffen wir nämlich, daß die Platte als 'The Golden Album' bekannt wird!\" - und in ihrer Konsequenz mit Sicherheit erst mal einiges an Verwirrung und Unverständnis auch im Lager des ganz und gar devoten Teils der Anhängerschaft auslösen wird. Bassist Alex James hat den passenden (und vermutlich besten Slogan des noch jungen Jahres) parat: \"It's more IGGY POP than Brit-Pop!\" Sehr wahr. In verschrammten, verzerrten und psychedelisierten Konditionen sind die Songs diesmal eher eingekesselt denn verbrämt und folgerichtig als solche schwerer, wenngleich bei tieferem Eintauchen durchaus als BLUR-typisch erkennbar. Der Radius ist eingeschränkt, musikalische Referenzen werden verstärkt aus der jüngeren und jüngsten Vergangenheit rekrutiert, die Texte - wenn vernehmbar - scheinen sich weniger mit fiktiven, aber nachvollziehbaren Einzelschicksalen zu befassen als verstärkt mit abstrahierenden Betrachtungen von potentiell signifikanten (Un-) Verhältnismäßigkeiten - \"Death Of A Party\", \"I'm Just A Killer For Your Love\", \"Song 2\", aber auch \"Beetlebum\" (die neue Single). \"Chinese Bombs\" ist Stop-and-go-Punk (\"We're a hard rocking band!\" Alex) und \"M.O.R.\" (= middle of the road), scheint's, eine Haßerklärung an künstlerische Brisanzen vom Schlage einer MARIAH CAREY und ihrer Zielgruppe: \"Wie diese Frau 'Without You' getötet hat, eine der wunderbarsten Melodien, die je geschrieben wurden - unfaßbar! Ich hasse diese Drama-Girls und ihre super-trainierten Stimmen.\" Seid ihr zufrieden mit der Platte? \"Vollkommen zufrieden sind wir eigentlich nie, auch nicht mit den anderen Platten. Wir finden's jetzt okay, alles in Ordnung, aber wenn wir erst mal ein Jahr oder so mit dem Material auf Tour waren, werden wir was ganz anderes damit machen wollen, weil's uns einfach aus dem Hals hängen wird. Leider wollen die Leute auf den Konzerten die Sachen nicht anders hören, als sie sie von der Platte kennen - ein Preis, den man zahlen muß.\" Tourneepläne? \"Ja, klar, die übliche Routine. Wir haben gerade mit den Proben angefangen, und es macht wirklich Spaß. Wir werden erst ausgiebig in England touren und später dann auf dem Kontinent. Da kommen wir dann sicherlich auch nach Dänemark. (????? - A. d. V.) Wir lieben Dänemark, ein wirklich schönes Land. In welcher Stadt lebst du? Vielleicht spielen wir da?!\" - Ich lebe nicht in Dänemark. - \"Wie? Rufst du nicht aus Dänemark an?\" - Nein, ich rufe aus Deutschland an. - \"Oh, ach so. Wir lieben Deutschland!\"
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