Can
Can-Zeichen D Teil 2
09.01.1997, 21:03, Text: Autor unbekannt
Bevor wir uns weiter in der Discographie von CAN vorantasten, ist es vielleicht hilfreich, ein paar allgemeine Worte von Irmin Schmidt über CAN vorauszuschicken. Denn CAN ist nicht nur ein Phänomen aus einer anderen Zeit. Um dieses Konglomerat von Gegensätzen zu verstehen, muß man auch einmal einen Blick hinter die psychologischen Kulissen werfen, die schließlich zu der Musik führen sollten, die wir unter dem Siegel CAN kennen. 'Als ich vorhatte, eine Gruppe zu gründen, wollte ich Musiker haben, die ganz anders waren als ich, die über einen ganz anderen Erfahrungshorizont verfügten als ich, die etwas ganz anderes können als ich, von denen ich etwas lernen kann und denen es jeweils miteinander so geht wie mir mit den drei anderen.
Zum Beispiel auf 'Ege Bamyasi', dem nach heutiger Zählung fünften Album von CAN. Es ist das Album, von dem Holger Czukay sagt, es wäre schon etwas kultivierter als die vorherigen gewesen. Vor allem gelang es CAN aber, mit 'Spoon', einem Song dieser Platte, einen richtigen Hit zu landen. 'Natürlich ist das angenehm', gesteht Schmidt. 'Man kann sich davon das Studio ausbauen, allerlei Geräte anschaffen und einen LKW für die Touren kaufen. Wir haben das ganze Geld investiert. Daß das möglich war, schaffte Freiheit, Selbstvertrauen und auch Bestätigung. Wir wollten ja nie nur eine Kunstgruppe sein, die Avantgarde für ein paar Weise macht. Es war schon richtig, daß wir einen Hit hatten. Das war in unser aller Sinn und machte uns auch Spaß. 'Spoon' war wirklich ein Kollektiv-Werk der ganzen Band. Wir waren damit auf der Höhe unseres Kollektivgefühls angelangt.'
Der Grund für den Hit lag dabei weniger in einem plötzlich erwachten öffentlichen Interesse an CAN, sondern darin, daß „Spoon“ sechsmal hintereinander im Vor- und Abspann eines Straßenfegers von Francis Durbridge, einer damals ungeheuer populären Krimi-Serie, gelaufen war. Trotz aller angenehmen Umstände, die sich aus der Top Ten-Plazierung ergaben, vermochte CAN jedoch nicht so recht mit der neuen Situation umzugehen, wie sich Czukay erinnert. 'Auf einmal riefen uns die Fernseh-Anstalten an und wollten uns in DISCO mit Ilja Richter haben. Das lehnten wir dann kaltlächelnd ab. Heute würde ich das nicht mehr tun, sondern ein solches Angebot annehmen und mir in der Sendung überlegen, was ich daraus mache. Aber damals waren einfach andere Zeiten, und mit vier Leuten muß man auch anders überlegen als allein.'
Insgesamt verkaufte CAN von 'Spoon' 300.000 Einheiten, was für damalige Verhältnisse gigantisch war. Und die Single riß natürlich auch das Album mit, das vielleicht aufgrund der harmonisierenden Stimme von Damo Suzuki stellenweise beinahe verklärt wirkt. Eine Betrachtungsweise, über die Irmin Schmidt nur den Kopf schütteln kann. 'Das Wort 'verklärt' wäre mir im Zusammenhang mit CAN wirklich sehr selten über die Lippen gekommen. Das würde ich eher für 'Future Days' gelten lassen, obwohl ich denke, daß dieses Wort bezogen auf uns ziemlich deplaziert ist. CAN war nie eine Gruppe, in der Harmonie zwischen den einzelnen Mitgliedern geherrscht hätte. Wir hatten uns ständig in den Haaren. Es gab stets Spannungen. Gerade bei 'Ege Bamyasi' war die Spannung auch ziemlich deutlich in der Musik spürbar. Auf 'Future Days' war dann das komplette Gegenteil der Fall. Alle Bandmitglieder waren vorher in den Ferien und sind vielleicht ein bißchen verklärt zurückgekommen. Es war Sommer, und es war sehr schön. Es ging uns eigentlich ziemlich gut.'
Tatsächlich dringen CAN mit 'Future Days“, erschienen 1973, in beinahe sphärische Bereiche vor. Speziell der Titelsong lebt von einem 18minütigen An- und Abschwellen von Sounds. 'Das ist eine sehr versponnene Platte', meint auch Holger Czukay. 'Sie hat etwas recht Surrealistisches. Gleich für das erste Stück haben wir in einer gefüllten Badewanne ein paar Unterwasser-Geschichten gemacht. Irgendwie hatte die den Charakter von Ambient-Musik. Vielleicht ist 'Future Days' die sinfonischste Platte, die CAN je gemacht hat. Man soll es ja gar nicht glauben, aber irgendwo in Lateinamerika war sie lange, lange auf Platz eins. Ich konnte es gar nicht fassen. Vielleicht waren es die Bewohner von Cap Horn. Ich ärgere mich noch im nachhinein, daß man die Balance nicht mehr groß hatte ändern können. Aber das schluckt man halt.'
Die Charakterisierung als Ambient-Platte möchte Irmin Schmidt nicht mittragen. 'Im Prinzip haben wir überhaupt nie Ambient-Musik gemacht. Ich will niemandem auf die Füße treten, der solche Musik macht, am wenigsten Künstlern, die ich ernst nehme wie BRIAN ENO. Aber Ambient ist natürlich eine Art Umwelt und nichts, dem du unbedingt zuhören mußt. Die schafft so was wie eine angenehme Raumgestaltung. Ich glaube, daß jede Musik von CAN so ziemlich das Gegenteil ist. Wenn man sie so leise laufen läßt, während man nett zu Abend essen will, dann nervt CAN-Musik. Ich glaube, sogar 'Future Days'. Das ist eine Musik, die eigentlich gehört werden will.'
Holger Czukay hat mit 'Future Days' noch ein ganz persönliches Problem. Plötzlich ging es darum, seine Position, die immer in der Doppelfunktion des Bassisten und Technikers bestanden hatte, neu zu definieren. 'Bei 'Future Days' beschwerten sich die anderen Musiker, daß ich nicht mehr richtig Baß spielen würde, weil ich mit der Technik überfordert wäre. Einer unserer Roadies sollte die Technik übernehmen. Ich hatte mich dagegen sehr gewehrt, aber ich wurde abgelöst und füllte nun meinen Platz als Bassist voll aus. Deshalb habe ich auf diesem Album auch eine Menge losgelassen. Das hatte aber den Nachteil, daß die Grundaufnahmen richtig vermurkst wurden. Danach konnten wir das ja nicht mehr verändern. Mir war einfach das ganze Schlagzeug zu laut. Später kehrte ich dann wieder ans Mischpult zurück, denn die anderen sahen das ähnlich.' Doch Schmidt kann über dieses Problem nur lachen. War es doch nur einer von unzähligen Gründen, sich gegenseitig in die Haare zu kriegen. 'Wir haben uns immer über irgendwas gezankt. Und damals war es eben das. Die Technik wurde etwas komplexer, wir hatten wesentlich mehr Equipment, und derjenige, der damit beschäftigt war, hatte damit eben auch wesentlich mehr zu tun. Und das war Holger. Möglicherweise hat uns das ein wenig genervt. Vielleicht hatten wir auch unrecht. Ich muß sagen, daß frühere Sachen von der Balance eher besser geklungen haben. Aber gezankt haben wir uns über alles Mögliche. Wir waren alle nicht einfach. Und, weiß Gott, Holger auch nicht.'
Die Ansichten der beiden CAN-Musiker zu 'Future Days' sind recht unterschiedlich, doch in einem Punkt stimmen sie überein: Es war bis zu diesem Zeitpunkt sicher die artifiziellste Platte der Band. 'Andererseits', wendet Schmidt ein, 'ist die Hälfte der kleinen Stücke auf 'Unlimited Edition' bei den Arbeiten an 'Future Days' entstanden. Das ist ungefähr so, als hätten wir von 'Tago Mago' nur die erste Platte veröffentlicht. Bei 'Tago Mago' war ja auch so viel Seltsames nebenbei entstanden, daß wir ursprünglich gar nicht vorhatten, eine Doppel-LP zu machen. Wir wollten nur die ersten zwei Seiten machen und irgendwann später den Irrsinn, der da noch war, verwerten. Bei 'Future Days' war es ähnlich, nur daß es da eben keine Doppel-LP wurde. Insofern muß man 'Future Days' immer mit 'Unlimited Edition' zusammen sehen. Sicher war das Album artifiziell. Aber weil es eine sehr relaxte Produktion war, haben wir uns überhaupt nicht unter Druck setzen lassen. Das Stück 'Future Days' selbst habe ich als eine der schönsten und harmonischsten Produktionen in Erinnerung. Und wenn ich es höre, mag ich es immer noch.'
Von den Aufnahmen zu 'Delay' bis zu 'Future Days' baute die Ästhetik eines CAN-Albums jeweils auf der des vorherigen auf. Mit 'Soon Over Babaluma' sollte sich das ändern. Insofern stellt 'Future Days' das Ende einer Entwicklungsphase dar. CAN sollten danach nie mehr die sein, die sie bis dahin gewesen waren.
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