DJ Shadow

instrumentale inhalte, zeitlos

06.11.1996, 18:27, Text: Autor unbekannt

Aber Josh ist auch kein Einsiedler und noch weniger jemand, der sich jenseits aller Szenen verordnet. Er lebt HipHop, seit 14 Jahren. Und „Endtroducing“, seine erste lange Platte, das werden weder er noch sein Label „Mo’ Wax“ müde zu betonen, ist eine HipHop-Platte. Und sei es nur, um nicht TripHop zu sein. Denn wenn TripHop als clever geschichtete Stimmungsmusik, als groovy Kuschelrock rezipiert und konnotiert wird, dann hat seine unter DJ SHADOW veröffentlichte Kunst da wahrlich nichts verloren. Das heißt nicht, daß Josh kein penibler Bastler ist, im Gegenteil. Ein Jahr lang hat er seine Plattensammlung seziert und rekombiniert, um zu den gewünschten Ergebnissen zu gelangen.

Denn er glaubt nicht an die Kombination aus handgespielter und gesampleter Musik. Lieber sucht er tagelang nach den richtigen Versatzstücken, um sich seine „eigene“ Gitarrenspur zu bauen. Und selten war die unangenehme Redensart, daß der Zweck die Mittel heiligt, angebrachter als bei dieser wahrhaft eigenen, wenn nicht sogar sprechenden Zweitverwertungskunst. Denn zu Handwerk gesellen sich hier Inhalte, Josh arbeitet thematisch. „Bei einem guten HipHop-Song“, so sagt er, „hast du das Gefühl, daß der Text und die Musik zusammengehören. Es gibt auch in der Musik ein Thema. Momentan hast du fast nur noch eine meist identische Klanglandschaft, über der gerappt wird. Mit instrumentaler Musik ist das noch mal was anderes, da du dort die freien Stellen selbst füllen mußt. Ich mag keine Musik - HipHop, TripHop, was auch immer -, die sich anhört, als wäre sie nur ein Instrumental eines Rap-Stücks und würde eigentlich einen Rapper brauchen. Das ist mein Problem mit den meisten Sachen, daß es kaum jemandem gelingt, ein Stück über die gesamte Länge interessant zu halten. Deswegen ist ein Inhalt so wichtig.“ Nachzuhören, -fühlen und -verstehen ist dies in jedem einzelnen Stück, das Josh aneinandergereiht hat, ob der elegante Flair von „Midnight In A Perfect World“ oder natürlich die tieftönende Eleganz seines Meisterwerks „What Does Your Soul Look Like“, welches in Teilen seinen Weg auf den Longplayer gefunden hat und allen Neueinsteigern wärmstens in der vollständigen auf einer EP vor einem Jahr veröffentlichten Version angediehen sei. Aber SHADOW ist keinesfalls ein reiner Bastel-Isolationist. Er arbeitet schon lange und auch weiterhin mit Rappern, u. a. mit der ebenfalls auf „Mo’ Wax“ veröffentlichenden Formation BLACKALICIOUS. Dabei geht es um die Balance, „denn wenn du ausschließlich instrumental arbeitest, versinkst du zu sehr in dir selbst und glaubst, daß dir keiner mehr was beibringen könnte.“
Wobei seine hauptsächliche Inspirationsquelle definitiv in der Vergangenheit liegt - Arbeitsmaterial und Objekt exzentrischen Sammlerwahns ist eine riesige Funk-Platten-Sammlung. Die naheliegende Frage streitet Josh vehement ab: „Nein. Ich liebe Funk, aber ich bin nicht retro. Es ist nur so, daß für mich die moderne Musik mit JAMES BROWN beginnt - nicht mit COLTRANE, nicht mit Blues. Aber ich bin kein Konservativer. Ich hoffe, ich mache nie eine Platte, die retro klingt, denn das ist nicht gesund für die Musik. Aber“, sagt er und grinst, was nicht so häufig vorkommt, „ich gebe zu, meine Funk-Leidenschaft ist schon eine Flucht vor der Moderne.“



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aus Intro #40 (Dezember 1996 / Januar 1996)
 
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