Peter Thomas
Countdown in die Ewigkeit
02.11.1996, 14:22, Text: Autor unbekannt
Alle Jahre wieder ist sie auf einem unserer Tausend Fernsehkanäle zu sehen, die präspocksche Fantasie der deutschen Bavaria. Das wohlige Kribbeln, das einen immer wieder überkommt, wenn der Countdown gezählt wird, um beim Startsignal in ein grandioses Bläserarrangement zu münden, ist stets aufs neue unbeschreiblich. Der Schöpfer dieses Kleinods deutscher Soundtrack-Geschichte heißt PETER THOMAS, stammt aus Berlin, läßt sich aber heute lieber in Italien die Sonne auf den Bauch scheinen, was nicht heißen soll, daß er sich aufs Ruhekissen begeben hätte. Nein, ein Rentner ist THOMAS gewiß nicht. Nie war er so populär wie heute. Doch nicht seine Fans von damals sind es, die ihm bis heute die Treue gehalten haben, sondern die Generation seiner Enkel.
Gerade auf CD wiederveröffentlicht, benötigt man die Bilder von Dietmar Schönherr als smartem Kapitän und seiner Crew eigentlich gar nicht, um sich der Assoziationskraft der Sounds von PETER THOMAS zu erfreuen. Erzählt man es ihm, wirkt er auch nach dreißig Jahren noch überrascht, gerade so, als hätte er etwas falsch gemacht. Denn in den Golden Sixties war es noch lange nicht Usus, parallel zu einem Film den Sountdrack zu veröffentlichen. Damals war eine Film-Musik eine reine Dienstleistung. \"Es gab keine Reaktionen. Die Leute haben nichts gesagt. Die Musik war ein Service zum Film. Kein Dankeschön, kein Negativum, sie war einfach dabei. Einer Film-Musik hat man einfach keine Beachtung geschenkt. Das hat mich aber überhaupt nicht gestört. Ich war ein junger Mann und fand, ich habe meine Aufgabe richtig erfüllt. Oder was heißt erfüllt? Ich habe es so gemacht, wie ich dachte. Was andere Leute dazu sagten, tangierte mich nicht. Wie es mich in all den Jahren eigentlich nie tangiert hat, was andere von mir dachten. Es gibt allerdings Dinge, die mich tangieren. Zum Beispiel, daß Otto in einer Fernsehserie Sequenzen von den Edgar Wallace-Filmen verwendet und meine Film-Musik wegläßt. Da habe ich ihm einen Prozeß gemacht. Im ersten Prozeß habe ich verloren, aber im zweiten hoffe ich zu gewinnen. Ich war mit ihm befreundet, fragte ihn, warum er das mache, und er sagte, er fände es besser so. Das finde ich scheiße, denn der wahre Grund besteht doch darin, daß er sich selbst GEMA-mäßig bereichern wollte.\"
Ach ja, die Musik zu den meisten Edgar Wallace-Filmen hat er ja auch noch gemacht. Eine unermeßliche Fundgrube für die THOMAS-Fans der dritten Generation. Doch worin besteht für unser Ohr das Besondere an den schrullig schönen, zukünftig-vergangenen Sounds von PETER THOMAS? Ebenso wie die Soundtracks von JOHN BERRY, LALO SCHIFFRIN, ENNIO MORRICONE oder HENRY MANCINI hat er alles handgearbeitet, und das hört man. Das Peter Thomas Sound Orchester arbeitete ohne Netz und doppelten Boden. \"Es war ein richtiges Orchester. Das heißt, durch meinen Besteller wurden zehn, zwanzig Musiker für einen Studio-Termin zusammengestellt. Das waren jeweils die besten Musiker, die wir in München und Berlin hatten. Es hieß zwar Peter Thomas Sound Orchester, aber das waren Musiker, die über das Telefon bestellt wurden. Natürlich holten wir immer dieselben Musiker. Ich bin ja nie mit den Leuten aufgetreten. Die Musiker tanzten an, wurden pro Stunde bezahlt und wußten genau, daß sie keine Chance haben, das Zeug vorher zu probieren. Denen wurden die Noten hingelegt, und dann mußten sie spielen.\"
Und sofort beginnt der 70jährige wie ein Rohrspatz über die Arbeitsmethoden heutiger Produzenten zu schimpfen. \"Es stand ganz im Gegensatz zu den heutigen Gepflogenheiten, nach denen man mit 48 Spuren aufnimmt. Einer spielt den Beleidigten, einer spielt den Baß, drei Tage später spielt einer die Gitarre, und am Ende kommt eine 3-Minuten-Nummer raus. Das ist ein recht klinisches Verfahren, bei dem kaum noch Emotionen freigesetzt werden. Ich hingegen komponiere, indem ich einfach meine Musiker anscheiße. Ich brauche den persönlichen Kontakt zum Musiker, nicht zum Computer. Der Musiker ist derjenige, der das, was ich schreibe, umsetzt. Heute erfindet der Produzent irgendwelche Gruppen und macht einfach nur Scheiß. Noch schlimmer ist jedoch, daß man heute einfach nur noch trendy sein will. Man macht immer nach. Auf der LP gibt es so eine Nummer mit einer Hammond-Orgel, und dazu spielen zwölf Geigen pizzicato. Dabei ist eben das Arrangement entscheidend. Für mich wird nie die Melodie allein wichtig sein, sondern immer auch das Arrangement. Heute arbeitet irgendein Wichser mit einem YAMAHA-Keyboard, das den Rhythmus vorgibt, wozu irgendein Gehandicapter dann mit einem Finger spielen und sagen kann: Das ist meine Komposition.\"
„La Paloma“ auf dem Klo nennt es THOMAS. Heute ist er mit der Band COMBUSTIBLE EDISON, für die er Arrangements schreibt, zugange und komponiert Musik für Babies, deren Fähigkeit, in höchsten Frequenzen zu hören, für ihn eine Herausforderung darstellt. Doch nicht nur das. PETER THOMAS ist noch lange nicht am Ende. Mit seiner Baby-Musik erzieht er sich die Fans für das dritte Jahrtausend.
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