Aphex Twin
die jagd nach den letzten primzahlen
29.10.1996, 15:27, Text: Autor unbekannt
Musik
Wer den Werdegang des jungen Ton-Meisters inklusive aller Label-Tätigkeiten, Querverweise und öffentlichen Statements genau verfolgt hat, dürfte von seiner neuen Platte kaum überrascht werden. Natürlich hat Richard Drum’n’Bass inhaliert und mit in seinen Kosmos eingeschmolzen bzw. einkodiert. Wobei sein Drum’n’Bass selbstverständlich nicht von GOLDIE initiiert wurde, sondern Geschichte atmet. „Ich interessiere mich schon seit HipHop für Breakbeats“, spricht Richard, „das war meine liebste Musik zu der Zeit. Doch dann wurde die Musik immer raviger und schrecklicher, und ich habe das Interesse verloren, bis vor ca.
Drum’n’Bass wird bleiben, sagt Richard, wie sich die momentanen Styles auch ändern mögen. Und wenn auch nur, weil der gebrochene Beat, der klingende Zweifel an Kontinuität, Fortschritt, Bruttosozialprodukt, Golf GTI usw. (damals) sein Leben verändert hat. Dafür sind Begriffe selbstredend vollkommen überflüssig. Vielleicht ist das, was auf der „Richard D. James“-LP über und unter synthetischen Klangteppichen (aber nie einlullenden, sondern stets zurückgenommenen, kristallinen) zuckt, auch gar kein Drum’n’Bass, sondern rhythmischer Freejazz oder einfach eine wahllose Verteilung von akustischen Impulsen mit Nähe zu percussiven Klängen. Das heißt, wahllos ist der APHEX TWIN natürlich nie. Wie alles zuvor umgibt auch diese Platte die Aura von mehrfach durchleuchteter Planung und Übersicht - was dem Ganzen zumeist das Spielerische nimmt, aber nicht immer. Denn dem entgegen arbeiten Richards aus 20% moderner Klassik und 80% Pop zusammengebundene Melodiebögen, wohl meist ohne konventionelle Erlösung, aber dennoch mit Spaß genug, um eine offene Haltung zur Rest-Welt zu vermuten.
„Ich versuche die Sachen immer komplizierter, aber gleichzeitig einfacher verständlich aufzubauen. Ich möchte nicht einfach nur verschachtelt sein, wie eine Mathematikaufgabe, denn ich glaube, das können viele Leute. Ich möchte, daß es leicht auf der Oberfläche klingt. Es gibt einige gute Pop-Songs, die einfach scheinen, aber eigentlich komplex sind.“ Da läge es eigentlich nahe, en passant die Nummer eins zu schießen, was, wie er ohne aufzusehen anmerkt, kein Problem wäre. „Aber es wäre keine musikalische Herausforderung, es wäre ein anderes Spiel.“
Richard D. James
Das ist der APHEX TWIN, den wir wollen, der digitale Moses, der uns den Weg ebnet, der mit seinem Panzer so extrovertiert rumposen darf, wie er will, ist dies doch nur ein weiteres willkommenes Zeichen, daß er ein Original ist. In diesem Bezug mag es manchem beinahe schade erscheinen, daß Richard in den letzten Jahren immer öffentlicher und sozialer geworden ist. War er auf seiner ersten Interviewreise noch ein in sich gekauertes Häufchen, das wiederholt nach dem Mutterleib bzw. häuslichen Studio verlangte, so begegnet einem heute ein zwar etwas neben der Spur liegender, aber charmant grinsender, durchaus reflektierter Mensch. Dessen Plattentitel, nämlich der, der in seinem Pass steht, der Höhepunkt in einer Entwicklung vom White-Label und der Ansammlung von Synonymen zu einer Person mit Gesicht und Namen ist. War die letzte Station, der computerisierte Kopf und das „ich“ im Plattentitel, schon eine Überraschung, so konfrontiert uns Richard jetzt mit seiner persönlichsten Geschichte.
„Mein Bruder starb, als er klein war, und als ich ein paar Jahre später geboren wurde, bekam ich seinen Namen, nur mit einem D. dazwischen. Ich fühle mich schuldig, weil ich seine Identität gestohlen habe. So ist er die Single geworden, mit seinem Bild drauf, und das Album bin ich.“ Die Single ist das Grab von Richard James. Damit ist der lebendige Bruder mit einem leichtfüßigen Hüpfer um ein Lichtjahr an möglichem Intimitätsterror der Yellow Press vorbeigesprungen und hat gleichzeit den Mythos am Leben erhalten. (Spekulationen darüber, was das alles bedeuten bzw. nicht bedeuten kann, sind in Anbetracht des immer noch recht jugendlichen Alters des Künstlers eher gefährlich.) Für ihn ist es eine Respektsbezeugung und die befreiende Öffentlichkeit eines komischen Gefühls, auch wenn es dadurch ein weiteres Bild im Bilderwust wird. Trotzdem gibt es keine lineare Entwicklung vom Kaspar-Hauser-Phantom zum öffentlichen Partylöwen, es sind auch keine wirklichen Einblicke, die uns der APHEX TWIN gewährt. Es kann immer alles passieren. Es gibt auch immer noch einige Sachen, die er unter anderem Namen macht, wovon niemand weiß und auch nicht wissen soll (außer vielleicht, daß es so ist ...). Und es gibt ein Alter ego von ihm, das mittlerweile von einem Freund besetzt wurde, der auch schon viele Interviews gegeben hat und DJ-Bookings hatte. „Aber ich werde dir keinen Namen sagen“, erklärt Richard und lacht.
Die anderen
„Ich werde wahrscheinlich mehr mit anderen zusammenarbeiten. Diejenigen, mit denen ich momentan ernsthaft arbeite, sind Luke Vibert (PFLUG, WAGON CHRIST) und Tom Jenkinson (SQUAREPUSHER), und das werden wahrscheinlich auch die Leute sein, mit denen ich in Zukunft mehr zu tun habe. Vielleicht noch ein paar Sänger, die nichts dagegen haben, daß ihre Stimmen total zerstört werden.“ Der brillante, tiefgekühlte Techno von Mike Paradinas alias U-ZIQ (mit dem Richard die Platte „Expert Knob Twiddlers“, seine erste Kooperation überhaupt, veröffentlicht hat), der Space-Jazz-Hochgeschwindigkeitsbreakbeat von Tom Jenkinson und die tiefgründigen Drum’n’Bass- und Instrumental-HipHop-Arbeiten von Luke Vibert sind tatsächlich so eine Art Koordinatensystem für den Zwilling, oder lieber ein mit ihm voranschreitendes Forschungsfeld. Dies sind in seinen Augen die herausragenden Künstler, Leute, „die darüber nachdenken, was sie tun, und deren Musik sich anzuhören lohnt. Ich meine, es gibt einen Haufen anderer Künstler, aber mir fallen keine Namen ein, also können sie auch nicht so gut sein. Mir fallen immer nur diese beiden ein.“
Musik
Ob nun allerdings die anstehenden Kooperationen zu entscheidend neuen Ergebnissen führen, bleibt mit Skepsis abzuwarten, bisherige Beispiele zeugen eher von einer Verwässerung und bestenfalls von verspieltem Schulterklopfen. Gerade Richard D. James hat den Nimbus des Einzelgängers geprägt und mit Qualität gefüllt, seine Verkabelung mit der Maschine, sein mysteriöser, nur von ihm zu durchdringender elektronischer Bastelkeller. Nach dem ersten Geldsegen hatte er sich nicht nur seinen Panzer, sondern auch alles verfügbare Equipment gekauft, um es dann wieder zu verschenken. Denn er braucht nur noch seinen Computer.
„Ich schreibe Software. Das ist alles, was ich tue. Ich verbringe meine gesamte Zeit mit der Erforschung neuer Programme und so was. Ich checke, was es im Internet gibt, und habe darüber Kontakt mit sehr vielen Leuten. Vielen Wissenschaftlern und Mathematikern, in deren Programme ich einsteige und die dann völlig ausrasten, daß mit denen jemand Klang erzeugt, weil sie meistens überhaupt keine Musik hören. Das habe ich die letzten fünf Monate gemacht und werde es wohl noch vier weitere tun, bevor ich es einsetze.“
Das ist Richards momentanes Leben, kein wahnsinniges Schrauben mehr, sondern eine fast schon normale Internet-Realität, nur daß er im Dienste seiner Musik genau dort ist, wo vorne noch sein kann - bei den letzten Reservaten, den unentdeckten Primzahlen, dem nicht abgekauten Break. Darum macht er Musik - um die Sachen anders zu machen. „Und ich möchte MUSIK machen. Ich bin bisher noch weit davon entfernt, aber ich hoffe, daß es mir gelingt, in den nächsten Jahren Musik zu machen, die ich und die Leute wirklich mögen.“ So ist er. Gibt uns diese Platte und sagt: „You ain’t seen nothing yet.“ Ist dieses Wissen um die revolutionäre Zukunft auch der Grund dafür, warum jemand, der Hunderte von Stunden gespeicherten Materials im Schrank hat, eine 30minütige CD veröffentlicht? „Nein. Ich kann keine langen Platten mehr hören. Ich kann mich nicht so lange konzentrieren.“
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