Wilco

gralshüter des rock'n’roll (2)

26.10.1996, 14:03, Text: Autor unbekannt

WILCO nutzten ihr musikalisches Fundament zwischen Hilly Billy und Folkballaden und pflanzten ihm erdige Gitarrenriffs ein. Und so schlug das ‘95er Album \"A.M.\" mit polternden Hymnen und sanften Schwebern eine Kerbe in den eingefahrenen Singer-/Songwriteralltag, denn es war von schräger Melancholie. Bei den trällernden Banjodudlern hatte es eine grinsende Selbstironie und die gewisse Heavyness in den Rock'n’Roll-Sequenzen. Ein nasser Fisch auf den Assoziationsbahnen der Journalisten, die verzweifelt nach einer Kategorie fahndeten. Der Eklektizismus, grob gesagt aus HANK WILLIAMS, KEITH RICHARDS und NEIL YOUNG, hatte da ein seltsam stimmiges Produkt zur Folge.

Auf der nachfolgenden 220-Gigs-Welttournee hortete Tweedy neue Songideen: \"Nachdem ich in sehr kurzer Zeit mehr als 12 fertige Stücke geschrieben hatte, wuchs in mir die Idee einer Doppel-CD, um unsere gegensätzlichsten musikalischen Möglichkeiten auszuleben. Bei solch' kostspieligen Vorschlägen fangen die Plattenfirmen immer zu rechnen an. Also entschieden wir, nicht in einem teuren Studio zu produzieren, sondern bei mir zu Hause mit der Bandmaschine. Als wir das fertige Band mit der Doppelalbum-Idee schließlich beim Label vorstellten, waren die einverstanden. - ‘Being There’ ist der Soundtrack für einen bestimmten Lebensabschnitt einer old-fashioned Rockband und ihres Hauptsongwriters. Beides ist sehr eng miteinander verknüpft.\"
Neun Monate waren WILCO 1995 um die Welt gereist. Fast exakt die Phase, die Tweedys Sohn Spencer benötigte, um auf die Welt zu kommen. Die Geburt, gepaart mit der neuen Verantwortung, inspirierte den Vater zu einer Reihe weiterer Kompositionen. \"Niemals vorher hatte ich solch' intensive Empfindungen. Die Ideen sprudelten aus mir heraus. Die Abende mit der Band wurden zu Happenings.\" Den Eindruck, der neu hinzugekommene Gitarrist Jay Bennett (Ex-TOMMY KEENE) habe die Rolle des künstlerischen Gegenparts eingenommen und schüre bandintern die Kreativ-Dynamik, weist Tweedy jedoch zurück. \"Wir sind durch die Tour noch mehr zur Einheit geworden. Es gibt ein genaues Verständnis davon, was wir mit Musik umsetzen wollen.\"
Nicht nur wegen des Formats weckt \"Being There\" Erinnerungen an das Meisterwerk der ROLLING STONES, \"Exile On Main Street\". Wie aus Verschwendungssucht wird auch hier Perle an Perle gereiht. Ein kostbarer Schatz aus Musik, der dabei ganz unprätentiös daherschaukelt. Die konträren Dimensionen, seine konstante Energie und dieser auffällige \"Greatest Hits\"-Charakter entziehen das Album fast ganz herkömmlichen Kritikansätzen. \"You still love Rock'n’Roll (...)/ take the guitar player for a ride/ see he ain't never been satisfied\" (\"Misunderstood\"). Tweedy hat den Glauben an die Mutter aller Lebensgefühle nicht verloren. Wie NEIL YOUNG nach dem Ende der SEX PISTOLS in \"Hey, Hey, My, My\" mit der Zeile \"Rock'n Roll will never die\" der desillusionierten Post-Punk-Generation ein Selbstbewußtsein wiedergab, entpuppt sich auch der Mann mit der trübsinnig-romantischen Intuition als Gralshüter des Rock. Seine Songs geben den vermeintlich überholten Werten einen neuen Sinn. WILCO setzen Zeichen für die Rock'n’Roll-Renaissance.



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aus Intro #39 (November 1996)
 
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