Laibach

deus ex machina

26.10.1996, 10:15, Text: Autor unbekannt

Hier wie überhaupt - also auch in den Texten und Schriften LAIBACHs - spielt die deutsche Sprache eine zentrale Rolle in der Selbst-Definition der NSK. Der Text bringt fast immer die verschiedenen künstlerischen Phänomene in ein breiteres kulturell und philosophisch geprägtes realpolitisches Gerüst und stellt sich dadurch entweder politisch oder philosophisch oder als beides zur gleichen Zeit dar. So verhält es sich auch mit den - durch Übersetzungen ins Deutsche - oft in vollkommen neuen Kontext gebrachten Lyrics LAIBACHs.
Im Gegensatz zur Besichtigung einer Ausstellung der Gruppe IRWIN fällt einem beim Besuch eines LAIBACH-Konzertes sofort auf, daß es hier nicht um konkrete Kritik geht, auch nicht um die Kritik dessen, was hier vorgeführt wird.

Es geht um die Akzeptanz ästhetischer Werte wie auch Ideale. Sehen wir das Konzert als Teil des allumfassenden Konzeptes der NSK, und in diesem Sinne als Kooperation zwischen bildender Kunst, Musik, Theater und Rhetorik, wird die Ausrichtung des Projektes LAIBACH klarer. Es geht um die komplette Überwältigung der Zuschauer als Individuen und die Veränderung ihrer Lebensorientierung hin zu einer anderen Ordnung. Kunst stellt sich hier dar als Kollektivismus und Totalitarismus.
Im Deutschen ist \"Totalitarismus\" ein leidlich skandalöser Begriff. Deshalb müssen wir diesen, wollen wir darüber im Kontext LAIBACH reden, für einen Moment aus seinem historischen Zusammenhang herausnehmen, sei dieser nun Faschismus, Stalinismus oder Katholizismus. In diesem Fall wird Totalitarismus zu einem formellen Prinzip des rücksichtslosen Aneignens (von außerhalb) und autoritären Handelns (von innerhalb) und dadurch per se zur Ausübung von Macht, der Du Dich unterwirfst oder die Du kontrollierst ... oder im Idealfall beides zugleich. Wenden wir das an, z. B. auf das Phänomen der Liebe als einer allgemein gebräuchlichen Form des persönlichen Totalitarismus, wird deutlich, welche Art Faszination und Terror gleichzeitig an dieses Prinzip gebunden sind, denn alle Formen des Totalitarismus stehen - sowohl als Versprechen als auch als Bedrohung - in bezug zur Biologie der menschlichen Gesellschaft. Der Totalitarismus stellt vor allem an dem Punkt seine Grenzen deutlich heraus, an welchem wir versuchen, ihm zu entwischen. Dieses Prinzip, das eine tiefgreifende Form des „Life to the max“ verspricht, erfüllt sich durch Feindseligkeit und toleriert eben deshalb seine Gegner. Die fast schon überzogene Drastik des totalitären Konzeptes der NSK wird im LAIBACH-Slogan „Exorcism“ auf das trefflichste zusammengefaßt, diesem künstlerischen Ritual, in dem das Böse gerufen und gleichzeitig ausgetrieben wird.
Ein Gedanke, der sich in seinen Grundlagen so auch im Vitalismus wiederfindet und durchaus seine Reminiszenzen zu Nietzsche und - wie IRWIN in gemeinsamen Aktionen bewies - zu Beuys vorweist. Die Kritiker vermeiden leider oft eine konkrete Auseinandersetzung vor dem Hintergrund scheinbar zu extensiven Materials. Ein Grund dafür dürfte der sein, daß sowohl Künstler als auch Anliegen im NSK, wie auch in den angeschlossenen Gruppierungen inkl. LAIBACH, nicht gleichbleibend sind und so eine konstante Zugriffsmöglichkeit verweigern. Eine ausgesprochen wichtige Rolle spielt auch die Sprache der LAIBACH-Songs, NSK-Manifeste und Reden, welche sich auf den ersten Blick anmassend, bombastisch und aggressiv darstellt. Der Grund liegt auf der Hand: Mittels des Gebrauchs rationell ökonomischer Sprache wären die utopischen NSK-Thesen um einiges verletzlicher. Provokation ist hier geschickte Flucht nach vorn. Kommen wir zurück auf die Bedeutung speziell der deutschen Sprache in diesem Zusammenhang: Im früheren Jugoslawien war die deutsche Sprache die Sprache des Faschismus, heutzutage außerdem die Sprache einer Kultur, die Teilen Ex-Jugoslawiens jetzt wie auch vor sechzig Jahre Vorbild ist und war. Mit der Wahl dieser Sprache und ihrer Erhebung zum Ideal würzt NSK seine Politik mit ironischer Aggressivität. Provokation meint schließlich „etwas auslösen“. Was aber löst LAIBACH aus: „Wiederholung“ oder „Bewältigung“, ... oder „Bewältigung durch Wiederholung“? Für die Künstler aus Ljubljana liegt es auf der Hand, augenzwinkernd formulierten sie in ihren „Reden an die Deutsche Nation“: Slovenen sind die besseren Deutschen, und „als diese werden sie die Ehre der Deutschen wiederherstellen.“ Kunst interpretiert nicht, sie will interpretiert werden.



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aus Intro #39 (November 1996)
 
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