Wilco

gralshüter des rock'n’roll

18.10.1996, 11:04, Text: Autor unbekannt

WILCO nutzten ihr musikalisches Fundament zwischen Hilly Billy und Folkballaden und pflanzten ihm erdige Gitarrenriffs ein. Und so schlug das ‘95er Album \"A.M.\" mit polternden Hymnen wie \"It Must Be High\" oder dem sanften Schweber \"Should 've Been Love\" eine Kerbe in den eingefahrenen Singer-/Songwriteralltag. Denn \"A.M.\" war von schräger Melancholie. Bei den trällernden Banjodudlern hatte es eine grinsende Selbstironie und die gewisse Heavyness in den Rock'n’Roll-Sequenzen. Ein nasser Fisch auf den Assoziationsbahnen der Journalisten, die verzweifelt nach einer Kategorie fahndeten. Der Eklektizismus, grob gesagt aus HANK WILLIAMS, KEITH RICHARDS und NEIL YOUNG, hatte da ein seltsam stimmiges Produkt zur Folge.

\"Die Platte bekam großartige Kritiken und lief etwas besser als die UNCLE TUPELO-Alben vorher. Im Endeffekt verkauften wir aber nicht übermäßig\", erzählt Jeff Tweedy, der auf der nachfolgenden 220-Gigs-Welttournee pausenlos neue Songideen hortete. \"Nachdem ich in sehr kurzer Zeit mehr als 12 fertige Stücke geschrieben hatte, wuchs in mir die Idee, eine Doppel-CD zu machen. So ein Ding, bei dem wir die gegensätzlichsten Seiten unserer musikalischen Möglichkeiten ausleben konnten. Nach mäßigen Verkäufen wie von ‘A.M.’ fangen die bei den Plattenfirmen bei solch' kostspieligen Vorschlägen immer zu rechnen an. Also entschieden wir, nicht in einem teuren Studio in Nashville oder Austin zu produzieren, sondern bei mir zu Hause mit der Bandmaschine. An guten Tagen schafften wir es manchmal, zwei Stücke einzuspielen. Als wir das fertige Band mit der Doppelalbum-Idee schließlich beim Label vorstellten, waren die einverstanden.\" \"Being There\" konnte erscheinen. \"Das Album ist der Soundtrack für einen bestimmten Lebensabschnitt einer old-fashioned Rockband und ihres Hauptsongwriters. Beides ist sehr eng miteinander verknüpft.\"
Neun Monate waren WILCO 1995 um die Welt gereist. Fast exakt die Phase, die Tweedys Sohn Spencer benötigte, um auf die Welt zu kommen. Die Geburt gepaart mit der neuen Verantwortung inspirierten ihn nochmals zu einer Reihe neuer Kompositionen. \"Niemals vorher hatte ich solch' intensive Empfindungen. Die Ideen sprudelten aus mir heraus. Die Abende mit der Band wurden zu Happenings.\" Vor den Aufnahmen erweiterte sich das Line-up von WILCO um den ehemaligen TOMMY KEENE-Gitarristen Jay Bennett. Daß Bennett die Rolle des künstlerischen Gegenparts eingenommen hat und bandintern die Kreativ-Dynamik schürt, weist Tweedy jedoch zurück. \"Wir sind durch die Tour noch mehr zur Einheit geworden. Inzwischen weiß jeder, was der andere fühlt. Es ist ein genaues Verständnis davon vorhanden, was wir mit Musik umsetzen wollen.\"
Nicht nur wegen des Formats werden bei \"Being There\" Erinnerungen an das Meisterwerk der ROLLING STONES, \"Exile On Main Street\", wach. Wie aus Verschwendungssucht wird auch hier Perle an Perle gereiht. Ein kostbarer Schatz aus Musik, der dabei ganz unprätentiös daherschaukelt. Die konträren Dimensionen, seine konstante Energie und dieser auffällige \"Greatest Hits\"-Charakter entziehen das Album fast ganz den herkömmlichen Kritikansätzen. \"You still love Rock'n’Roll (...)/ take the guitar player for a ride/ see he ain't never been satisfied\", schreibt Tweedy im dissonanten Opener \"Misunderstood\". Er hat den Glauben an die Mutter aller Lebensgefühle in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht verloren. Wie NEIL YOUNG nach dem Ende der SEX PISTOLS in \"Hey, Hey, My, My\" mit der Zeile \"Rock'n Roll will never die\" der desillusionierten Post-Punk-Generation ein Selbstbewußtsein wiedergab, entpuppt sich auch der Mann aus Belleville mit seiner trübsinnig-romantischen Intuition als Gralshüter des Rock. Seine Songs geben den vermeintlich überholten Werten einen neuen Sinn. WILCO setzen Zeichen für die Rock'n’Roll-Renaissance.



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aus Intro #39 (November 1996)
 
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