Korn

vor dem durchbruch

07.10.1996, 10:51, Text: Autor unbekannt

1994: „Sony Music“ schickt ihr neuestes Signing auf Tour, um für BIOHAZARD und Headliner HOUSE OF PAIN zu eröffnen. Die Reaktionen sind hervorragend. So hervorragend, daß das Debüt in den USA bisher mehr als zweihunderttausend Einheiten absetzen konnte. Und das ohne jegliche Unterstützung von MTV, die es bis heute strikt durchgehalten haben, KORN zu ignorieren. „They think we suck“, so der lapidare Kommentar. Statt sich zu grämen, zucken Brian Welch und Jonathan Davis nur mit den Schultern und schieben ein Stück Pizza nach. Schließlich hat man es 1996 auch ohne Video ziemlich weit gebracht, schlägt sich auf Kosten der Plattenfirma den Bauch voll und empfängt deutsche Schreiberlinge, die vom Nachfolgewerk „Life Is Peachy“ schlichtweg noch erschlagen sind.

Gute Ausgangssituation, um Sachen wie „Es ist nur unnötige Geldverschwendung, Videos zu drehen. Wir werden diesen Quatsch nicht mitmachen!“ vom Stapel zu lassen. So ist man mittlerweile bis in die Welt des Stadienrocks vorgedrungen, als OZZY OSBOURNE-Special Guest galt es, Schnauzbartträger und Lederblondinen zu überzeugen. Wahrlich eine harte Schule.
Was uns zu „Life Is Peachy“ bringt. Pfirsichfarben also soll das Leben sein. Das aus dem Mund von Jonathan Davis, jenem blassen Schmächtling mit Spitznamen „HIV“, der in seiner Jugend ein Schattendasein führte, vom eigenen Vater mißbraucht, von Mitschülern mißhandelt und als Schwuchtel, als „faget“ beschimpft, weil er ruhiger und introvertierter war als der Rest, seinen Kummer in unhipper klassischer Musik zu ertränken versuchte und sich nach der Schule ausgerechnet als Gehilfe des örtlichen Leichenbeschauers Geld dazuverdiente? „Zynismus ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens“, erklärt Jonathan. „Er hat mich immer begleitet und mir über Dinge hinweggeholfen, die mich sonst wohl umgebracht hätten.“ Dazu passend sind KORN im Vergleich zum Debüt deutlich unverträglicher geworden: Ein offensiver Verzicht auf alles, was zugänglich und nach Hit klingt, statt dessen experimentelle Fragmente wie das schon fast CRIMSONeske „Porno Creep“, der beinahe unerträgliche Opener „Twist“ und die absolut schnoddrige und tanzflächenungeeignete Coverversion des ICE CUBE-Hits „Wicked“ - neues Selbstvertrauen? „Auf jeden Fall. Die Unterstützung, die wir allerorten erhalten, gerade das Lob aus Musikerkreisen, hat uns mit Sicherheit ermutigt, über unseren Tellerrand zu blicken. So haben wir uns bei vielen Songs bewußt auf das Wesentliche beschränkt, gerade die Gitarrenarbeit zurückgenommen, so daß zum Beispiel bei ‘Chi’, ‘Kunt’ und ‘No Place To Hide’ große Teile der Songs nur durch Bass und Schlagzeug definiert werden, während Brian und J., unser zweiter Gitarrist, quasi ‘Frage und Antwort’ spielen. Außerdem trägt der viel transparentere Sound dazu bei, daß man diesmal sämtliche Feinheiten problemlos orten kann.“
Was besonders für die Schlagzeugarbeit von Drummer David gilt, die ihn gleich mehrfach als filigranen alten Funker outet, wie’s Messer groovt und sämtlichen Kollegen im harten Bereich die Schamesröte ins Gesicht treiben dürfte. In Verbindung mit den Bassfrequenzen, die so tief sind, daß man die Töne des Bassisten Fieldy spürt statt hört, drängt sich ein PRIMUS-Vergleich geradezu auf. Zum ersten Mal meldet sich Brian, der bisher seinem Sänger das Reden überlassen hatte, zu Wort: „Ich denke nicht, daß man das so sagen kann. PRIMUS haben eine ganz andere Herangehensweise an Musik. Ich bin überzeugt, daß wir einen ziemlich undefinierbaren Sound haben, der organisch entsteht, da jeder Musiker einen anderen Background mitbringt, diesen aber konsequent interpretiert. So bin ich stark vom Metal der Achtziger beeinflußt, MAIDEN und so, obwohl man das bestimmt nicht hört. Fieldy hört den ganzen Tag nur Gangsterrap und sieht sich als HipHop-Bassisten. J. war ein Kid aus meiner Nachbarschaft, der immer zu uns gekommen ist, wenn er mich Gitarre spielen hörte. Er stand dann immer da und nervte mich, ich solle ihm ‘Rock You Like A Hurricane’ und andere Standards beibringen, was ich schließlich auch tat, weil ich dachte, ich hätte so Ruhe vor ihm. Aber Pustekuchen! Er kam immer wieder, wurde praktisch mein Schüler und irgendwann zwangsläufig auch ein Kumpel. Ich habe ihm sogar seine erste Gitarre verkauft, und zwar für hundert Dollar mehr, als ich dafür bezahlt hatte.“ So so. Ein toller Kumpel bist du! „Ach komm. Der Typ kam jeden Tag! Ich habe mir die Unterrichtsstunden ja nicht bezahlen lassen, außerdem aß er das Essen meiner Mutter - und überhaupt, von dem Geld habe ich mir eine bessere Gitarre gekauft, mich deshalb spielerisch verbessert und dies dann wieder an ihn weitergegeben. Sieh es als Investition.“ Spricht’s und geht für den Rest des Interviews wieder zu seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Essen, über. In einem unbeobachteten Moment stibitzt er seinem eh dürren Sänger die Pizza vom Teller und verputzt sie in Windeseile. Danach ist die Pasta des mit am Tisch sitzenden Deligierten von „Sony New York“ dran, als dieser einen Moment lang nicht aufpaßt.
Jonathan scheint dies gewohnt zu sein und greift von sich aus ein Thema auf, das ihm wohl sehr am Herzen liegt. „Viele der Besucher des diesjährigen BIZARRE-Festivals sind wahrscheinlich enttäuscht, weil wir dort trotz großer Ankündigung nicht gespielt haben. Laß mich dies erklären: Am Tag davor waren wir auf dem Donington-Festival aufgetreten und warteten in Heathrow auf unseren Flieger nach Köln, als ein Mitglied unserer Crew mit einem anderen Passagier zu streiten begann. Es war wirklich keine große Sache, sie haben sich nicht mal geschlagen, aber plötzlich kam ein ganzer Schwarm Sicherheitsleute und Polizisten, die uns ihre Waffen entgegenstreckten und uns vorübergehend festnahmen, weil sie uns wohl für Terroristen hielten. Sie schleppten uns in einen Verhörraum und setzten uns dort zwei Stunden fest. Als sich die Sache dann geklärt hatte und sie uns laufen lassen mußten, war der Flieger natürlich weg und damit die Chance, auf einem der größten europäischen Festivals aufzutreten, vertan. Und die Höhe war, als plötzlich mehrere Polizisten Autogramme wollten! Das muß man sich mal vorstellen!“
Was soll’s, schließlich kommen KORN im Februar zurück nach Deutschland, so daß alle, die bisher nicht das Vergnügen hatten, dem Ententanz von Jonathan beizuwohnen, dann am Start sein können. Vorher allerdings schließt sich der Kreis, denn seit Oktober sind KORN in den Staaten unterwegs, erneut mit HOUSE OF PAIN, nur daß diesmal die Hallen größer sind und die Reihenfolge anders aussieht: Erst Everlasts Hooligans, dann KORN. Und dazwischen die BUTTHOLE SURFERS. Was gefährlich nach „Package des Jahres“ riecht.



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aus Intro #39 (November 1996)
 
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