DJ Spooky
die welt im mixer (2)
05.10.1996, 16:51, Text: Autor unbekannt
Die Welt als Mix. Dabei ist es keineswegs so, daß DJ SPOOKY einfach Platten auflegen, mixen und abwarten würde, was dabei herauskommt. Im bürgerlichen Leben heißt er Paul Miller und schreibt theoretische Abhandlungen oder Science-fiction-Romane über das Deejaying. Am Anfang eines jeden Stückes steht die Theorie des Sounds, den er erreichen will. Doch zieht man diese ab, so ist der Zugang zu seinen Songs ein sehr emotionaler. \"Vieles von dem, was ich spiele, ist lediglich ein physischer Ausgang meiner jahrelangen Erinnerung an die Welt. Oft sind es Umsetzungen meiner Kindheitserinnerungen an Jazz und Punk. Der unterschwellige Motor der Stücke ist das Wissen, daß die Welt ein Platz ist, an dem jeder Mensch Ideen und Informationen teilt.
Dieses Statement erinnert an das harmolodische Prinzip von ORNETTE COLEMAN, dessen zentrale Forderung lautet: Entferne das Kastensystem vom Sound! Und tatsächlich: \"Ich bin definitiv auf der Spur von Harmolodics. ORNETTE COLEMAN, MILES DAVIS, ANTHONY BRAXTON und SUN RA sind meine persönlichen vier. Und natürlich JOHN COLTRANE, den ich immer im Sinn habe, wenn ich scratche. Das Verhältins seiner Phrasierungen zu seinen Songs erinnert mich an einen Deejay, der Sachen auseinanderreißt und zusammenzieht. In seiner Musik sind Flug- und Bewegungslinien, aufgrund derer sich Transzendenz vermittelt.\"
In der konventionellen Musikwelt ist der Plattenspieler noch weit davon entfernt, als Musik-Instrument anerkannt zu werden. Wohlwollende Stimmen sehen im Turntable immerhin die Second-hand-Variante eines Instruments, denn der DJ verarbeitet Töne, die schon einmal gespielt wurden. Doch auch mit diesem Kompromiß will sich DJ SPOOKY nicht zufriedengeben. \"Nimm ein Saxophon. Es gibt nicht so viele Töne, die man darauf spielen könnte. Ebensowenig junge Spieler, die neue Stile entwickeln würden. Als Deejay spielst du statt Noten ganze Songs. Inwiefern du mit Scratchen und Schneiden umzugehen verstehst, bestimmt, wie gut du einen Song zu deinem eigenen machen kannst. Ich versuche eine Musik zu machen, die kein Live-Musiker jemals machen könnte. Wenn du nicht mehr weißt, ob Musik alt oder neu klingt, dann beginnt Science-fiction. Um den Plattenspieler zum Instrument zu machen, mußt du erst einmal viel über die Beziehungen einzelner musikalischer Kulturen zueinander wissen. Der Unterschied besteht nur darin, daß du als Deejay, anstatt in die Musik zu gehen, stets den Überblick über die Musik behalten mußt. Du hast unterschiedliche Blöcke, die du zu einem neuen Zusammenhang zusammenfügst.\"
Auch dieser Ansatz klingt nach einer Neuauflage von ORNETTE COLEMANs harmolodischem Postulat, das darauf hinausläuft, mehrere vorhandene Sprachen zu einer neuen zusammenzuziehen. Natürlich steht DJ SPOOKY nicht allein im Raum. In den letzten anderthalb Jahren ist in New York ein regelrechter Ambient-Boom ausgebrochen. Musiker verschiedenster Genres partizipieren daran. Und DJ SPOOKY wäre nicht Paul Miller, hätte er sich nicht auch um diese Frage Gedanken gemacht. \"Da ist ein Gefühl in der Luft, daß sich alles viel zu schnell bewegt. Ambient ist wie eine Blase, in die die Leute springen können, so daß alles viel sanfter erscheint. Im Grunde spielen die Menschen Ambient, solange es Musik gibt. Man braucht nur an die javanesische Gamelan-Musik zu denken. Fast jede Kultur hat eine Art von Musik, die als Hintergrund dient. In Deutschland nannte man das Gebrauchs- oder Tableau-Musik. BACHs ‘Goldberg-Variationen’ sind wie Loops. Ambient ist nur das elektronische Äquivalent zu diesen Strukturen.\"
SPOOKY ist ein ausgesprochener Einzelgänger, nur höchst selten läßt er sich zu Kollaborationen hinreißen. Jene mit dem Jazz-Poeten Amiri Baraka für die Compilation \"Offbeat - A Red & Hot Sound Trip\" gibt einen guten Einblick in seine Arbeitsweise, die darin besteht, in der traditionellen Musik bestehende Prinzipien, Methoden und Strukturen auf das Deejaying zu übertragen. \"In einem experimentellen Jazz Club in New York schnitt ich Barakas Poetry mit. Die Aufnahmen hörte ich mir wieder und wieder an, um darüber nachzudenken, welche Loops die Sache unterstreichen würden. Die Jazz-Musiker nennen es Vamping, wenn sie dieselben Riffs immer und immer wieder spielen. Ich wollte eine Art elektronischen Vamp hinkriegen. Baraka spielte mit seiner Poetry sozusagen das Solo über meinem Vamp.\"
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