DJ Spooky

die welt im mixer

02.10.1996, 22:19, Text: Autor unbekannt

Die Welt als Mix. Dabei ist es keineswegs so, daß DJ Spooky einfach Platten auflegen, mixen und abwarten würde, was dabei herauskommt. Im bürgerlichen Leben heißt er Paul Miller und schreibt theoretische Abhandlungen oder Science Fiction-Romane über das Deejaying. Am Anfang eines jeden Stückes steht die Theorie des Sounds, den er erreichen will, und die Booklets seiner bislang drei CDs sind reichlich mit Bleiwüsten gepflastert, durch die ein Normalsterblicher sich kaum hindurchzukämpfen vermag. Doch zieht man die Theorie von Spookys Mixen ab, so ist der Zugang zu seinen Songs ein sehr emotionaler. \"Vieles von dem, was ich spiele, ist lediglich ein physischer Ausgang meiner jahrelangen Erinnerung an die Welt.

Oft sind es Umsetzungen meiner Kindheitserinnerungen an Jazz und Punk. Der unterschwellige Motor der Stücke ist das Wissen, daß die Welt ein Platz ist, an dem jeder Mensch Ideen und Informationen teilt. Meine Mixe sind ein idealistischer Versuch, verschiedene Kulturen und Epochen zusammenzuziehen und uns daran zu erinnern, daß wir alle Menschen und somit kreative Wesen sind. Es gibt keinen geographischen Stil, der über anderen steht. Sie alle sind lediglich ein Aspekt der menschlichen Kreativität.\"
Dieses Statement erinnert augenfällig an das harmolodische Prinzip von Ornette Coleman, dessen zentrale Forderung lautet: Entferne das Kastensystem vom Sound! Und tatsächlich: \"Ich bin definitiv auf der Spur von Harmolodics. Ornette Coleman, Miles Davis, Anthony Braxton und Sun Ra sind meine persönlichen Vier. Und natürlich John Coltrane. Wenn ich scratche, habe ich immer John Coltrane im Sinn. Das Verhältins seiner Phraserungen zu seinen Songs erinnert mich an einen Deejay, der Sachen auseinanderreißt und zusammenzieht. In seiner Musik sind Flug- und Bewegungslinien, aufgrund derer sich Transzendenz vermittelt.\"
In der konventionellen Musikwelt ist der Plattenspieler noch weit davon entfernt, als Musik-Instrument anerkannt zu werden. Ein DJ gilt als irgendwas, nur nicht als Musiker. Wohlwollende Stimmen sehen im Turntable immerhin noch die Second Hand-Variante eines gewöhnlichen Live-Instruments, denn der DJ verarbeitet ja immerhin Töne, die schon einmal gespielt wurden. Doch auch mit diesem Kompromiß will sich DJ Spooky nicht zufriedengeben. \"Wenn du Saxophon spielst, dann spielst du ein Instrument, das bereits existiert. Es gibt nicht so viele Töne, die man darauf spielen könnte. Ebensowenig junge Spieler, die neue Stile entwickeln würden. Als Deejay spielst du statt Noten ganze Songs. Die Songs selbst werden zu den Noten. Inwiefern du mit Scratchen und Schneiden umzugehen verstehst, bestimmt, wie gut du einen Song zu deinem eigenen machen kannst. Warum sich daran aufhalten, einzelne Noten zu spielen, wenn man doch ganze Sinfonien von Noten nur mit einer Fingerbewegung spielen kann? Ich versuche eine Musik zu machen, die kein Live-Musiker jemals machen könnte. Ich versuche sie aber trotzdem organisch klingen zu lassen, denn ich stehe auf die Musik der Siebziger. Wenn du nicht mehr weißt, ob Musik alt oder neu klingt, dann beginnt Science Fiction. Um den Plattenspieler zum Instrument zu machen, mußt du erst einmal sehr viel über die Beziehungen einzelner musikalischer Kulturen zueinander wissen. Der Unterschied besteht nur darin, daß du als Deejay, anstatt in die Musik zu gehen, stets den Überblick über die Musik behalten mußt. Du hast unterschiedliche Blöcke, die du zu einem neuen Zusammenhang zusammenfügst.\"
Auch dieser Ansatz klingt nach einer Neuauflage von Ornette Colemans harmolodischem Postulat, das darauf hinausläuft, mehrere vorhandene Sprachen zu einer neuen zusammenzuziehen. Natürlich steht DJ Spooky nicht allein im Raum. In den letzten anderthalb Jahren ist in New York ein regelrechter Ambient-Boom ausgebrochen. Musiker verschiedenster Genres wie Elliott Sharp, Vernon Reid, und Ben Neill partizipieren daran. Und DJ Spooky wäre nicht Paul Miller, hätte er sich nicht auch um diese Frage Gedanken gemacht. \"Da ist ein Gefühl in der Luft, daß sich alles viel zu schnell bewegt. Ambient ist wie eine Blase, in die die Leute springen können, so daß alles viel sanfter erscheint. Im Grunde spielen die Menschen Ambient, solange es Musik gibt. Man braucht nur an die javanesische Gamelan-Musik zu denken. Fast jede Kultur hat eine Art von Musik, die als Hintergrund dient. In Deutschland nannte man das Gebrauchsmusik. Wie das, was Kurt Weill machte. Tableau-Musik war ein anderer Begriff. Bachs Goldberg-Variationen sind wie Loops. Ambient ist nur das elektronische Äquivalent zu diesen Strukturen.\"
Spooky ist ein ausgesprochener Einzelgänger. Nur höchst selten passiert es, daß er sich zu einer Kollaboration hinreißen läßt. So geschehen für die Compilation \"Offbeat - A Red & Hot Sound Trip\" mit dem Jazz-Poeten Amiri Baraka. Das Stück gibt jedoch einen guten Einblick in Spookys Arbeitsweise, die darin besteht, in der traditionellen Musik bestehende Prinzipien, Methoden und Strukturen auf das Deejaying zu übertragen. \"Ich ging in einen experimentellen Jazz Club in New York, der The Cooler heißt, brachte mein Aufnahmegerät mit und schnitt Barakas Poetry mit. Die Aufnahmen hörte ich mir wieder und wieder an, um darüber nachzudenken, welche Loops die Sache unterstreichen würden. Die Jazz-Musiker nennen es Vamping, wenn sie dieselben Riffs immer und immer wieder spielen. Ich wollte eine Art elektronischen Vamp hinkriegen. Er spielte mit seiner Poetry sozusagen das Solo über meinem Vamp.\"



Artikel kommentieren
aus Intro #39 (November 1996)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]