Billy Bragg

rächer der witwen und waisen

01.10.1996, 19:39, Text: Autor unbekannt

Ein Bloke ist mild. Gentle, wie der Engländer sagt. Bloke sein heißt fein und ehrlich sein. Ein Bloke ist kein Lad. Bloß ein netter Kerl mit Manieren und dem Bewußtsein für seine Klasse. Einer wie BILLY BRAGG! Seit mehr als einem Jahrzehnt unterwegs als Sprachrohr der Benachteiligten und Unterdrückten. Die Tage, in denen Robin Hood Pfeil und Bogen zur Unterstützung der Armen anlegte, sind gezählt. Heute setzen andere Prominente Signale. Nötig dafür sind Sendungsbewußtsein und street credibility. Und davon hat der Mann aus Barking, Grafschaft Essex, reichlich. Als Melange des intelligenten Agitpoppers und sehnsüchtig-selbstironischen Fußball- und Mädchenfans hat er sich sein Publikum erarbeitet.

Er lebt den Blokeismus, und folglich heißt sein neues Album denn auch \"William Bloke\".
Nach wie vor gibt er sich kämpferisch, auch wenn er bei Demonstrationen inzwischen von einer Verhaftung abzusehen versucht. \"Ich bin jetzt Vater, und das bedeutet, ich habe Verantwortung für eine Familie.\" Blokeismus heißt für ihn auch das Zuständigkeitsgefühl für andere. Stolz zeigt er die Fotos vom kleinen Jack. \"Seht her, mein Junge ist ein toller Bursche.\" Die langen Jahre auf den Straßen als windiger Einzelgänger nur sich selbst verantwortlich - symbolhaft auf dem Coverfoto des \"Talking With The Taxman About Poetry\"-Albums festgehalten, auf dem er mit seinem Gitarrenkoffer einsam durch den Schnee stapft - sind vorbei. \"Should I vote red for my class or green for our children?\" (\"From Red To Blue\") lautet die Kernfrage auf \"William Bloke\". Das private Glück kollidiert mit seiner politischen Überzeugung. Doch der Konflikt um das Kreuz an der richtigen Stelle des Wahlzettels hat sich spätestens mit dem neuen Chef der Labour Party, Tony Blair, relativiert. Mit eher gemischten Gefühlen sieht der Sänger mit dem Cockney-Akzent einer roten Macht im Staate England entgegen. \"Sozialismus ist ein Schlagwort wie Rock'n’Roll. Also nutze ich es für meine politische Ambition. Mit Parteien hat das heute gar nichts mehr zu tun. Wenn ich vom ‘socialism of the heart’ singe, meine ich, Gefühl für Dinge zu entwickeln, die falsch laufen in dieser Welt. Sozialismus ist keine Frage von Parteien, sondern von Mitgefühl und Achtung gegenüber dem Nächsten.\" Hier schließt sich der Kreis zu BRAGGs neuartiger Familien-Erfahrung. \"Was ist, wenn in deiner Familie jemand krank ist? Du hilfst ihm! Warum helfen wir uns also nicht gegenseitig in der Gesellschaft? Wir sind doch alle vom selben Stamm.\"
Unverbesserliche werden sich von ihm um ihre Ideale gebracht sehen und ihm einen Eskapismus ins Private vorwerfen. Schließlich hat er sich fünf Jahre auf keiner Bühne sehen lassen und ebensowenig seinen Namen in den Dienst einer guten Sache gestellt. Diejenigen, die ihn den Punk der Arbeiter schimpfen, und jene, die ihn weiter an vorderster Front als vermeintlichen Marxisten kämpfen sehen wollen, haben seine Funktion nie verstanden. BRAGG weiß, woher dieses Mißverständnis stammt: \"Ich habe lange zum Beispiel vor der Wende in der DDR gespielt und wußte, daß dies kein sozialistisches Paradies ist. So wie es auch die Zuhörer wußten, aber nicht zugaben. Die Funktionäre dachten, ich sei gegen das westliche Establishment, deshalb haben sie mich damals geholt. Die SED benutzte mich als Symbol für einen unzufriedenen Westler und politischen Überläufer. Und ich benutzte sie, um die Gelegenheit zu bekommen, mit den Menschen zu sprechen, mich ihren Frustrationen anzunähern, ihnen zu sagen - so wie ich es auch den Amerikanern gesagt habe -, daß Geschichte in Ost und West verschiedene Gesichter hat. Ich habe mit FDJlern, mit russischen Soldaten und mit Amerikanern gesprochen und festgestellt, es ist nur ein winziger Unterschied zwischen beiden. Ein persönliches Gespräch kann zu neuen Denkansätzen auf beiden Seiten verhelfen. Als ich in einer TV-Show auf der DDR-Tour 1989 schließlich von ‘Glasnost’ und ‘Perestroika’ sprach, wiesen sie mich aus. Bis zuletzt hatten die Funktionäre mich mißverstanden.\"
Wie sehr BILLY BRAGG die Kontrolle über Sinn und Unsinn einer Aktion in den eigenen Händen hält, beweist auch der Deal zur neuen Platte. Einmal mehr hat er \"Willam Bloke\" selbst produziert und finanziert. Das kleine Indie-Label \"Cooking vinyl\" wurde als persönlicher Vertragspartner bei der Distribution gewählt. Musikalisch ist sich das puristische Ein-Mann-Unternehmen weitgehend treu geblieben. Daß die Neunziger bereits in vollem Gange sind, merkt man höchstens an den White Soul-Anleihen bei \"Upfield\" oder schmachtenden Brit-Pop-Zitaten (\"Sugardaddy\"). Ansonsten bleibt BRAGGs Musik zeitlos wie ein gutes Buch im schweinsledernen Einband. Vollgepfropft mit tiefer Aussage, inszeniert durch eine erfahrene Rhetorik. Sein Mut, Meinungen zu formulieren, sich auch mal als Zaudernden zu outen, ist beeindruckend. Die Formeln, die er predigt, sind simpel. Sein Charisma lebt durch seine Überzeugung. Labour-Boss Blair macht derweil showbiz-like für den Wahlkampf mobil. Seine Auftritte haben den Glanz des Aalglatten. Auf integre Persönlichkeiten wie BILLY BRAGG kann er nicht mehr zurückgreifen.



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aus Intro #39 (November 1996)
 
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