Die Goldenen Zitronen

pop & moral

22.08.1996, 12:22, Text: Autor unbekannt

? Ist \"Economy Class\" euer Kontrast zur \"Voodoo Lounge\"? Meint es einen Ort, an dem das einfache Volk Konsum zelebriert?

Kamerun: Wir wollten uns damit von der Starrheit der letzten Plattentitel lösen. Titel wie \"Fuck You\", \"Punk Rock\" oder \"Das Bißchen Totschlag\" sind ganz konkrete Dinge. \"Economy Class\" läßt Platz zum Interpretieren. Platzgumer: Jeder von uns hat seine eigene Art, den Titel auszulegen.
Gaier: Es versinnbildlicht die Beobachtung, daß gerade im Privaten eine Ökonomisierung stattgefunden hat. So was zeigt sich z. B. im Sprachgebrauch bei Konstruktionen wie \"Trauerarbeit leisten\" oder \"Gefühle investieren\".

? Wenn ihr den Anteil des rein intuitiven Musikmachens, sprich: Bauch in ein Verhältnis zum Kopf setzen müßtet, welches Verhältnis käme dabei heraus?

Platzgumer: Die ZITRONEN sind eher Kopfmusik.

Fast jegliche Musik, die aus Hamburg kommt, ist Kopfmusik. Kamerun: Wir wissen, wie man eine bestimmte Stimmung erreicht. Trotzdem haben wir beim Entwickeln der Stücke erst mal drauflosgehauen und Krach gemacht. Gewissermaßen weiß der Kopf, was er dem Bauch sagen will.
Gaier: Im übrigen gibt's noch was dazwischen. Ist denn Bewußtsein eine Sache des Kopfes oder eine des Bauches? Jedenfalls ist \"Economy Class\" innerhalb der Band auf einem hohen Grad an Einverständnis darüber entstanden, was man auf der Platte machen will. Nämlich so frei wie möglich innerhalb einer Kategorie zu spielen, die doch noch als Pop zu bezeichnen ist. Immer noch verstehbare Musik zu machen, auch wenn wir durch die Art, wie wir texten, zu der Erkenntnis gelangt sind, daß Refrains nicht mehr sein müssen.

? Einen Rock'n’Roll-Spirit hat das Ganze also nicht mehr?
Gaier: Über Rock'n’Roll habe ich schon lange nicht mehr nachgedacht. Unmittelbar sind wir in jedem Fall. Es gibt nur keine Definition von Falsch oder Richtig bei dem, was wir machen. Ein Charakteristikum ist die Unreproduzierbarkeit der Musik, bedingt durch ein Minimum an Wiedererkennbarkeit.

? Jochen Diestelmeyer von BLUMFELD schreibt im Info zu \"Economy Class\", daß Schorsch Kamerun die Themen \"unfreiwillig ernst in Szene\" setzt. Klingt, als hättet ihr eigentlich witzig sein wollen?
Gaier: Im Gegensatz zu \"Das Bißchen Totschlag\" ist der Kontrast im Zusammenspiel von Musik und Text komplexer. Da waren wir in der Chefanklägerrolle und stellten das Gefängnis Deutschland mit all der Ernsthaftigkeit, die dabei mitschwingt, an den Pranger. \"Economy Class\" läßt mehr Freiräume, die zum Beispiel in lustigen, teilweise persiflierenden Instrumentalparts Ausdruck finden. Bei dem Klaviersolo von \"Wer Soll Das Entscheiden\" lagen wir vor Lachen unterm Tisch.

? Müßte man die Themen in den Songs des neuen Albums unter einigen Schlagwörtern zusammenfassen, fallen einem Dinge ein wie \"Mißgunst\", \"Egoismus\", \"Selbstsucht\", \"Sprachlosigkeit\", \"Spießertum\" oder \"Konsumterror\". Ist menschliches Zusammenleben derart hoffnungslos in diesen Zeiten?

Gaier: Die obligatorische Frage danach, was wir eigentlich wollen. Bedenke, daß eine Band wie TON, STEINE, SCHERBEN auf der Ebene ihres sozialen Backgrounds und in ihrer Zeit noch die Möglichkeit hatte, klare Vorstellungen von einem besseren Zustand zu definieren. Das geht heute natürlich nicht mehr. Also muß man die Sache anders machen. Auf \"Das Bißchen Totschlag\" bauten wir eine Frontstellung auf, indem wir einem konkret bestimmten Feind auf analytischer Ebene nachwiesen, wie er sich falsch verhält. Diesmal nutzen wir eine Ich-Position. Wir schlüpfen in die Charaktere hinein, um deren Vereinzelung zu zeigen. Die Frontstellung fällt, weil wir uns selbst nicht herausnehmen können. Wir wollen zeigen, daß wir auch Teil gewisser Mechanismen sind, auch als Linke mit einer, sagen wir, sozialistischen oder anarchistischen Utopie. Die Botschaft ist: Man lebt im Falschen. Man kann nicht mehr so einfach sagen: Das macht ihr falsch, und ich habe eine weiße Weste. Einerseits Selbstkritik und auf der anderen Seite zeigen wir auf - \"SO wird das nichts\". Eigentlich sind wir Moralisten.



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aus Intro #37 (September 1996)
 
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