Gert Wilden

der mit den schulmädchen tanzt

01.08.1996, 18:35, Text: Autor unbekannt

WILDEN ist ein Mann mit Vergangenheit. Der Absolvent der Prager Musikhochschule war prädestiniert für eine Karriere als klassischer Komponist. Eine unerwartete Vaterschaft zwang ihn jedoch Ende der Vierziger zum Wechsel ins Unterhaltungsfach. Er arbeitete als \"Ghost writer\" für populäre Filmkomponisten der Nierentischära wie H.M. Majewski oder Michael Jary. Seit 1956 selbständig, komponierte er in den folgenden Jahren Melodien für über 50 Spielfilme unterschiedlichster Genres. Als Leiter des Bayrischen Rundfunkorchesters betreute und arrangierte er unter anderem Aufnahmen mit HANS ALBERS, HILDEGARD KNEF, ZARAH LEANDER und HEINZ RÜHMANN.
Zur erotischen Filmgattung kam WILDEN durch einen Zufall.

Im Jahr der Studentenrevolte bekam der erfolglose Produzent Wolf Hartwig vom „Constantin Verleih“ seine letzte Chance: die Verfilmung des Bestsellers \"Schulmädchenreport\", verfaßt durch den medizinischen Dozenten der Münchner Uni, Günther Hunold. Die bayrische Filmförderung unterstützte das Unternehmen mit 130.000 DM. Es sollte sich schließlich um einen künstlerisch wertvollen \"Aufklärungsfilm\" handeln. Hartwig delegierte die Filmmusik an WILDEN, bei dem er noch finanzielle Schulden zu begleichen hatte. \"Der Film wurde von der Landesregierung gefördert. Ich hatte also keinen Grund, um meinen Ruf als seriöser Komponist zu fürchten.\" WILDENs musikalischer Auftrag lautete, einen zeitgerechten Sound für den Film zu entwerfen. Für den erfahrenen Unterhaltungskomponisten kein Problem. \"Es war das Jahr, in dem gerade ‘In The Summertime’ von MUNGO JERRY top war. Soul kam in Deutschland in Mode, und kein Stück wurde ohne Hammondorgel produziert. Mit diesen Elementen fügte ich das Titelthema für den ‘Report’ zusammen\", erklärt er, welche Inspiration für die Auftragsarbeit genügte. \"Die Musik spielte nur, bis eine Nachtischlampe herunterfiel oder der Vater ins Zimmer stürzte.\" Der koitive Interruptus auf der Leinwand hielt also mit dem auditiven Schritt. \"Das Geheimnis einer guten Filmmusik ist ihr unaufdringlicher Charakter. Der ‘Report’ sollte kein Geniestreich werden, sondern Gebrauchsmelodien.\"
Die Sex-Serie blieb dem Komponisten deshalb nur als spaßige Nebenbeschäftigung in Erinnerung. Bis man ihn vor wenigen Monaten um die Rechte zur Wiederveröffentlichung der besten sexy melodies bat. Eine nett gemachte Compilation mit viel nackter Haut und Trash-Erotik im Booklet wurde draus. Mit den unter \"Easy listening\" gefeatureten Songwriterlegenden hat der \"Schulmädchenreport\" jedoch so viel zu tun wie die Serie mit ernstzunehmender sexueller Aufklärung. GERT WILDEN ist auch heute noch im Geschäft. Er betreut Serien wie das \"Sonntagskonzert\" und \"Achtung Klassik!\" für das ZDF.



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aus Intro #37 (September 1996)
 
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