Dead Can Dance
quellenverzeichnis
25.06.1996, 22:05, Text: Autor unbekannt
Daß sie sich nicht gerade darum reißen, mit Journalisten zu reden, ist bekannt. Warum das so ist, läßt sich vielleicht durch ihre Musik erklären, nicht umgekehrt, wie sonst immer. Darum geht’s nämlich: Dem Entfalten ihres Werkes nicht im Wege zu stehen. Ihre Musik zu erklären, wäre genauso überflüssig wie das Erklären des Nicht-erklären-Wollens. So weit, so gut. Eine durchgehende Linie in den seltenen Interviews deutet darauf hin, daß sie gerne bereit sind, ihre Referenzen und Bezugsquellen zu bekennen, es aber vorziehen, selbst im kreativen Schatten zu stehen, während das Licht auf, na ja, auf alles andere als ihre eigenen Personen konzentriert wird.
Das sagte er 1990, und Du kannst darauf wetten, er könnte heute noch dasselbe sagen. Die Praxis von DEAD CAN DANCE liegt dem Versuch nahe, die Idee des Gruppennamens zu verwirklichen: „Man muß sich die Wandlung von leblosen Dingen zu lebendigen Dingen vorstellen.“ Das meinten sie schon zum ersten DEAD CAN DANCE-Album, 1984, auch so genannt (wie die Gruppe, nicht wie das Buch von Orwell), auf dem Cover eine rituelle Maske aus Neu-Guinea: „Die Maske, früher Teil eines lebenden Baumes, ist ein starres Objekt; die Geschicklichkeit des Schnitzers hat ihr neues Leben eingehaucht.“ Was passiert, wenn man etwas einen Namen gibt? Man hält etwas fest, reduziert es zum Objekt. Deshalb mußte der Gruppenname auch Bewegung, eine Handlung ausdrücken, denn Perry und Gerrard komponieren Musik, die dem Drang zur Definition widerstehen soll: Ob aus dem Europa des 14. Jahrhunderts oder von Reisen durch die Amerikas stammend, die Musik muß bei ihrer Wiedergabe in Bewegung bleiben, schließlich sind wir hier nicht im Museum. Zum Thema „Klänge aus der Tierwelt“ auf „Spiritchaser“ benutzt Brendan ein treffendes Verbum: „Es ging weniger darum, Samples zu verwenden, was wir auch getan haben, als die Musik der Tiere nachzuempfinden.“ Nachempfindung also, nicht kopieren, imitieren, zitieren, nicht mal integrieren: Die Vokabeln der beiden Mitglieder von DCD sind wegweisend, was das Projekt betrifft. Intuition, Nähe. „Es ist nur natürlich, möglichst viel herauszufinden und zu experimentieren“ (Lisa). Sie werden es vielleicht bestreiten wollen, aber in der Philosophie von Perry und Gerrard hat sich in den sechzehn Jahren als DCD wenig geändert. Auch der neue Album-Titel paßt dazu: „Spiritchaser“, ein Rennen mit dem Geist, ein Ausdruck derselben Energie, die DEAD CAN DANCE mit Leben erfüllt. „Toward The Within“, „Into The Labyrinth“, eine Einladung, auf Reisen zu gehen, nur sind die Ziele weder geographische Punkte auf dem Globus noch zeitlich begrenzte, markierte Routen. Das mag ein wenig nach ätherischen Ölen klingen (wenn es eins für DCD gäbe, hieße es „Aion“, wie Album No. 5 aus dem Jahr 1990): „In der Philosophie Platos bedeutet ‘Aion’ eine positive Energie, die innerhalb des unendlichen Zeitprinzips besteht.“ Es ist heutzutage nichts Besonderes, Klänge aus anderen Welten zu hören. Altwerdende Rockstars retten mit ethnischen Chören eher sich selbst als irgendwelche Regenwälder, Jeans und Burger werben für und mit pluralistischen Bildern - kultureller Kapitalismus der schlimmsten Sorte. Jeder weiß mittlerweile, wie Pan Pipes klingen. Bei mir verursachen sie schon Pawlowschen Schaum im Mund. Um so wichtiger also, daß es Menschen gibt wie DEAD CAN DANCE, denen es gelingt, entfernte Sounds näherzubringen, ohne sie zu zerstören, ohne sie von ihrer Lebensquelle zu trennen. (Ihre allererste Veröffentlichung, „The Fatal Impact“, handelte von der „Zerstörung einer Aborigines-Kultur, die wesentlich älter und weiser war als die an ihre Stelle Tretende ...“) Das verdient Respekt. Nicht zuviel Respekt, denn es wäre auch falsch, diese zusammentreffenden Musikarten verherrlichen zu wollen.
Was uns zum nächsten wesentlichen Punkt der DEAD CAN DANCE-Denkart bringt. Lisa Gerrard: „Es ist eine Schande, daß sich in der modernen Zeit der Glaube durchgesetzt hat, man könnte Musik besitzen. Das ist doch Schwachsinn. Niemand kann Musik besitzen. Musik ist für alle da. Deshalb verlangten wir auch nie Tantiemen von Gruppen, die uns gesampelt haben.“ Bevor Ihr nun zur Datenbank rennt: FUTURE SOUND 0F LONDON waren schon vor Euch da. Mit „Papua New Guinea“ hatten sie einen nicht gerade kleinen Hit, inklusive DCD-Sample. Was DCD offensichtlich nicht besonders interessiert. Wie konstant ihre Arbeit geblieben ist, wie konsequent ihre Einstellung, sieht man im direkten Vergleich zu Brendans Kommentar zur selben Thematik vor sechs Jahren: „Man kann mit unserer Musik machen, was man will. Sie gehört nicht mehr uns. Sie hat uns nie gehört. Wir haben Zeit mit ihr verbracht, und wir haben uns offen gehalten für irgend etwas, das uns durchdringt.“ Als ob er die Sampling-Welle der 90er vorausgeahnt hätte. Die Idee von Eigentum in der Musik ist in der Tat eine Erfindung der modernen Welt. Tapes, Schallplatten und CDs tragen selbstverständlich verstärkt dazu bei, sie reflektieren die fast nicht mehr wegzudenkende Verbindung zwischen Musik und Geld. (Es war mal anders. Empfehlenswerte Literatur zum Thema: Jacques Attalis „The Political Economy Of Noise“, brillantes Buch.)
Möglicherweise noch ein Grund, warum Brendan und Lisa immer einen Schritt weiter zurückforschen. „Aion“ beschäftigte sich mit sakraler und liturgischer Musik aus dem Zeitalter der Troubadoure des 11. Jahrhunderts, ihr zweites Album „Spleen And Ideal“ (1985) handelte von Begriffen aus dem Konzept der Symbolisten des 19. Jahrhunderts ... Archäologen der Musikgeschichte sind sie jedoch nicht. Lisa noch mal: „Unser Hintergrund ist nicht akademisch, sondern rein intuitiv. Wir beziehen unser Wissen durch Zuhören.“ Nachempfinden, aktives Zuhören, konservativen Liberalismus fernhalten. Personenkult ungültig machen.
Um den letzten Punkt müssen Lisa und Brendan keine Angst mehr haben. Auf den Fotos für ‘Spiritchaser’ sieht Brendan aus wie der Pullover-tragende, nette Nachbar einer kleinen irischen Gemeinschaft, der er ist. Lisa ist von ihrer Sirenen-Aura nicht zu trennen, obwohl sie auch etwas von einer Jane Campion-Figur hat („An Angel At My Table“, Filmfans). So sehen sie aus, diese zwei in menschlicher Form erscheinenden Sound Gates. Früher, als DEAD CAN DANCE noch in den gothischen, schwarzgekleideten Untergrund eingewoben wurden, war das schwerer. Und man kann es sogar verstehen: Melbourne, Australien als Ausgangspunkt, waren nicht auch der fröhliche NICK CAVE und seine BIRTHDAY PARTY aus dieser sonnigen Stadt? Und der Name, leicht zu verwechseln mit düsteren Acts wie PLAY DEAD und THE DANSE SOCIETY (Whatever happened to ... na, forget it).
Einige der älteren verwandten Zitate entstammen einem sehr, sehr langen 1990er „Zillo“-Artikel. 1996 würde man DCD auch in „Die Zeit“ erwarten. Heute strahlen sie auf bescheidenste Art ein gewisses Selbstvertrauen aus, fühlen sich bestätigt in ihrer Arbeit und sind nicht nur anerkannt, sondern auch die erfolgreichsten Künstler des „4AD“-Labels - ausverkaufte Konzerte und Offerten ohne Ende für weitere Projekte (Highlight des „Heat“-Soundtracks) zeigen’s. Perry wohnt weiterhin in Irland, Gerrard eigentlich in Australien, wobei sie die sieben Monate Konzeptions- und Produktionszeit des neuen Albums mit ihrer kleinen Tochter in Irland verbrachte. Obwohl „Spiritchaser“ in Perrys Quivvy Church Studio in County Cavan aufgenommen wurde, ist die Platte weniger „gälisch“ beeinflußt als ihr Vorgänger. Verschiedenste lateinamerikanische Rhythmen und Melodien, vor allem aus Chile und Peru, fließen durch das Album, Instrumente, Insekten, Stimmen und Samples annullieren die Diskussionen über musikalische „Quellen“. Im Opener „Nierika“ ist ein „Bullroarer“ zu hören, ein an einem Seil befestigtes geformtes Stück Holz, das man über dem Kopf schwingt. Der daraus entstehende hypnotische Sound wurde gesamplet und von einem Keyboard gespielt. Das letzte Stück beschreibt Lisa als „a lullaby for the sleeping spirit“, „Devorzhun“ hingegen ist ein Wort, das sie sich selbst ausgedacht hat.
Der Bullroarer schwingt im Kreis, das Kind wird zum Schlafen geschaukelt. Immer in Bewegung. Und im Zentrum zwei stille Figuren, die lieber nicht darüber reden möchten. Sie hören lieber zu.
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