The Cure
stimmungswechsel mit geschichte
27.04.1996, 10:53, Text: Autor unbekannt
Hat er. Und es ist alles wahr. Nur nicht inszeniert. Und aussehen tut er auch scheiße. Also so wie immer. Aber er ist Robert Smith, und wir sind es nicht. Und glaubt mir: Das macht er gut. Es stimmt alles: Frisur, Lippen, Charisma. Es dauert dementsprechend für den gestandenen Nicht-CURE-Fan auch einige Minuten, sich in Anbetracht einer lebenden Legende zu fangen. In dieser Zeit beobachtet Robert den Fußboden und grummelt mißmutig vor sich hin. Welch ein Zufall, daß sich diese unverhohlene schlechte Laune so authentisch in den Titel der neuen Platte schmiegt - „Wild Mood Swings“ präsentieren sich in 3-D.
„Mir scheint es, als hätten wir nie woanders gelebt“, murmelt Robert auf die Frage, wie lange sie schon in diesem skurrilen Haus aufnähmen.
Musik
THE CURE gibt es nun bald 20 Jahre. 20 Jahre, in denen die Musikgeschichtsschreibung viel zu tun hatte, vielleicht weniger mit Revolutionen, von HipHop und Techno mal abgesehen. Aber: viel Extremisierung, viel Kombinatorik, viel Bewegung. Sind THE CURE eine Konstante im „Forward ever, backward never“-Geist der Zeit? „Ich glaube, es hat sich nichts wirklich geändert“, analysiert Robert nach kurzem Überlegen, „es gab immer drei Bands, die ich liebte. Es gab immer so was wie TAKE THAT, es gab guten Mainstream und Underground. Es gab uns, WIRE, in den Mittachtzigern gab es ... (Pause), okay, die Mittachtziger waren scheiße, von ‘84 bis zu den THOMPSON TWINS. Aber: NEW ORDER, SIOUXSIE. Und HipHop. Es ist alles so miteinander verbunden. Was aber bei all den Moden wirklich besser geworden ist, ist die Musik. In den Achtzigern war größtenteils alles scheiße, Aussehen und Musik, aber in der letzten Zeit kommt aus den blöden Moden zumindest ab und zu gute Musik, wie aus Grunge z. B. Ja, es stimmt, die 80er waren größtenteils Dreck, aber wenn die Leute sagen, daß Punk entstand, weil die Musik in den späten 70ern so schlecht war, dann ist das Unsinn. Da gab es GLAM, BOWIE, T. REX in den Charts und sogar gute Rockbands wie THIN LIZZY.“
Alle musikalischen Positionen, alle Vorlieben dieses Mannes machen klar, was er liebt: traditionelle Popmusik, Melodien, Gefühle. Jungle und den melodiösen Teil von Techno kann er verstehen, nicht aber den nackten Chicago-Stoff. „Ich meine, ich kann nicht tanzen und habe keinerlei Rhythmusgefühl - was jeder weiß, der mich schon mal auf der Bühne gesehen hat. Ich mag Klassik, Songs.“ Wobei er aber, wenn nicht gerade von „New Romantic“ bzw. dessen Renaissance die Rede ist, allem gegenüber tolerant ist. Und konservativ? „Ich denke, übersetzt in ein politisches Spektrum, sind wir nicht gerade konservativ, eher die Liberalen. Wir haben nicht ständig Vers-Chorus-Vers, nicht alle unsere Stücke klingen gleich. Jetzt zum Beispiel arbeite ich bei einigen Stücken nur mit Streichern, bei anderen mit echten Bläsern. Das ist sicher nicht revolutionär, aber für uns ist es völlig neu.“
Politik
THE CURE sind nicht zufällig zeitgleich mit der Machtübernahme der konservativen Partei aufgekommen - zumindest nicht in Robert Smith’ Sicht der Dinge. Es war die Zeit für Artikulation von Unwohlsein, die Zeit für Ausbrüche, für Underground. „Es hängt sehr viel vom politischen Klima ab. Musik ist eine Projektion deiner Gefühle, Hoffnungen, Verzweiflungen. Punk - eine entfremdete Jugend - es gibt nichts für uns. Ähnlich ist das heute mit den Raves - das Gefühl raus zu müssen.“ Ja, Punk hat eine große Bedeutung für Robert Smith. Ein Jahr lang hat er dieses Leben geführt, immer draußen gewesen, immer Musik erlebt. Und dann wollte er es auch, wollte auch eine Band.
Der politische Charakter, den wohl kaum jemand THE CURE als auffälliges Attribut zuschreiben würde, manifestiert sich angenehmerweise eher in Taten als in Worten. So spendeten Robert und die seinen einiges Geld für Greenpeace und andere gute Zwecke - unter anderem den gesamten Erlös des „Entreat“-Live-Albums. Aber warum vertritt er in seinen Texten keine Position? „Der Grund, daß ich die Band aus der Politik rausgehalten habe, liegt in den unterschiedlichen Positionen der einzelnen Mitglieder. Da ich der Band nicht meine Meinung überstülpen wollte, habe ich auf verbindliche Statements weitgehend verzichtet. Außerdem gibt es in bezug auf Pop und Politik in der Öffentlichkeit ein Beispiel, das mir immer vor Augen ist: Als MORRISSEY damit anfing zu predigen: ‘Vegetarismus ist super, eßt kein Fleisch, Fleisch ist Mord’ - da habe ich mich sofort mit Würstchen vollgestopft. Ich meine, ich habe nicht wirklich welche gegessen, aber ich hätte, wenn welche dagewesen wären. Auch wenn es eine kindische Reaktion war - ich habe ihn so sehr gehaßt. Wer bist du, um mir zu sagen, daß Fleisch Mord ist. Deine Songs sind scheiße, du bist scheiße. Und ich erwarte, wenn ich etwas Ähnliches tun sollte, daß die Leute auch sagen: ‘Was will er denn von uns’, und es erst recht tun. In der Geschichte der Band hat es immer ebenso starke Ablehnung wie Anziehung gegeben. Wenn wir politische Aussagen treffen würden, würde sich deren Gehalt darauf reduzieren, ob du THE CURE magst oder nicht. Außerdem bin ich mißtrauisch. Wir würden manipuliert werden. Unsere Musik bedeutet für einige Menschen sehr viel - aber auf einer anderen Ebene. Sie wird oft als Flucht gebraucht, was ich völlig okay finde. Es ist so selten, daß irgendjemand in der Pop-Musik etwas Wertvolles zu sagen hat. Etwas, was dich sagen läßt: ‘Oh, daran habe ich noch nie gedacht, PETER GABRIEL.’ Es ist alles so platt und offensichtlich.“
Happy-End
Die Welt ist scheiße, und Robert Smith weiß darum und empfindet das mehr als sehr viele andere. Trotzdem überfällt uns auf „Wild Mood Swings“ mit Namen wie „Mint Car“ ein unglaublich übersprudelndes Stück Pop. Robert singt von Bienen, Blumen und Weltumarmen. Ist das echt? Er grinst, zum ersten Mal. „Ja, das ist wahr. Es ist das Gefühl, daß sich die ganze Welt vor dir öffnet. Es ist das Gefühl ..., das Gefühl, das Puh, der Bär, hat, bevor er Honig ißt. Es ist besser als das Essen selbst.“
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