The Cure

stimmungswechsel mit geschichte

27.04.1996, 10:53, Text: Autor unbekannt

Hat er. Und es ist alles wahr. Nur nicht inszeniert. Und aussehen tut er auch scheiße. Also so wie immer. Aber er ist Robert Smith, und wir sind es nicht. Und glaubt mir: Das macht er gut. Es stimmt alles: Frisur, Lippen, Charisma. Es dauert dementsprechend für den gestandenen Nicht-CURE-Fan auch einige Minuten, sich in Anbetracht einer lebenden Legende zu fangen. In dieser Zeit beobachtet Robert den Fußboden und grummelt mißmutig vor sich hin. Welch ein Zufall, daß sich diese unverhohlene schlechte Laune so authentisch in den Titel der neuen Platte schmiegt - „Wild Mood Swings“ präsentieren sich in 3-D.
„Mir scheint es, als hätten wir nie woanders gelebt“, murmelt Robert auf die Frage, wie lange sie schon in diesem skurrilen Haus aufnähmen.

Tatsächlich hat er das monumentale Anwesen seit mehr als einem Jahr gemietet, und fast genausolange wohnen und arbeiten THE CURE hier. Auch für die vorangegangenen Alben hatten sie sich in ländliche Isolation begeben, doch nie zuvor so lange und so abgeschieden. Wer nun - naheliegenderweise - erwartet, ein dergestaltes Kreisen um sich selbst würde im Falle dieser Band in das besonders tiefe Tal des Jammers führen, sieht sich nahezu komplett getäuscht. Nicht daß „Wild Mood Swings“ ein Stock/Aitken/Waterman-Pop-Overkill ist, aber in der Diskographie von THE CURE markiert die Platte trotz einiger epischer Schmachter und trotz ihres fröhlichen Vorgängers “Wish“ einen Gipfel in Sachen guter Laune. Fast scheint es, als kranke Robert in erster Linie an der Gesellschaft und würde in der Abkapselung genesen. „Ich sehe die Gruppe nicht mehr als Therapie und benutze die Band nicht mehr als Podest für meine Launen“, erklärt er. „Und in den Texten der neuen Platte ist auch kaum noch Angst und Schmerz. Viel Upbeat.“ - „Und was ist mit diesen sechs superlaunischen Stücken?“ fragt Jason Cooper, der neue Drummer, das Küken, seit sechs Monaten in der Band, der eben Kaffee brachte und seitdem bescheiden schweigend im Hintergrund saß. Robert sieht in kurz an. „Ja klar. Die habe ich immer noch. Extrem. Ich bin gerade mittendrin.“ In Jason manifestiert sich ein auffälliges Phänomen von THE CURE - die ständigen Wechsel. Die Rausschmisse. Die Skandale. Die Klage wegen „seelischer Grausamkeit“, die der langjährige Drummer/Keyboarder Lol Tolhurst gegen den Rest der Band erhob. Aber all das ist längst Vergangenheit, wie Robert beteuert. „Es gab viel Kritik in meine Richtung für die zahlreichen Wechsel in der Band - ich habe das nie verstanden. An einer Besetzung festzuhalten, koste es, was es wolle, macht keinen Sinn. Ich mag Wechsel, nicht um des Wechsels willen, sondern um der Natürlichkeit willen. Wenn jemand eine erfolgreiche Band verläßt, um etwas anderes zu machen - bravo. Außerdem sind die Zeiten, wo ich Leute rausschmeiße, vorbei. Seit acht Jahren kann man gut mit mir auskommen.“ Jason (wiederholt mechanisch): „Ja, man-kann-gut-mit-ihm-aus-kom-men.“ Die Stimmung lockert sich. Jetzt und überhaupt. Trotzdem: Eine lineare Entwicklung von Unglück zu Glück sieht Robert nicht. In seinen Augen gibt es die THE CURE, die so dankbar das Klischee von Spinnen, Kellern und geschminktem Weltschmerz erfüllten, nicht. „Wir waren noch nie auf etwas eingeschworen. Außer einer kurzen Phase, wo ich sehr intensiv, aggressiv, manisch war. Ein Kampf gegen Dämonen. Aber das ist lange her.“ Aber nicht verleugnet. Keine Namensänderung, keine andere Band, kein Neubeginn. „Wie sollte das aussehen?“ schüttelt Robert den Kopf, „es wäre, wie meinen Namen zu wechseln. Es wäre ein Leugnen der eigenen Geschichte. Sicher, manchmal würde ich das gerne tun, eine Art stalinistischer Geschichtsschreibung. Aber eingentlich mag ich mein ganzes Leben - es ist voll und abwechslungsreich.“

Musik
THE CURE gibt es nun bald 20 Jahre. 20 Jahre, in denen die Musikgeschichtsschreibung viel zu tun hatte, vielleicht weniger mit Revolutionen, von HipHop und Techno mal abgesehen. Aber: viel Extremisierung, viel Kombinatorik, viel Bewegung. Sind THE CURE eine Konstante im „Forward ever, backward never“-Geist der Zeit? „Ich glaube, es hat sich nichts wirklich geändert“, analysiert Robert nach kurzem Überlegen, „es gab immer drei Bands, die ich liebte. Es gab immer so was wie TAKE THAT, es gab guten Mainstream und Underground. Es gab uns, WIRE, in den Mittachtzigern gab es ... (Pause), okay, die Mittachtziger waren scheiße, von ‘84 bis zu den THOMPSON TWINS. Aber: NEW ORDER, SIOUXSIE. Und HipHop. Es ist alles so miteinander verbunden. Was aber bei all den Moden wirklich besser geworden ist, ist die Musik. In den Achtzigern war größtenteils alles scheiße, Aussehen und Musik, aber in der letzten Zeit kommt aus den blöden Moden zumindest ab und zu gute Musik, wie aus Grunge z. B. Ja, es stimmt, die 80er waren größtenteils Dreck, aber wenn die Leute sagen, daß Punk entstand, weil die Musik in den späten 70ern so schlecht war, dann ist das Unsinn. Da gab es GLAM, BOWIE, T. REX in den Charts und sogar gute Rockbands wie THIN LIZZY.“
Alle musikalischen Positionen, alle Vorlieben dieses Mannes machen klar, was er liebt: traditionelle Popmusik, Melodien, Gefühle. Jungle und den melodiösen Teil von Techno kann er verstehen, nicht aber den nackten Chicago-Stoff. „Ich meine, ich kann nicht tanzen und habe keinerlei Rhythmusgefühl - was jeder weiß, der mich schon mal auf der Bühne gesehen hat. Ich mag Klassik, Songs.“ Wobei er aber, wenn nicht gerade von „New Romantic“ bzw. dessen Renaissance die Rede ist, allem gegenüber tolerant ist. Und konservativ? „Ich denke, übersetzt in ein politisches Spektrum, sind wir nicht gerade konservativ, eher die Liberalen. Wir haben nicht ständig Vers-Chorus-Vers, nicht alle unsere Stücke klingen gleich. Jetzt zum Beispiel arbeite ich bei einigen Stücken nur mit Streichern, bei anderen mit echten Bläsern. Das ist sicher nicht revolutionär, aber für uns ist es völlig neu.“

Politik
THE CURE sind nicht zufällig zeitgleich mit der Machtübernahme der konservativen Partei aufgekommen - zumindest nicht in Robert Smith’ Sicht der Dinge. Es war die Zeit für Artikulation von Unwohlsein, die Zeit für Ausbrüche, für Underground. „Es hängt sehr viel vom politischen Klima ab. Musik ist eine Projektion deiner Gefühle, Hoffnungen, Verzweiflungen. Punk - eine entfremdete Jugend - es gibt nichts für uns. Ähnlich ist das heute mit den Raves - das Gefühl raus zu müssen.“ Ja, Punk hat eine große Bedeutung für Robert Smith. Ein Jahr lang hat er dieses Leben geführt, immer draußen gewesen, immer Musik erlebt. Und dann wollte er es auch, wollte auch eine Band.
Der politische Charakter, den wohl kaum jemand THE CURE als auffälliges Attribut zuschreiben würde, manifestiert sich angenehmerweise eher in Taten als in Worten. So spendeten Robert und die seinen einiges Geld für Greenpeace und andere gute Zwecke - unter anderem den gesamten Erlös des „Entreat“-Live-Albums. Aber warum vertritt er in seinen Texten keine Position? „Der Grund, daß ich die Band aus der Politik rausgehalten habe, liegt in den unterschiedlichen Positionen der einzelnen Mitglieder. Da ich der Band nicht meine Meinung überstülpen wollte, habe ich auf verbindliche Statements weitgehend verzichtet. Außerdem gibt es in bezug auf Pop und Politik in der Öffentlichkeit ein Beispiel, das mir immer vor Augen ist: Als MORRISSEY damit anfing zu predigen: ‘Vegetarismus ist super, eßt kein Fleisch, Fleisch ist Mord’ - da habe ich mich sofort mit Würstchen vollgestopft. Ich meine, ich habe nicht wirklich welche gegessen, aber ich hätte, wenn welche dagewesen wären. Auch wenn es eine kindische Reaktion war - ich habe ihn so sehr gehaßt. Wer bist du, um mir zu sagen, daß Fleisch Mord ist. Deine Songs sind scheiße, du bist scheiße. Und ich erwarte, wenn ich etwas Ähnliches tun sollte, daß die Leute auch sagen: ‘Was will er denn von uns’, und es erst recht tun. In der Geschichte der Band hat es immer ebenso starke Ablehnung wie Anziehung gegeben. Wenn wir politische Aussagen treffen würden, würde sich deren Gehalt darauf reduzieren, ob du THE CURE magst oder nicht. Außerdem bin ich mißtrauisch. Wir würden manipuliert werden. Unsere Musik bedeutet für einige Menschen sehr viel - aber auf einer anderen Ebene. Sie wird oft als Flucht gebraucht, was ich völlig okay finde. Es ist so selten, daß irgendjemand in der Pop-Musik etwas Wertvolles zu sagen hat. Etwas, was dich sagen läßt: ‘Oh, daran habe ich noch nie gedacht, PETER GABRIEL.’ Es ist alles so platt und offensichtlich.“

Happy-End
Die Welt ist scheiße, und Robert Smith weiß darum und empfindet das mehr als sehr viele andere. Trotzdem überfällt uns auf „Wild Mood Swings“ mit Namen wie „Mint Car“ ein unglaublich übersprudelndes Stück Pop. Robert singt von Bienen, Blumen und Weltumarmen. Ist das echt? Er grinst, zum ersten Mal. „Ja, das ist wahr. Es ist das Gefühl, daß sich die ganze Welt vor dir öffnet. Es ist das Gefühl ..., das Gefühl, das Puh, der Bär, hat, bevor er Honig ißt. Es ist besser als das Essen selbst.“



Artikel kommentieren
aus Intro #34 (Mai 1996)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

Gruppen


Loewenherz-club

Loewenherz-club

Dein Club für Gute Nachtgeschichten good times good Music www.löwenherz-club.com

» Mehr Gruppen