Camp Imperial
diese warteschleife hat einen guten klang
26.04.1996, 11:57, Text: Autor unbekannt
Atlantik Knarf Rellöm singt in seinem auf CAMP IMPERIAL vertetenen Stück: „Wer zu spät kommt, kommt irgendwann ganz früh“. Ein schöner Satz, der zur Beschreibung der hinter CAMP IMPERIAL stehenden Haltung zur Popmusik allerdings ganz falsch wäre, weil die sehr ambitioniert ist. „Nur nicht so schnell!“ kann man da, wieder mit Knarf Rellöm, nur sagen. Das IMPERIAL wurde etwa vor einem Jahr von Mense Reents, Jimi Orgl und Thies Mynther eingerichtet. Sie hatten zuvor in Bands wie DAS NEUE BROT und DIE REGIERUNG gespielt, die aus den verschiedensten Gründen kaputt gegangen waren. Da alle drei aufgeweckte junge Männer sind, orientierten sie sich hin zu den Geräten, mit denen in der Regel Techno gemacht wird.
Schallplatten Hamburger Musiker werden ja immer politisch interpretiert, von allen. Das ist auch, was CAMP IMPERIAL angeht, angemessen, nicht zuletzt wegen eines, durch einen Untertitel wie „Electronic Rock Resistance“ und viele, an allen Ecken und Enden zu findende ähnliche Begriffe, selbstgestellten Anspruchs. Die politische Haltung von CAMP IMPERIAL entspricht dem musikalischen Durcheinander, das sich nicht nur durch die Behandlung der verschiedensten musikalischen Genres offenbart, sondern auch durch die ganze und enorme Palette irritierender und irgendwie auch irritierter elektronischer Geräusche. Die haben sich, wie bei Bodum-Kaffemaschinen der Kaffeesatz, am Grund der verschiedenen Stücke angesammelt. Die politische Haltung ist dementsprechend nicht eine, aber es sind auch nicht nur einfach mehrere. Die meisten Stücke spiegeln eher ein allgemeines Verunsichertsein, eine Ablehnung einfacher Wahrheiten, ein bißchen aber auch die Hoffnung in deren Wiederkehr. In „Bourgeoises Leben“, einem Lied, in dem sich eine Frau den nächtlichen Anruf eines Freundes verbittet, weil der sich doch nur wieder um das Thema Revolution dreht und sie doch sowieso viel zu selten ruhig schlafen kann und natürlich auch im Anschluß an dieses Telefonat wieder wach liegt und grübelt, singt Elena Lange: „Wir taten uns so leid, wir wär´n das Gewissen der Welt/Doch was nicht ist, kann ja noch sein, wir werden das Gewissen der Welt“. Das Aushalten von Widersprüchen zeigt sich ansonsten in Beschreibungen von dem, was sich alltäglich beobachten läßt. In „Sie Ging In Den Untergrund“ etwa beschreibt Carsten Friederichs als BRUNO FERRARI QUINTETT mit einer punkigen Latin-Version des FÜNF FREUNDE-Stücks ein paar Folgen des Abtauchens einer Bekannten. Nur in Hinsicht auf deren vorheriges persönliches Umfeld, dem sie fehlt. Und ausgerechnet ANDREAS DORAU ist es mit „Abteistraße“ geglückt, richtiggehend einen Standpunkt einzunehmen, einen feministischen zudem. Er schafft das, indem eine gesamplete Männerstimme (obskur, obskur, sie stammt von einer alten Versicherungswerbeplatte) zu einem leicht hypnotischen House-Groove wenige, aber nachdrücklich vorgebrachte Worte verliert: „Eine Frau - ein Leben - ein Schicksal/Ein Zimmer - eine Straße - ein Haus - eine Stadt“. Mense Reents’ Samplerbeitrag heißt „Warteschleife“. Im Bild von der Warteschleife läßt sich der Zustand, von dem aus in CAMP IMPERIAL die Welt beschrieben wird, gut zusammenfassen: Man befindet sich irgendwo in einem Dazwischen, der Zustand ist weder toll noch scheiße, aber jede Menge guter Töne können über ihn verloren werden. Die Vielseitigkeit von CAMP IMPERIAL verdeckt leicht die Bedeutung der drei Studiobetreiber für das Gelingen des Projektes. Sie haben nicht nur eingeladen, sie haben auch in guter alter Popmusikmanier produziert. Dabei entstanden, zusätzlich zu der schon länger bestehenden Housemusic-Band (!) EGO-EXPRESS von Jimi Orgl und Mense Reents, zwei weitere Bands, die in nächster Zeit demonstrieren werden, welche Auffassung von Popmusik man im IMPERIAL so hat. Die eine Band heißt SAND und ist ein von Jimi Orgl und Pascal Fuhlbrügge gemachter wilder Versuch in TripHop. Die zweite heißt STELLA und ist eine Elektro-und-Gitarren-Popband, so etwas wie die musikalische Essenz von CAMP IMPERIAL also. Sie besteht aus Elena Lange, Thies Mynther und Mense Reents. STELLA ist auch die Backingband zur diesen Monat stattfindenden CAMP IMPERIAL-Tournee. Sie schafft den Rahmen, der den mit Sicherheit abwechslungsreichen Abend nicht einfach nur kreuz und quer werden läßt, sondern eher - ungewöhnlich. Das ganze Projekt ist überhaupt ganz ungewöhnlich aufregend.
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