„Hausmuzik“, „Kollaps“ und „Icr“
weilheim strikes back
22.04.1996, 17:52, Text: Autor unbekannt
Obwohl durch eine Labelgemeinschaft verbunden, veröffentlichen die drei Tonträgeradressen unabhängig voneinander in verschiedene musikalische Stilrichtungen zielend. Während „Kollaps“ und „Intellectual Confusion“ (ICR) Noise- und Experimental-orientierter sind, gibt es bei „Hausmuzik“ Folk- und Trashlastigeres. Gemeinsamkeiten lassen sich eher auf der konzeptionellen Ebene konstatieren, was ein sich selbst als Gesamterscheinung Ernstnehmen und Durchsetzen meint. Der künstlerische Ausdrucksprozeß endet eben nicht mit dem Abmischen der Masterbänder. Bisheriger Höhepunkt dieser Grundhaltung war die Landsberger Präsentation des Samplers „The Day My Favourite Insect Died“, auf welchem man äußerst konsequent das bisherige Terrain von größtenteils handgemachter Musik im Gitarrenkontext in Richtung experimentelle elektronische Musik erweiterte.
Spielereien mit Tonsignalen nähern sich auf dem Sampler streckenweise dem MOUSE ON MARS-Geräuschesortiment, wühlen im PRAM-Niedlichkeitenflohmarkt, ohne dabei ins Unüberschaubare abzudriften. Als Will Oldham alias PALACE auch noch zwei wunderschöne Songs zur Verfügung stellte, ging für „Hausmuzik“-Chef Wolfgang Petters sicher ein kleiner Traum in Erfüllung. Daß Menschen auf ihrer verzweifelten Suche nach Beschreibungsmustern nun verstärkt mit Homerecording-Vergleichen anklopfen, dürfte zu verkraften sein. Neuester prominenter Fernzugang ist übrigens die GIANT SAND-Nebengruppierung SPOKE. Deren Debüt sei, laut Petters, „besser als die letzten fünf GIANT SAND-Alben zusammen.“
Als Novum erschien die Zusammenstellung erstmalig auch als Compact Disc, allerdings nicht mit der Absicht, dem selbstauferlegten „Last Vinyl Soldiers“-Stempel die Treue zu kündigen, denn die exzessivst betriebene Covergestaltung bewegt sowieso zur Solidarität mit der altmodischen schwarzen Scheibe. Besonders „Hausmuzik“ tendiert zu dieser charmanten Art des Selfmade-Individualismus: Handkolorierte Klapphüllen, liebevoll gefaltete Beipackzettel oder aufgeklebte Herbstblättercollagen stehen exemplarisch für die eigenen Vorstellungen von Ästhetik.
Den allerersten Kontakt mit der oberbayrischen Labellandschaft erfuhr meine Plattennadel durch „The Last Funeral“ von POTAWATOMI („Kollaps“). Es war sehr intensiv. Die Band - bestehend aus 2/3 NOTWIST, 3/5 früheren SLUMLORDS (auch „Kollaps“) und Rudi Mahall (Klarinette, Kinderplattenspieler) - schwebt mit ihrer Musik irgendwo im Raum zwischen Avantgarde, Jazz und schleifenden Gitarren, wobei man sich nie ganz festlegt. Gleichzeitig definiert „The Last Funeral“ das Verfügungsspektrum für spätere „Kollaps“-Veröffentlichungen wie SUBRAUM KADER oder COUCH. „Musik ohne Gesang und Soli“ schreiben letztere im Info, meinen ein Abwenden vom zu oft gehörten Modell „Gesang und Soli ohne Musik“, meinen Gleichberechtigung als möglichen Vorteil der Instrumentalmusik. Etwas zu hart, um TORTOISE-Lässigkeit zu erreichen, also eher SLINT. Genau in die entgegengesetzte Richtung begibt sich, von POTAWATOMI ausgehend, Markus Acher mit seinem Einmann-Projekt RAYON. Die bisher erschienene Doppel-7“ umfaßt neben zwei sehr schön low produzierten, songorientierten Stücken (eins davon eine reduzierte Abwandlung des Titelstücks der letzten NOTWIST) zwei ursprünglich für einen Kurzfilm vorgesehene instrumentale Geräuschspielereien. Das technische Gerät Sampler bietet dabei die Möglichkeit, den Umgang mit Klangfetzen, auditiven Momentaufnahmen und - logisch daraus folgernd - Atmosphären zu verdichten. Wie auch VILLAGE OF SAVOONGA erscheint RAYON als eine Koproduktion der Labels „Hausmuzik/Kollaps“. Irgendwo weiter oder zurück im „Kollaps“-Universum haben dann noch die Münchner SCHWERMUT FOREST spätestens mit dem aktuellen Tonträger „Pilot“ ihren höchst persönlichen Aufenthaltsort gefunden. Hübsch ungelenk, geradezu reserviert, erzählt der deutschsprachige Gesang seine Geschichten der Isolation, von Alltäglichkeit. Man hört durchs Trübsalgebläse gezogene Jazzreferenzen, könnte dabei auch an Chicago erinnert werden. Aber sag’ jetzt bitte nichts von Kopfmusik.
Neulich gab’s das Promotape eines Projektes von „The Day My Favourite Insect Died“, Konsolentechno; das in letzter Zeit etwas zurückgestellte „ICR“-Label wird sich in Zukunft wohl der Veröffentlichung elektronischer Musik annehmen. „Viele Grüße aus Weilheim“ war in kritzelig-leserlicher Schülerschrift mit Kugelschreiber auf das Inlet geschrieben. So sind sie. Ganz antistylisch irgendwie, immer sympathisch.
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