Raissa

wach' ich oder träum' ich?

19.04.1996, 22:24, Text: Autor unbekannt

Seinerzeit regierte noch König Gitarren-Pop in puristischen Ausmaßen, und selbst von besagter Band erntete man auf die Frage nach dem Trompeter jedes Mal aufs neue den Hinweis, er sei in den Ärmelkanal gefallen. Heute, Mitte der Neunziger, sind selbst in der populären Musik die Berührungsängste mit Einflüssen aus den nicht unbedingt naheliegendsten Musikbereichen gefallen, und Bristol ist eine der Hochburgen innovativen Schaffens, um nur mit MASSIVE ATTACK, PORTISHEAD oder TRICKY zu jonglieren. Mit RAISSA hat dieser Tage eine weitere Band ihr vielversprechendes Debüt veröffentlicht, bei der allein der background der Mitglieder für vielschichtige Ausprägungen garantiert: Dan ist House/HipHop-DJ, Raissa studierte Musik an der Universität und Paul diente bei genannten BRILLIANT CORNERS.

So macht gerade die Vielzahl an neu verarbeiteten Einflüssen \"Sleeping Bugs\" zu einer spannenden Platte. Raissa: \"Ich sehe das ganze Album wie eine kleine Reise an, einen Prozeß. Wir wollten es ausfüllen mit vielen detaillierten, merkwürdigen Sounds und sie etwas sehr Einfachem und Natürlichem, vielleicht Positiverem und Emotionalerem gegenüberstellen. So wie das Leben nicht nur eine Art von Gefühl hervorruft, wollten wir nicht einen bestimmten Sound machen, sondern die gegensätzlichen Dinge zusammenfügen.\" Dies funktioniert innerhalb des Albums ebenso wie in den einzelnen Stücken. \"Es ist aufregend, Dinge zu verschieben, zu sehen, wie sie in anderer Umgebung wirken. Das tun wir aber nicht um der Sache selbst willen. Eigentlich versuchen wir nur, Situationen, Atmosphäre und Stimmungen wiederzugeben. Dazu vermischen wir verschiedene Elemente, was nur eine moderne Art zu arbeiten darstellt.\" Revolution, Babe? Raissa lacht. \"Klar, ich bin immer für Revolutionen. Musikalisch gesehen ist das Gute an Technologien einfach, daß nun jeder Musik machen kann. Ich finde das befreiend, da gerade diejenigen, die bisher nicht den Zugang hatten, die eher ungewöhnlichen Vorstellungen von Sounds haben. Das öffnet vieles und führt weg von diesem ‘music thing’.“ Liegt die Frage nahe, ob \"Sleeping Bugs\" vielleicht auch als Kommentar oder Stellungnahme zu diesen Entwicklungen zu verstehen ist. \"Ich glaube nicht, daß das Album so selbstbewußt ist und nur darauf hinweisen will. Natürlich denken wir nach über die Zeit, in der wir leben und Millionen von Ansätzen aus verschiedenen Bereichen hören. Aber wir versuchen, das auf dem Album zu reflektieren, und es wirkt einfach natürlich, daß wir alle diese verschiedenen Sounds verwenden, die ohnehin da sind. Dabei handelt es sich eigentlich nicht um eine Analyse modernen Lebens.\"
Und was ist nun dran an Bristol? Paul: \"Es ist so einfach, dort zu leben. Bristol ist nur eine kleine Stadt mit vielen jungen Leuten, in der du auch mit wenig Geld über die Runden kommen kannst. Der Anteil farbiger Bevölkerung ist sehr hoch, es gibt viele Reggae-Clubs und eine große Untergrund-Szene, einfach einen guten Nährboden für kreatives Schaffen. Alles ist sehr laid-back, im Sommer beinahe wie in Portugal oder so.\" Das Album veranschaulicht hiermit verbundene Assoziationen, etwa durch die feedback-Einsprengsel in \"The Beach\", das gleichzeitig verdeutlicht, wie gerade mit vergleichsweise einfachen sprachlichen Mitteln eine übergeordnete Ebene angesprochen werden kann: \"We will walk on the land/ Inbetween sea and sand/ When our life is complete/ We will walk on the beach\". Diese Zwischenräume werden in fast allen Texten betont, und musikalisch wird die Umsetzung eine einzige Spielwiese, collagenartig aufbereitet, teilweise in Form diffuser Geräusche, die kurz auftauchen und wieder verschwinden, teilweise auch freigelegt wie in \"Inklings\". Oder natürlich \"Lily\", für das nicht Furzgeräusche, wie Herr DORAU vermutet hat, sondern die eines schnarchenden Hundes eingefangen wurden. Raissa: \"Das paßt irgendwie. Ich verstehe das Album wie die Übergangsphase, bevor du in den Schlaf fällst, wenn dir seltsame Gedanken im Kopf herumgeistern, du vielleicht einen Alptraum hast und am nächsten morgen in der Realität erwachst. Das Entdecken dieser verschiedenen Bewußtseinszustände ist sehr interessant, und das Schnarchen erinnert daran, daß du das ganze Album hättest hören können, wie wenn du einschläfst, dich hinterher an nichts erinnern kannst, vielleicht aber doch, oder vielleicht noch erinnern wirst.\"
Voraussichtlich noch im Mai kommen RAISSA für einige Shows nach D, und für die live-Umsetzung des Materials bleibt zu hoffen, daß die drei zusätzlichen Musiker nicht unterwegs verloren gehen ...



Artikel kommentieren
aus Intro #34 (Mai 1996)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Autor unbekannt
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 

Gruppen


Wir lästern nicht, wir stellen nur fest!!

Wir lästern nicht, wir stellen nur fest!!

guccibrille pradajäckchen uns gehts super!

» Mehr Gruppen