Plebiszit vs. Pleinpouvoir-Pop

killing joke

17.04.1996, 13:57, Text: Autor unbekannt

Jaz Coleman ist so ein reicher Mann. Der sich’s erlauben kann. Der das Weite gesucht hat. Und gefunden. Dessen Eigenheim tatsächlich zur atomwaffenfreien Zone gehört. In Neuseeland. In der ehemaligen britischen Kronkolonie, Dominion seit 1907, dort, wo 80er Jahre Bioladen-Besitzer das Paradies wähnten: „Und dann in Neuseeland / Champagnerflaschen in der Hand / sehen sie / im TieVie / wie Deutschland knallt und raucht und zischt / und sie sagen Prost, uns hat’s nicht erwischt.“ Europa, ehemals ausersehener Schauplatz eines nuklearen Schlagabtausches der damaligen sog. „Supermächte“, wird von Jaz Coleman nur noch betreten, um neue KILLING JOKE-Platten aufzunehmen und zu promoten.

Schließlich exportiert das Land der Känguruhs ansonsten hauptsächlich agrarische Güter. Wenn er nebst Gitarren-Geordie so dasitzt in einem Kölner Hotel, muß der Nieselregen ihm wohl vorkommen wie eine Art nuklearer Winter, schließlich ist es 24 Flugstunden entfernt „Bright As A Thousand Suns“, auch ohne Wasserstoffbombe.
„Democracy“, so ist der aktuelle Anlaß für diesen Besuch betitelt. Über die Musik auf dem Album reden er und Geordie eigentlich recht ungern. Zur eigenen, mittlerweile siebzehnjährigen Historie - beginnend mit schwermütigem Disco-Stuff in eben jenen grauenvollen Eighties, fortfahrend mit relativer Bedeutungslosigkeit, einem nicht wenig spektakulären, ja, „pandämonischen“ Comeback mit metallener Wichtigkeit und zunächst kulminierend in „Democracy“ - will man nichts weiter sagen. Geordie ist der Ansicht, daß jeder Output lediglich den Charakter eines Schlaglichts habe: „Es ist doch Unsinn zu vermuten, wir würden permanent versuchen, irgendetwas zielgerichtet voranzutreiben und fortzuschreiben. Dinge, Songs, all das passiert einfach!

“ Pursuit Of Unhappiness
Auf der Platte selbst passiert dagegen relativ wenig. KILLING JOKE aalen sich einmal mehr in depressivem Zeugs. Fünfundfünfzig Minuten Redundanz, die spätestens ab Track sechs („Pilgrimage“) nur noch niederschmetternd wirken. Nach „Prozac People“ umarmt so langsam unmotivierte Schwermut den Rezipienten. Ein gewollter Effekt, versteht sich. Das reine Songmaterial stimmt dabei eigentlich noch einigermaßen froh: Das Material ist unprätentiös, die Melodien cantabile, das Strickmuster mehr als durchschaubar. Könnte Popmusik der Sorte „ganz nett“ sein, ist es aber nicht. Zu lang geraten sind musikalische Zwischenspiele, griffige Riffs gibt es nicht und soll es wohl auch nicht geben. „Democracy“ lebt eindeutig von der Produktion, in diesem Falle größenwahnsinnig wie nur irgendwas: Unablässig surren irre gewordene Zwölfsaitige durch das Sounddickicht, das vom Spurenwahnsinn regiert wird. Heil bringen weder die programmierten Synthies noch die Trilliarden an Gitarren. Auch sie müssen sich letztlich der Staatsgewalt der Chorus- und Flangerschweine beugen.
Ob das vielschichtige, völlig untransparente Getöse etwa eine Art von Pluralismus, die Apokalypse oder eine Union aus beidem symbolisieren soll, darüber schweigt die entsprechende Regierungserklärung von Geordie: „Alles, was du für Chorus und sonstwas hältst, ist in Wahrheit ein uralter Leslie“, wird dort richtigerweise korrigiert. Dann aber setzt es den totalen Quatsch: „Overdubs gibt es nicht, Zack, Feierabend!“ Vielmehr habe man die Platte nahezu „live“ eingespielt, auch von programming und etwaiger pre-production ist keineswegs die Rede. Vielmehr habe man sich mehr oder minder aus Jux und Dollerei ins Studio begeben, drauflosgenudelt, bis die Platte urplötzlich fertig gewesen sei. „Ganz demokratisch“, sagt Geordie. Ob denn Studiocrack und Mietmusiker Barrymore Barlow, der einmal mehr in den credits auftaucht, den Drumpart des - übrigens fulminanten - Openers „Savage Freedom“ gespielt habe, immerhin der einzige Track, der zur Abwechslung einmal nicht von Toms, sondern einem konventionellen HiHat-gestützten Pattern dominiert wird? Geordie greift zur Pilstulpe und drapiert ein Faxpapier an die Deckenlampe, um seiner verschwörerischen Miene ein passenderes Ambiente zu verschaffen. „Den Beat habe ich programmiert.“ Klarer Fall von Unterminierung der bandeigenen Basisdemokratie - das Fax schwelt leise vor sich hin.

Billy Boy Of Rights
Zeit für die langerwartete feurige Rede zu brandaktuellen politischen topics. Jaz Coleman wirft sich in Positur und deklariert eine Art „Bill Of Rights“ für den Hausgebrauch, schließlich kann man ja nicht ewig über unwichtigen Schrunz wie den CARCASS-Remix der Single „Democracy“ abschwafeln, auch wenn der Abgesang auf Korruption und das demokratische Partizipationspostulat durch Maschinengewehrsalven einer synthetischen Bassdrum onomatopoetische Aufwertung erfahren hat. Mit einem lapidaren „fuck“ wischt Coleman das Thema vom Tisch, der ohnehin unter dem Gewicht der Aschenbecher und des vielsagenden Klemmbeutels zusammenzubrechen droht. „Wenn du Platten machst, arbeitest du automatisch in einer Industrie, die von ein paar Quasi-Monopolisten kontrolliert wird.“ Er redet sich regelrecht in Rage. „Allein deshalb wirst du selbst politisiert, man fühlt sich allein dadurch gezwungen, permanent Stellung zu beziehen.“ Spricht’s und tut’s.
Heutzutage sei das ja so, hebt er an: Über das Versagen der Politiker wie des politischen Systems brauche er ja nun keine großen Worte mehr verlieren, das Desaster sei evident. In den beiden zentralen Albumtracks zu diesem Thema, „Another Bloody Election“ und „Democracy“, besingt Coleman die hinlänglich bekannte Korrumpierbarkeit der politischen Showstars und die mangelnden Einflußmöglichkeiten der Regierten vor allem auf Dinge, die sie unmittelbar betreffen („Another five lane motorway / you’ll never get a referendum anyway“). Im Westen nichts Neues also. Glaubt der Mann tatsächlich, plebiszitäre Elemente - verfassungsrechtlich garantiert und praktisch ausgeführt - würden einen irgendwie gearteten Umschwung zum Positiven hin bewirken können? Bürgerinis, die unumwunden „ja“ zur „Kernkraft“, aber um so heftiger „nein“ zu „in-meinem-Garten“ sagen, als zentrale Entscheidungsgremien? Und das womöglich im Land der „Das Goldene Blatt“-Leser, die, gäbe man ihnen per Volksentscheid die Möglichkeit, einem monarchischen System das Wort reden würden, weil die Monegassen zett be mit Fürst Rainier immer so super zurechtkommen und Prinzessin Stephanie sich nicht nur von der Muse küssen läßt? Könnte nicht indes die Einführung eines Zensus-Wahlrechtes - Stimmengewichtung eventuell nach Kenntnisstand über Politpop und den MIK - die Demokratie dauerhaft bewahren?

Declaration Of Local Independence
Jaz Coleman versteht da nur wenig Spaß. „Der Parlamentarismus hat sich keineswegs überlebt. Wenn zukünftig Konzepte zur Dezentralisierung mehr Beachtung fänden, wäre bereits ein wichtiger Schritt getan. Wenn Politik hieße, daß sich die Gruppe der jeweilig Betroffenen um ihren Kram zu kümmern hätte, wären globale Krisen dank des lokalen Rahmens nahezu ausgeschlossen.“ Entspricht da nicht der Aufbau der Festung Europa einem völlig gegenteiligen Trend? „Oh ja. Aber ich glaube nicht, daß das funktionieren wird, jedenfalls nicht auf lange Sicht. Man wird sich schon letztlich auf seine eigene civis besinnen, glaube mir. Der nächste logische Schritt wäre der Umbau der Wirtschaft. Weg von der industriellen Massenproduktion hin zu agrarischen Schwerpunkten.“ Am neuseeländischen Wesen wird die Welt genesen? Sorry, Jaz, democracy is changing.



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aus Intro #34 (Mai 1996)
 
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