Die Sterne
starlight express
16.04.1996, 15:03, Text: Autor unbekannt
Management und Verlag bleiben vor Ort beim Hauslabel \"L'age d'or\". Einen durchstrukturierten Apparat nutzen, ohne den Kontakt zur Basis zu verlieren, lautet die kluge Devise. Eine neue Vermarktungsweise für ein bekanntes Programm, das da lautet: Transport via Groove. \"Posen\" ist der augenzwinkernde Produkttitel für den Start beim Major. Eine Überschrift, die, wie von den STERNEN gewohnt, viel Raum für Assoziationen läßt. Chef Frank Spilker sagt: \"Ich bin konkreter geworden!\" Deshalb von textlicher Eindeutigkeit zu sprechen, wäre übertrieben. Doch egal wie nachvollziehbar seine Botschaften auch erscheinen mögen, die tanzbarsten Deutschdenker sind die vier Himmelskörper in jedem Falle.
Waage
Zwei Legenden ranken sich um die Arbeitsweise des Schriftstellers Ernest Hemingway.
Spilkers Gedanken zur eigenen Appetitlosigkeit in Streßsituationen, \"Du Darfst Nicht Vergessen Zu Essen\" vom ‘94er \"In Echt\"-Album, fielen deshalb in erster Linie bei Magersüchtigen auf fruchtbaren Boden. Rezipienten ohne Eßstörung taten sich schwer beim Entschlüsseln. Der doppelbödige Ansatz der STERNE ist kontrovers. Es ist die Überlegung, die konsequent den Schnitt von Postmoderne zur Postpostmoderne vollzieht, gesetzt den Fall, daß Deutschrockprotagonisten der Marke MARIUS MÜLLER-WESTERHAGEN noch knietief in nachmodernen Gefilden waten. Vielleicht lehnten DIE STERNE auch deshalb die Einladung zur Geburtstagsfeier von UDO LINDENBERG dankend ab? Um so überraschender, daß Frank Spilker in RIO REISER ein echtes Vorbild sieht, das in Sachen Urbarmachung deutscher Texte mit eindeutiger politischer Belegung echte Pionierarbeit geleistet habe. \"Den SCHERBEN-Sänger bewundere ich deshalb, weil man bei ihm immer weiß, wo er steht. Auch wenn seine Parolenhaftigkeit heute so natürlich nicht mehr möglich ist\", sagt der Gitarrist. Die erste Maxi-Single, die 1992 DIE STERNE schlagartig aus dem Schatten der Anonymität treten ließ, hieß denn auch \"Fickt Das System\". Ein Titel im Stile eines Schlachtrufs der politischen Aufbruchsstimmung Anfang der siebziger Jahre. Spilkers leise Referenz an die TON, STEINE, SCHERBEN.
Die Parolen im späteren Verlaufe der musikalischen Initiation der STERNE werden entsprechend ihrem Selbstverständnis immer indirekter. \"Ich bin ein Arschloch/ich bin eine Armee/und ich bin beides/(und ich bin ein Star)/und ich bin: Wichtig!\" Im Titelsong vom ‘93er-Album \"Wichtig\" beweist die Band, daß sie ein Kind der Neunziger ist. Vom SCHERBEN-Glauben an Revolution ist nur noch eine zurückgezogene Hoffnung auf eine bessere Welt geblieben. Entsprechend seiner gedämpften Vision sind auch die Texte des Sängers unterschwelligen Charakters. Der Rückzug ins Private, Konflikte werden nicht mehr öffentlich an den Pranger gestellt, jeweils Phänomene des Zeitgeist, finden sich hier wieder. Folglich stellt die Band auch keine Ansprüche an ihr Publikum: \"Wer DIE STERNE hört, muß sich nicht zwingend mit den Texten identifizieren. Viele kommen auch nur zum Tanzen zu den Konzerten.\" Die Haltung des Wollens, aber Nicht-Müssens - ein permanentes laissez-faire im Engagement mit dem doppelt und dreifach codierten Zeigefinger - erhält durch Funkyness ihrer Musik den wesentlichsten Exponenten. Spätestens hier muß sich ihr Eigenverständnis den Vorwurf des Selbstzwecks in Form einer bedeutungsschwangeren Diskursluftblase gefallen lassen. \"Unsere Musik als reines Transportmittel zu verstehen, geht gar nicht, dafür ist alles zu viel zu widersprüchlich. Negativer Text kontrastiert durch Discomusik, positive Geschichte mit schrägen Instrumentalthemen, und doch unternehmen wir den Versuch, mit der Musik zu kommentieren.\" Verbirgt sich hinter all den rhetorischen Kapriolen im Endeffekt nicht bloß der künstlerische Willen zur Andersartigkeit? Wenn es sein muß auch der rein verbalen? Die Biographien der STERNE-Musiker geben Aufschluß.
Jungfrau
Mitte der achtziger Jahre formiert sich in dem kleinen ostwestfälischen Ort Bad Salzuflen eine Art kreative Dorfjugend. In dem Kreis trifft Frank Spilker unter anderem auf Leute wie Jochen Distelmeyer (heute BLUMFELD) und Bernadette Hengst (heute DIE BRAUT HAUT INS AUGE). Auch BERND BEGEMANN gehört dem Zirkel an, entwickelt aber Standpunkte, mit denen Spilker nur wenig anfangen kann. Zur musikalischen Ambition innerhalb dieses Kreises kommt ein ausgeprägtes politisches Bewußtsein. Die Szene verquickt beide Komponenten, und es entsteht ein internes Verständnis von Ästhetik. Die neuen Ideen erfahren nach der Übersiedlung der drei Protagonisten an die Elbe innerhalb der Runde um die GOLDENEN ZITRONEN inklusive Kfz-Mechaniker Schorsch Kamerun ein erweitertes Forum und einen fremden Stimulus.
Kurz vor seiner Landflucht gründet Spilker mit seinem Jugendfreund Mirko Breder das Unternehmen DIE STERNE. Auf dem Obskur-Label \"Fast weltweit\", für viele aus dem \"Hamburg/Bad Salzuflener Kindergarten\" ein frühes Sprachrohr, erscheinen erste künstlerische Gehversuche des Duos.
Innerhalb der Szene widersetzt man sich dem gängigen Trend der Post-NDW-Zeit, deutsch zu denken, aber englisch zu schreiben. Als sich der sogenannte \"Indie-Rock\" mit der ausklingenden Dekade allmählich aus kommerziellen Gründen ins schöpferische Abseits bugsiert, trifft Frank Spilker auf den Schlagzeuger der KOLOSSALEN JUGEND, Christoph Leich. Von Hause aus Punkrocker, fangen beide an, Soulplatten zu hören. Es entsteht die Idee der Zusammenführung, über den Punkansatz zur schwarzen Musik zu finden. Christoph Leich ist von der KOLOSSALEN JUGEND - den Hamburger Diskurspionieren - eine gänzlich unhandwerkliche Umgangsweise mit Musik gewöhnt. \"Beim Proben wollte er sich andauernd unterhalten, um unsere Arbeit zu reflektieren. Von der JUGEND kannte er, daß mindestens so lange geredet wie gespielt wurde\", erinnert sich Frank Spilker. Mit Tastenmann Frank Will und seinem Fender \"Rhodes\"-Piano stößt der entscheidende Faktor für Seele der STERNE zur Denkerachse Spilker/Leich, die zwar brillante Theoretiker sind, aber eher mittelmäßige Instrumentalisten. Will ist das intuitive Element, welches das Gegengewicht zu all der Kopflastigkeit bildet. Er pflanzt den Swing in die holprigen Basics seiner Mitmusiker. Mit Bassist Thomas Wenzel alias Julius Block, Mitglied der GOLDENEN ZITRONEN, wird die Band um einen weiteren Musiker aus dem Umfeld der Hamburger Szene ergänzt. Sein holziger Framus-Bassound mit dem hohen Wiedererkennungswert ist bis heute klangliches Markenzeichen der STERNE geblieben.
Schütze
Das Hantieren mit den gegensätzlichen Techniken hat das ‘93er Album \"Wichtig\" als Ergebnis. Ein Frühwerk, das die Symbiose von \"Indie-Rock\" und HipHop auch als solche noch deutlich erkennbar macht. Etwas zu eckig kommt der Groove noch daher. Andererseits ist gerade der Wegfall musikalischer Perfektion zugunsten eines ausformulierten künstlerischen Selbstverständnis’ - symptomatisch für DIE STERNE - sehr erfrischend. Aber tanzbar sind sie. Mehr als jede andere deutschsprachige Band mit vergleichbarem Anspruch jedenfalls. \"Kommt bloß drauf an, wie man sich bewegt\", sagt Frank Spilker. Noch traut er sich nicht, die Texte zu rappen. Sein Organ schwankt zwischen monotonem Sing-Sang und behelfsmäßigen Sprechakten. Eins ist jedoch klar: DIE STERNE sind hitkompatibler als der Rest der sogenannten \"Hamburger Schule\". Das Live-Konzert wird ein stetiger Fight um die Hegemonie von Bauch oder Kopf. Bis heute wählen DIE STERNE deshalb gern den \"Punkrocknotausgang\", so Christoph Leich, zur Darbietung des austaffierten Plattenmaterials. Ein Charme, der gerade Leuten, die die Band wegen ihrer Funkyness mögen, den Spaß zuweilen ein wenig abhanden kommen läßt. 1994 wird das Debüt-Album mit dem Nachfolger \"In Echt\" modernisiert. \"Es bringt den auf ‘Wichtig’ eingeschlagenen Weg auf den Punkt.\" Das Bild, der rote Faden, der das Album fast zum Konzeptalbum zwischen den zerrissenen Spilker-Erzählsträngen werden läßt, ist das \"Essen\". Allein sechsmal wird es thematisiert. Mit Zeilen wie \"Ich würde lieber wirklich als virtuell essen gehen\" (aus \"Nüchtern\") oder \"Er hat immer Hunger/er muß immer essen/er muß wohnen und schlafen/und vergessen\" (aus \"Universal Tellerwäscher\") verselbständigt sich wiederum der Hemingway-Mythos vom wahren Satz. \"‘In Echt’ hat einen Gesamtheitscharakter. Auf dem neuen Album steht jedes Stück für sich und funktioniert in den dreieinhalb Minuten, die es hat\", erklärt die Band die Weiterentwicklung bis \"Posen\". DIE STERNE '96 sind routinierter bei der Songarbeit geworden. Der Zahnlückenträger aus Überzeugung meißelt seine Sätze jetzt besser ins musikalische Fundament. Wortendungen stehen nicht mehr über. Die Diktion beim Sprechgesang wirkt gewandter, was auch das Verstehen der Botschaften ab und an erleichtert. \"Wir gingen mit einem viel genaueren Selbstbild an die Sache.\" Ein verbessertes technisches Know-how kommt hinzu. Für \"Posen\" konnten DIE STERNE auch produktionsbedingte Experimente wagen, ohne beliebig zu klingen. Zwar fehlen Songs mit Chartformat wie \"Wichtig\" oder \"Universal Tellerwäscher\". Dafür sind die Stücke in sich geschlossener. \"Unter Geiern II\" mit dem lupenreinen House-Teppich paßt sich problemlos in das konventionelle Material ein. Auch vorher schon ein Element bei den STERNEN, wird das musikalische Zitat diesmal prägendes Mittel. Das Loser-Drama \"Was Hat Dich Bloß So Ruiniert\" adaptiert den Klageruf der ANIMALs, \"The House Of The Rising Sun\". \"Risikobiographie\" blendet mit Effekten aus dem Drogenrock von HAWKWIND aus. Mit dem easy listening-Hit \"Swinging Safari\" reicht die Band BERT KAEMPFERT die Hand. \"Trotzdem sind alle Songs noch live spielbar\", stellt Leich fest.
Zwillinge
Der Gebrauch der Technik läßt aber ebenso Rückschlüsse auf den Plattentitel zu. \"Posen\" bedeutet für DIE STERNE auch musikalisches Posing. \"Früher konnten wir die Stücke gar nicht gut genug aufnehmen. ‘Posen’ weist darauf hin, wenn ein Diskostück eben Bongos braucht, die auch bekommt, so wie ‘Swinging Safari’ die obligatorische Querflöte.\" Auch die Coveridee ergänzt den Titel. Die Frontseite zeigt die Band wie vier Männer von der Stange in der \"farblich exzellent abgestimmten Kollektion von Secondhand-Pullovern\" (Zitat: STERNE-Info). Von bösen Zungen auch als die Altkleidersackmode der \"Hamburger Schule\" bezichtigt. Wie sehr all das mit Posing zu tun hat, bewiesen DIE STERNE beim diesjährigen Auftritt auf der Frankfurter Musikmesse. Da gab's nämlich, dem \"Sony\"-Deal sei Dank, eine Gratis-Neueinkleidung durch Sponsor \"Levi's\", die man gerne annahm. Der Vertrag bei der Industrie spielte überraschenderweise sogar beim Schreiben der Songs eine Rolle. \"Ich habe mich bemüht, mehr greifbare Geschichten zu skizzieren, Positionen klarer zu formulieren als bisher. Sicher auch wegen des Bewußtseins, daß sie nun in einem anderen Kontext stehen.\" Sich selbst untreu sind DIE STERNE deshalb nicht geworden. Vielmehr nimmt Spilker sich seine eigene kritische Betrachtung, den Opener \"Scheiß' Auf Deutsche Texte\", zu Herzen. \"Es geht darum, daß etwas gesagt wird und nicht in welcher Sprache!\" Das Stück behandelt kritisch den momentanen Hype der \"Neuen deutschen Rockmusik\" (hier im Beitrag: \"Hamburger Schule\"), wie vor allem Trendmagazine vereinfachend das Genre bezeichnen, in das auch DIE STERNE gehören.
Nach wie vor gönnt sich Frank Spilker dichterische Auswüchse, die man eher im \"Hamburger Ziegel\" vermutet, dem Jahrbuch für Literatur, als in eine gefällige Popmelodie verpackt. Seine Depressions-Entwürfe sind nicht weniger radikal als auf den vorherigen Alben. Im Gegenteil: \"Seit er sich kennt/kann er sich nicht bewegen/keine Augen/keinen Mund/keine Ohren/keinen Grund irgendwas zu riechen/wenn sie ihn schieben schüttelt's sehr/mal schüttelt's mehr/mal weniger/dann wünscht er sich so sehr er könnte kriechen/er kröche wenn er könnte auf's Schaffott/er kröche endlich näher zu Gott/nur fürchtet sich der Witz vor der Pointe\" (aus \"Insel\"). Spätestens mit dem zweiten Hören wird der groovende STERNE-Fan bei \"Posen\" aus seiner Dance-Hypnose aufwachen. Spilkers Seelenstriptease macht Sinn. Eine gnadenlose Wahrheit offenbart sich hinter dem Wust aus Metaphern und Allegorien. Womit sich also der Kreis zum US-Literaten vom Beginn ein weiteres Mal schließt. Bleibt nur zu hoffen, daß Spilkers Anspruch an sich selbst gemäßigter als der Hemingways ist. Der steckte sich bei der bedingungslosen Wahrheitssuche nämlich irgendwann seine Jagdflinte in den Rachen.
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