Compulsion

gesellschaftskritik mit der zunge in der backe

13.04.1996, 22:29, Text: Autor unbekannt
[8 Kommentare]

In Artwork und Inhalt erinnert das Ganze an eine Werbekampagne für ein stromlinienförmiges Industrieprodukt, das es gewinnbringend zu vermarkten gilt und bei dem die Verpackung zeitgeistgerecht den Inhalt dominiert. Da heißt es etwa: „As with ‘Comforter’ and all the prototype EPs, ‘The Future Is Medium’ is functional both in foreign and domestic markets without the necessity of an adapter.“ Wie wohltuend diese Form der Selbstironie und die „Sich und Sein Werk Nicht Für Das Maß Aller Dinge Nehmen“-Haltung erscheint, kann sich jeder vorstellen, der das dogmatische Geschwätz mancher vermeintlich politisch korrekten Alternative-Band kennt.

Das alles aber bedeutet nicht, daß es sich bei COMPULSION lediglich um ein paar musizierende Clowns handelt. Im Gegenteil. Josephmary, der Sänger, erweist sich als kompetenter, gebildeter Gesprächspartner, der durchaus eine Meinung zu unser aller Zukunft hat.
So hat ihn die fast ein Jahr währende Tour quer durch die USA in der Erkenntnis bestärkt, daß die Gleichschaltung der Kultur und Kulturen in vollem Gange ist, die Welt in Solingen kaum anders wahrgenommen wird, bzw. auch kaum anders funktioniert als in Butte, Montana: die Welt, das globale Dorf. Dafür verantwortlich natürlich die Allmacht der Massenmedien, womit wir bei der Doppelbedeutung des Titels wären: Die Zukunft ist deshalb Mittelmaß/gleichgeschaltet („medium“), weil das Synonym für Zukunft heute „Massenmedium sprich TV“ heißt (auch „medium“). COMPULSION spielen mit diesen Begriffen und greifen ihre augenzwinkernde Gesellschaftskritik in Songtiteln bzw. Lyrics wie „Juvenile Scene Detectives“, das von 45jährigen Trendmachern, die 14jährigen Mädchen die Welt neu erschaffen wollen, handelt, oder „Western Culture Collector“, ein St¸ck über die Auswüchse des Massen-, aber auch Kultur-Tourismus, ganz „tongue’n’cheek“ auf.
Wer die Dinge so kritisch betrachtet, müßte eigentlich ein äußerst depressiver Mensch sein. Für Josephmary aber trifft das kaum zu, er wandelt destruktive Energie in Spaß und Freude um, darum geht es bei COMPULSION: „Having fun with things that should be defeating us!“ Musikalisch ist „The Future Is Medium“ ein weiterer Schritt in Richtung perfektes Songwriting. Ich gehe soweit zu sagen, daß das Album in seinen besten Momenten („Juvenile Scene Detectives“, „It’s Great“ oder auch „Me“) die betörendste Mischung aus Gitarrenlärm und -wut auf der einen und wundervollen Melodien - oft mit Harmoniegesang veredelt - seit, sagen wir, den frühen DINOSAUR JR. oder, noch besser, den PIXIES auf der anderen Seite ist. Mit Neo-Punk der Marke „Kinderzimmer Amerika“ jedenfalls, eine Kategorie, in die man die Band auch schon einmal stecken wollte, hat es gottlob nichts zu tun.



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aus Intro #34 (Mai 1996)
 
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  • User: babsie
  • babsie 21.05.2002 | 08:48:25
    ich bin nicht kerstin grether.
    fantastisch! dieses wochenende hat mich big dip mit compulsions werk bekannt gemacht (3 cd's, soweit ich das überblicken kann). wieder mal ne perle, die - schwuppdiwupp - in der gülle versunken ist. bitte nachhören, lohnt!

  • User: emerson brady
  • emerson brady 21.05.2002 | 09:01:20

    genau!!! zu unrecht untergegangen die!

  • User: Chuck Coleman
  • Chuck Coleman 21.05.2002 | 10:42:49

    Die waren nicht nur auf Platte geil,
    sondern auch live. Ich hatte zweimal
    das Vergnügen sie zu sehen. Hab
    seither keinen Sänger mehr
    gesehen, der so elegant auf die
    Bassdrum drauf gesprungen ist. ´Ne
    gute Band einfach!

  • User: babsie
  • babsie 21.05.2002 | 10:47:04
    ich bin nicht kerstin grether.
    big dip hat die auch mehrfach gesehen und ist nurnurnur am schwärmen. die sind aber zwischenzeitlich auseinander, isnt it?

  • User: arthurpewtey
  • arthurpewtey 21.05.2002 | 11:20:11

    Also ich kenn nur "The Future Is Medium", aber die kracht ordentlich!

  • User: babsie
  • babsie 21.05.2002 | 11:37:11
    ich bin nicht kerstin grether.
    also: compulsion sind aufgelöst, deren ehemaliger songwriter ist nun als "jacknife lee" unterwegs. war meine ahnung also richtig...

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