Cocteau Twins

originale leben länger

13.04.1996, 11:06, Text: Autor unbekannt

Es wäre wohl etwas vermessen zu behaupten, die Briten hätten mit ihren nebulösen Klängen ein eigenes Genre geschaffen - doch schaut man sich ihre Epigonen gerade in der deutschen \"Gothic\"-Szene an, so ist ihr Einfluß kaum zu unterschätzen. Dabei war die Band nie spektakulär, in erster Linie einfach \"schön\", dabei zugleich undurchschaubar und - zumindest was die abstrusen Texte Liz Frazers angeht - undefinierbar.
Für viele \"alte\" COCTEAU TWINS-Fans (zu denen sich auch der Autor dieser Zeilen zählt) war allerdings mit dem ‘84er Album \"Treasure\" bereits der künstlerische Zenit erreicht. Das zeitgleich veröffentlichte Album \"It'll End In Tears\" des „4AD“-All-Star-Projekts THIS MORTAL COIL enthielt zudem einige der schönsten Songs, die die ungleichen Zwillinge selbst nie geschrieben und aufgenommen haben (allen voran Tim Buckleys \"Song To Siren\").

Stilistische Aufbrüche wurden mit dem \"Ambient\"-Nachfolger \"Victorialand\" oder der Zusammenarbeit mit dem amerikanischen New Age-Pianisten Harold Budd versucht, doch tatsächlich wurde der definierte Weg nie wirklich verlassen. Was wohl auch niemand erwartet oder wirklich gewollt hätte. Die COCTEAU TWINS sind die COCTEAU TWINS sind die COCTEAU TWINS. Wirklich überraschen konnten nur die ‘90er LP \"Heaven Or Las Vegas\" sowie das bislang letzte Werk, \"Four Calender Cafe\" (‘93), bei dem die TWINS ihre Feengesänge in kompakte Popformen einschweißten. Doch wer auf wirklich neue Aspekte gehofft hatte (wie es ihre von SEEFEEL-Musiker Mark Clifford produzierte ‘94er Ambient-E.P. \"Otherness\" prophezeite), wird mit dem neuen Album \"Milk And Kisses\" um Jahre zurückgeworfen. Genauer gesagt ins Jahr 1988, denn bei den Sessions zu \"Blue Bell Knoll\" hätte es auch entstanden sein können. Dieselben Instrument, dieselbe heute doch schon etwas antiquiert klingende Produktion ...
\"Es gibt viele Leute, die es gern sehen würden, wenn wir ein ganzes Album machen würden, das so klingt wie unsere experimentelleren Singles und E.P.s. Doch das wäre ein zu drastischer Wechsel, wir fühlen uns damit nicht wohl. Wir haben keine wirklich neue Richtung - und wir brauchen das auch nicht! Wir probieren zwar gerne viele Dinge aus, doch ein guter Song bleibt ein guter Song - egal, wie du ihn produzierst. Und wenn es um ein Album geht, bevorzugen wir lieber unseren erprobten Stil. Er paßt einfach besser.\" Hat Simon Raymonde denn keine Angst, mittlerweile nicht vielleicht doch etwas altmodisch zu klingen? Vielleicht wäre ein externer Produzent keine schlechte Idee? \"Viele unserer Fans verfolgen unsere Karriere bereits seit Anfang der 80er Jahre. Und wir sind immer noch dieselben Leute mit denselben Vorlieben und Geschmäckern. Doch würdest du Leuten wie MORRISEY oder KATE BUSH auch den Vorwurf machen, sie seien zu altmodisch?! Wir haben die 80er und bis jetzt auch die 90er überlebt. Und sieh es einmal so: Wir gehören zu den wenigen Bands, die einen eigenen Stil haben, einen eigenen Stil geschaffen haben. Wenn du OASIS sagst, daß sie so klingen wie die BEATLES oder MOTT THE HOOPLE, schlagen sie dir ins Gesicht! Doch es gibt keine Band, die so klingt wie die COCTEAU TWINS. Das sollte man sich immer vor Augen halten, und darüber bin ich immer noch sehr glücklich.\"
Wobei es den COCTEAU TWINS mit Alben wie \"Four Calender Cafe\" oder \"Heaven Of Las Vegas\" schon - zumindest ansatzweise - gelang, ihren eigenen kleinen Kosmos zu durchbrechen. Nicht so mit \"Milk And Kisses\", sicher kein schlechtes Album, doch gerade alte Fans, die Alben wie \"Treasure\" oder \"Blue Bell Knoll\" in ihr Herz geschlossen haben, brauchen es wohl am wenigsten, nicht einmal aus nostalgischen Gründen, denn ihre Gefühle konnten sie schon mit den \"Originalen\" ausleben. Doch für Liz Frazer ist \"Milk And Kisses\" eine \"völlig neue Erfahrung\" gewesen; auch glaubt sie, daß das Album - zumindest textlich(!) - selbst für alte Fans neue Aspekte birgt ...: \"Die Texte sind klarer und persönlicher, als sie es je waren. Gleichzeitig spiele ich wieder mehr mit Klängen und Worten. Scheinbar ein Widerspruch, aber auf 'Milk And Kisses' hat es besser funktioniert als sonst. Doch sonst gebe ich dir recht: Es ist ein typisches COCTEAU TWINS-Album. Das besondere an uns drei so unterschiedlichen Persönlichkeiten ist der Automatismus der Zusammenarbeit. Und das ist keine Gefahr, sondern ein großer Vorteil, der uns einzigartig macht. Oftmals, wenn ich für andere Musiker wie z. B. Dan Bathers singe, habe ich große Selbstzweifel, fühle mich unsicher und nicht richtig aufgehoben; ich weiß nie, welchen Eindruck ich hinterlasse. Doch wenn ich in den Schoß der Band zurückkehre, ist nicht nur ein großer Konsens da, sondern auch eine große Selbstverständlichkeit, die die Musik fast von selbst entstehen läßt. Unser aller Wertigkeit hängt von den anderen Musikern ab.\"



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aus Intro #34 (Mai 1996)
 
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