Sun

olympische bestleistung

07.04.1996, 18:53, Text: Autor unbekannt

Da „Nitro“, so der Arbeitstitel, bereits um die Karnevalszeit von Moses Schneider im Düsseldorfer „Skyline-Studio“ aufgenommen und produziert worden war, geht es zum Zeitpunkt meines Besuches im Hannoveraner „Horus Studio“ nur noch um die Detailpflege am Mix. Das Warten, bis Mixer Klaus Peter „Pete“ Schmidt endlich zur Audition bittet, verbringen wir mit einigen lockeren Plauderstündchen:

Zunächst begrüßt mich ein sichtlich wohlgelaunter Kurt (b), der sogleich von einer nahegelegenen Lokalität, in der man äußert leckeres, obergäriges Starkbier serviert, erzählt. Der kurz darauf erscheinende Gitarrist Ralf ist denn auch prompt vom vorangegangenen Abend gezeichnet.

Warten ist müßig, erfahre ich von den beiden, die ihre zwölf Tage in der niedersächsischen Landeshauptstadt meistenteils auf diese Weise verbracht haben. Zu ihrer größten Freude gab’s jedoch fast jeden Abend ein Fußballspiel im Fernsehen, womit sich die leidenschaftlichen Anhänger von Mr. Mittelfinger und Schwalbe Dahlin zumindest einen Teil des Wartens versüßen konnten. Sänger Jörg Schröder hingegen, mittlerweile auch auf der Bildfläche erschienen, teilte diese Freude ganz und gar nicht, gehört er doch zu jener Sorte Mensch, die eher dem Schöngeistigen zugewand sind.
Endlich ist es soweit, die Band - auch Schlagzeuger Bogdan Skowronek hat sich eingefunden -, Manager und Plattenfirmenvorstand werden nebst meiner Person zur Anhörung gebeten: Zum Auftakt trifft uns ein unkontrollierter Handkantenschlag an die Schläfe, „Six Reasons Why I Can’t Stand Your Pure Presence“. Ungewohnt nervös und schräg, aber genau der richtige Einstieg. In vom Vorgängeralbum bekannte Gefilde führen „Chroma“ und „Eighteen“, wobei letzteres sofort enorme Ohrwurmqualitäten und leichte Reminiszenzen an die BEATLES offenbart. „Luna“ besticht dann mit einem Refrain zum Dahinschmelzen und endet furios in einem ORFFmäßigen Orchestralpart. Ähnlich melodiös kommt auch „Nervous“ daher. Sehr sphärisch und verspielt wirkt „Brutal Killer“, in dem sich die schon von „Stolen“ bekannte Flöte wiederfindet. „Good Morning You Are Braindead“ hingegen ist der passende Song nach einem Starkbierabend. Wie ein Raubtier springt der Refrain einem ins Genick, und die schräge Grundstimmung verdrängt auch den letzten Rest Blut aus dem Alkoholspiegel. Das folgende „Start“, eine Art Pflichtstück, fällt nicht weiter auf, läutet jedoch den Kürteil der Platte ein. „Accelerator“ führt in eine ganze andere SUN-Welt: Eine Mischung aus 80er Disco-Anleihen und 60er Psychedelik, unterlegt mit mono-tonen Synth-Bässen, versetzt in Euphorie, die mit dem Einsatz abgedrehter Saxophonklänge ihren Höhepunkt erreicht. Mit „TV’s Talking Bullshit“ folgt das aggressivste Stück, während das Instrumental „Schlangtanz“ und „Helmet Off“ mit ungewohnt technoiden bzw. ambienten Anleihen zu begeistern wissen. „Look For Your Well And Find It“ zeigt, daß auch Barjazz-Anklänge kein Tabu für Rockmusiker darstellen, wohingegen das abschließende Titelstück nach dem zwanzigsten Joint entstanden sein könnte. Endlos psychotische Klangwellen legen ihre Krallen in die Gehörgänge und lassen nicht mehr los ... Schwer vereinnahmt von den vielfältigen Eindrücken und Facetten dieser Audition verlasse ich den Abhörraum. „Nitro“ hat seine Wirkung im wahrsten Sinne des Wortes nicht verfehlt. Nun muß das Album nur noch die Blockade in den Köpfen hiesiger Musikjunx weggesprengen, damit der Band endlich die Aufmerksamkeit zuteil wird, die ihr schon seit langem gebührt. Die mit „XXXX“ schon sehr hoch angelegte Meßlatte vermögen SUN hier leichtfüßig zu überspringen; und das schafft eine Ausgangsposition, die besser kaum sein könnte.



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aus Intro #34 (Mai 1996)
 
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