Ash

the world seems so alive

05.04.1996, 14:34, Text: Autor unbekannt

Da sitzen sie auf dem Sofa, Tim und Mark von ASH, neben mir Rick. Sie wissen schon, sie können ganz, ganz groß werden, und sie sind so verdammt jung. Tim sieht ein bißchen aus wie früher mal BAND OF HOLY JOYs Johny Brown - dunkel, poetisch, Mark, jetzt mit rotgefärbten Haaren, so als spiele er schon sein ganzes Leben in dieser Gruppe - und muß trotzdem nachher noch zur Schule, Rick ist der obligatorisch vernünftige boy next door. Mein Gott, wenn die Welt ASH entdeckt ...

Tim: Wir machen ASH seit vier Jahren, die letzten beiden sind wir mehr ins Gespräch gekommen. Letztes und dieses Jahr hatten wir jeweils drei Songs, glaube ich, in John Peels „Festive Fifty“, was ein gutes Zeichen ist, zeigt, daß wir eine solide Fanbasis haben.
Ihre unglaublich energischen Singles sind zum festen Bestandteil der Independent Charts geworden.

Obwohl auf der einen Seite Peel und auf der anderen die regulären Charts („Girl From Mars“ #11, „Angel Interceptor“ #15), wird die Gruppe etwas einseitig wahrgenommen.
Mark: Früher hat man uns als „Noiseniks“ abgeschrieben, jetzt sollen wir „Pop“ sein.
Tim: Ich glaube, das Album wird das alles ändern. Wir haben mittlerweile eine ganze Menge Fans, und die werden nicht enttäuscht sein. Es ist wirklich ein vielseitiges Album. Owen (Morris, OASIS-Produzent, A. d. V.) hat genauso dafür gearbeitet wie wir, wir können echt zufrieden sein. Es ist eine Co-Produktion, ASH und Owen Morris.
Mark: Es ist unser erstes richtiges Album. Seitdem wir in den Charts waren, werden wir manchmal als oberflächliche Gruppe gesehen.
Tim: Da sie das Album noch nicht kennen, haben viele Leute mißverstanden, worum es geht, was ASH ist. Unsere Songs gehen schon ziemlich tief ...

„Ihr seid nicht alt genug!“ höre ich mich sagen. Ihr seid nicht alt genug, um solche Songs zu schreiben! „Lost In You“, mitten in der Nacht, Freundin weit weg, Telefon geht nicht. Er ist erst 19, singt „you are always on my mind“, und es klingt so einfach, so unbekümmert, daß man vergessen könnte, diese Worte sind schon mal gesagt oder gesungen worden. Es ist keine Parodie, keine Referenz, keine Wiederholung. „Unser Produzent mußte weinen, als er das hörte, ihm ging es genauso.“ (Tim) Ich erzähle, wie ich früher auf Reisen nie meine Uhr umgestellt habe, egal, wo ich war, damit ich wußte, wann ich anrufen konnte. Tim (streckt seinen Arm aus): „Sieh da, das mache ich auch.“ - „Okay, ihr seid trotzdem zu jung“, sage ich. Ich meine, ein etwas älterer Mann muß an „The Only Ones“ denken, wenn er “Girl From Mars“ hört.

Tim: Oh ja, „Another Girl, Another Planet“, das kenn ich. Ich bin gerade dabei, mir THE BUZZCOCKS anzuhören, weil der Name uns so oft gesagt wurde. Die kannte ich gar nicht, die und THE UNDERTONES.
Mark: SEX PISTOLS-Fragen, die kriegen wir auch. Tim: War für uns nichts, auch nicht wegen „1977“. NIRVANA, das waren unsere SEX PISTOLS, denke ich. INTRO: Hattet ihr die Möglichkeit, viele Bands in Nord-Irland zu sehen, oder eher nicht?
Tim: Nicht so viele, wir waren schon ziemlich oft in Belfast, das liegt etwa 20 Meilen von zu Hause. Wir haben es geschafft, NIRVANA zu sehen, das war großartig. Mark: Früher haben wir gräßliche Metal-Bands gehört. Aber das durften wir, wir waren noch jung!
INTRO: Wie war es denn, „als ihr noch jung wart“, gab es viele Bands in Nord-Irland, so wie im Süden?
Tim: Es gab schon einige, aber sehr zerstreut, etwa eine pro Stadt. Nur, die meisten kommen da nie raus. Mark: Wir kennen noch so viele Leute, die nie wegkommen werden. Vielleicht ziehen sie nach Belfast, aber das war’s dann. Das ist der größte Sprung, den sie machen werden. Nach England, das ist eine Nummer zu groß. Rick: Sie tragen sich immer wieder für Kurse ein: Tims Freunde an der Uni, Marks in der „Tech“ (Hochschule, A. d. V.)!
INTRO: War ASH für euch ein Versuch, den größeren Sprung zu schaffen?
Tim: Wir haben es nicht so bewußt gesehen, wir waren noch so jung (!). Musik ist eine ernste Sache für uns. Wir wollten unbedingt Musik machen, wir sahen es nicht als „Ausweg“.
INTRO: Da wir beim Thema „Ausweg“ sind, wie ist es mit Drogen in Irland?
Tim: Sehr verbreitet, es gibt echt viel ... Mark: Nicht so die richtig harten Sachen, aber dafür Mengen an Speed, Ecstasy und so.
INTRO: Da meine ich so was gehört zu haben ... Mark: „Goldfinger“ handelt von Drogen ...

Die Single „Goldfinger“, mal wieder vier Minuten Pop-Himmel, amphetaminklare Gefühle, „The World Seems So Alive“, die Leichtigkeit der jungen PRIMAL SCREAM („Crystal Crescent“), eine kleine musikalische Phrasierung aus „Mrs. Robinson“ - das können sie doch nicht kennen, oder? Höchstens von THE LEMONHEADS. In anderen ASH-Songs sind Bruchtstücke von Melodien wie „Strangers In The Night“ und „New York, New York“ zu hören ..., aber auch RAMONES, ach, was soll’s. Who cares, wo das herkommt.

Tim: Man hat uns sogar als die irischen „GREEN DAY“ bezeichnet!
Mark: Wie wär’s mit den irischen „SILVERCHAIR“? INTRO: Ist das schwierig für euch, schon auf diesem Level zu sein? Tut mir leid, ich denke nur, das passiert alles ziemlich schnell.
Mark: Unser Manager hat es sehr geschickt angefangen, die Steigerung ist nicht zu hart gekommen, kein Hype. Wenn das Album veröffentlicht wird oder noch mehr, wenn „Oh Yeah“ als Single im Sommer rauskommt, dann wird’s wohl knallen.
INTRO: Top Ten?
Tim: Wir wären schon ein wenig enttäuscht, wenn es nicht Top Ten gehen sollte. Unser Manager kann es immer noch nicht fassen, daß man uns nicht früher entdeckt hat. Eine Kassette landete bei ihm in London, obwohl wir gar nicht so viele Tapes verteilt hatten. Er brachte gleich die erste 7“-Single heraus. Wir mußten diese Phase mit ständig Hin- und Herfahren, Dealsuche gar nicht durchmachen.
Mark: Das ist wirklich ein Armutzeugnis für das Musikgeschaft in Irland. Verschlafen. Mittlerweile gibt es einige Leute, die meinen, uns entdeckt zu haben. INTRO: Also seht ihr euer Zuhause jetzt in London? Mark: Es ist eine Art „Home from Home“. Aber wir sind eh fast ununterbrochen unterwegs.
Tim: Ich war gerade ein paar Tage zu Hause, es war schön, „getting away from it all“. Ich überlege, nach London zu ziehen. Irgendwann sollte man wohl in einer richtigen Großstadt leben, muß nicht für immer sein.

An dieser Stelle wird das Interview etwas surreal. Rick verschwindet kurz, um ein Tape zu holen. „Kennst du den ‘Hidden Track’ schon? Es ist eine Art Spoken Word. Aber auch nicht. Musik ist es auf keinen Fall“ (Marc). Wir hören uns gemeinsam den Hidden Track an. Die drei Kids lachen sich kaputt. Mark, neugekaufte „Star Wars“-Figuren neben sich auf dem Sofa, spricht jedes Wort lautlos mit, wie er es möglicherweise bei „Krieg der Sterne“ auch tut. Tim und Rick lachen schon zuviel, um den „Text“ mitsprechen zu können. Kids, heutzutage. „Der ‘Hidden Track’ wird schon dafür sorgen, daß diese Platte nie in Vergessenheit gerät ...“ (Marc).
Ich bin anderer Meinung, mich fasziniert, wie einfach das klingt, diese Musik. Ich denke an Talente wie Jay Mascis, aber sie haben nichts von seiner idiosynkratischen zeitlupenartigen Dissonanz. ASH war einfach, bis jetzt. Kann das so bleiben? Muß es kompliziert werden, um überleben zu können? Ich frage mich echt, was aus ASH werden soll: Sie wissen schon, daß sie gut sind; ich weiß nicht, ob sie schon kapieren, wie groß sie sind ... Haltet Euch fest. Oh yeah.



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aus Intro #34 (Mai 1996)
 
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