Der Rock’n’Roll-Reporter

die erlebnisse des ralf m. brunkow

01.04.1996, 22:53, Text: Autor unbekannt

5. und letzter Teil: MOTEL, HOTEL, HOLIDAY INN

\\\"Die NEW KIDS sind so sauber und unschuldig, daß sie quietschen, wenn man sie drückt. Deshalb sind sie bei Kindern und Eltern so unglaublich beliebt\\\", schlußfolgerte BRUNKOW in einer WDR-Reportage über deren unglaublichen Erfolg. In der Rolle eines \\\"N.K.O.T.B.-Experten\\\" hatte ihn der zuständige Redakteur des Senders vor die Kölner Sporthalle gezerrt, um Fragen der wartenden Fans zu beantworten. \\\"Ich kam mir vor wie der Märchenonkel. Kleine Mädchen fragten mich nach Joey und den anderen, wollten mich anfassen, Autogramme, heulten und schrien.\\\" Eltern, die über den Kontakt des Journalisten zur Band wußten, riefen verzweifelt bei BRUNKOW in New York an, baten flehentlich, ihre hysterischen Kinder an die Musiker heranzubringen.

\\\"Mein Problem dabei war, daß das Telefon zumeist mitten in der Nacht klingelte, weil die Leute den Zeitsprung von Deutschland nicht bedachten.\\\" Bei einem Auftritt in der Frankfurter Festhalle klappten innerhalb der ersten 20 Minuten mehr als 100 junge Mädchen zusammen. \\\"Rund um die Uhr fuhren Krankenwagen vor, wie Taxis bei großen Empfängen vor Hotels.\\\"
TAKE THAT, das britische Gegenstück zu den NEW KIDS, begleitete BRUNKOW auf ihrer ersten, ungleich kleineren US-Tournee durch High-School-Aulas. \\\"Die Kids haben überhaupt kein Interesse an den Engländern gehabt. Die sind nach einigen Songs rausgerannt. Es war peinlich.\\\" Bekanntermaßen änderte sich dies später.
Ein Star, der ebenfalls beide Seiten der Erfolgs-Medaille kennt, ist MEAT LOAF. Nach der \\\"Rocky Horror Picture Show\\\" und \\\"Bat Out Of Hell\\\" (1976) kam der tiefe Fall. In einem miesen Hotel in Manhattan lud sein Manager Mitte der 80er zum Interview. BRUNKOW traf eine Fleischkugel, die ihren Namen zu Recht trug. Aufgedunsen von Alkohol und Drogen, klagte der alternde Star über Geldprobleme und Ehekrise. Beim Comeback mit \\\"Bat Out Of Hell II\\\" saß der Reporter einem geläuterten MEAT LOAF gegenüber. Abgespeckt und nüchtern freute der sich: \\\"Mir geht's gut, auch ohne die Flasche.\\\"
\\\"Trinken Sie gerne mal einen Schluck Alkohol?\\\" so der Zeitungsmann beim Fernsehinterview zum reichlich angeschickerten Hollywoodstar KATHLEEN TURNER. Antwort: \\\"I like a good drink and sometimes I get pissed.\\\" Hoppala! Die Diva hatte an diesem Tag auf die Maske verzichtet und lallte herrlich schmuddelig in die Kamera. Ein grausiger Zynismus verbarg sich hinter BRUNKOWs Frage an RIVER PHOENIX: \\\"Was hältst du von Stars, die Drogen nehmen?\\\" Antwort: \\\"Ich werde niemals welche probieren, denn es ist gegen Gottes Wille.\\\" Zwei Jahre später starb PHOENIX an den Folgen eines sogenannten \\\"Speedballs\\\", einer Mischung aus Heroin und Crack.
Grundehrlich und straight hingegen, ganz seinem Image entsprechend, traf der Reporter auf Kanadas Kuschelrocker BRYAN ADAMS. Das Interview fand backstage direkt unter dessen Roadies statt (Foto). \\\"Will stu mit mirr Eisenban speelen?\\\" fragte ADAMS zum Auftakt. Sein Vater war jahrelang als Diplomat in Wien gewesen. Sohn Bryan spricht aus dieser Zeit noch einige Brocken mit typischem \\\"Schmäh\\\"-Einschlag, sein Vokabular jedoch beschränkt sich auf Idiome der Kindsprache wie Spielsachen oder Süßigkeiten. Zum Soundcheck erfüllte der Rocker BRUNKOW dann den Wunsch einer Unplugged-Version seines Klassikers \\\"Run To You\\\".

Schier unerschöpflich sind BRUNKOWs Erzählungen und Anekdoten von den kleinen und großen Stars im Popuniversum. Unser Reiseleiter durch das Reich des Glamour sprudelt über vor Erinnerungen. Wir könnten noch berichten, wie JON LORDs Keyboard während eines Konzerts von DEEP PURPLE zusammenbrach, wie KIM BASINGER ihre Vergangenheit als Countrysängerin auf der Gitarre bewies, wie sich BOY GEORGE beim Interview um sein Outing drückte oder wie sich nach einem zweistündigen Gespräch in einem Chicagoer \\\"Holiday Inn\\\" BRUNKOWs Gegenüber als CLARENCE CLEMONS entpuppte.
Aus gesundheitlichen Gründen mußte der ROCK’N’ROLL-REPORTER im vergangenen Jahr seine Arbeit in den USA beenden. In Hamburg-Rotherbaum ist er heute als Übersetzer von amerikanischen Kriminalromanen und Liedertexten tätig. Für das nötige Kleingeld schreibt er unter Pseudonym Trivialromane beim Axel Springer-Verlag. \\\"Mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen schildere ich, wie es hinter dem unscharfen Duschvorhang zu ersten, schüchternen Zärtlichkeiten zwischen Ulrike und Frank kommt\\\", kommentiert der Autor. Parallel arbeitet BRUNKOW an seinem Vermächtnis, einem semibiographischen Roman über den Verfall des Journalismus durch dessen zunehmende Kommerzialisierung. \\\"Da steigt der Leser aus!\\\" lautet die Überschrift eines Kapitels, in dem der Journalist seinen ehemaligen Chefredakteur zitiert. BRUNKOWs Memorien machten ein Aussteigen sehr schwer. Und so ist die Moral der Story vom ROCK’N’ROLL-REPORTER, daß die besten Geschichten immer noch das Leben schreibt.



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aus Intro #34 (Mai 1996)
 
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